Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 67.1930-1931

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DIE VERBORGENEN WERTE DES KUNSTWERKS

Meister und ihre Werke werden durch
Umgang und tiefer dringende Kenntnis
nicht „bekannter", sondern vieldeutiger, rätsel-
reicher, also „unbekannter". Je genauer man
sie kennt, desto mehr nehmen sie die Eigen-
schaft der Unerschöpflichkeit an. Bis man eines
Tages merkt: man wird sie niemals so „kennen",
wie man Dinge oder Sachen „kennt", die uns
durch Bekanntheit geläufig, gewohnt, unpro-
blematisch werden. Sondern man wird sie
kennen wie Welt und Leben, die durch Be-
kanntheit nur reicher an Sinn und Fragen, er-
giebiger an Erlebnis, Bedeutung und Erschütte-
rung werden. Nur einem Menschen, der das
Leben sehr gut kennt, kann das Leben auf eine
ernste Weise fragwürdig, also ganz neu, also ganz

„unbekannt" werden. Jahre- und Jahrzehnte-
lang muß man mit einem Kunstwerk oder einem
Meister gelebt haben, um in eine bestimmte
Klasse von Fragen, die an sie zu richten
sind, hineinzuwachsen. Man muß viele Bilder
von Rembrandt oder Grünewald gesehen und
wiedergesehen haben, um eines Tages vor der
Frage zu stehen: Wer ist dieser Mann? Wie
gerät er in diese Zeit? Was sagt er dieser Zeit
— und was ruft er aus dieser Zeit heraus mir
zu? Welcher Dämon hat ihn bewegt? Welche
ewigen Kräfte reden aus ihm? Erst wenn diese
Fragenklasse auftaucht, erst wenn der Künst-
ler in dieser ernsten Weise „würdig der Frage"
geworden ist, hat das Verhältnis zu ihm den
eigentlichen Ernst gewonnen........ w. m.

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