Heidelberger Volksblatt — 7.1874

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regnigten Tag. Marie ſuchte ſo viel als möglich ruhig
zu erſcheinen, ſie ging langſam auf Jenny zu und reichte
ihr den Brief hin.
"Von Bodo!" ſagte ſie, bemüht, das unwillkürliche
Zittern ihrer Stimme zu verbergen.
Jenny lächelte glücklich und nahm den Brief - ſie
öffnete und las - Mariele's Auge richtete ſich mit
angſtvoller Erwartung auf ſie, ſie ſah, wie Jenny's
Wangen bleicher wurden, wie ihr Athem plötzlich raſch
und gepreßt ging.
"Bodo iſt krank geworden," wandte Jenny ſich,
nachdem ſie geleſen, mit von Thränen ſchimmernden
Augen an Marie - "und wie es ſcheint, ſehr krank
- er will mich ſehen - natürlich werde ich ſogleich zu
ihm eileu."
Sie ging nach ihrem Zimmer. Dort überflog ſie
noch einmal die wenigen Zeilen des Geliebten - ſie
waren augenſcheinlich mühſam und mit zitternder Hand
geſchrieben und lauteten:
"Mein ſüßes Mädchen - ein unerwartetes Ereig-
niß hat mich auf das Krankenlager geworfen - erſchrick
nicht, ich bin in Gottes Hand - ich habe große Sehn-
ſucht, Dich zu ſehen, eile, eile zu


den großen Dimenſionen angelegte Gebäude nicht. Die
innere Anlage des Hauſes iſt einfach die, daß um ei-
nen hohen und breiten, viereckigen, ſchachtähnlichen Raum
der zum Muſikſaal beſtimmt iſt, die Wohnzimmer her-
umliegen; zu den im erſten Stocke gelegenen gelangt
man beiderſeits auf eiſernen Wendeltreppeu. Die grö-
ßeren dieſer Wohnzimmer laſſen an Zweckmäßigkeit der
Anlegung in allen ihren Verhältniſſen nichts zu wün-
ſchen übrig und werden, ſind ſie einmal (wie man hört)
ebenſo prachtvoll als bequem eingerichtet, ihren Bewoh-
nern alle nur denkbare Behaglichkeit gewähren. Aber
auch für Befriedigung aller möglichen ökonomiſchen Be-
dürfniſſe iſt in Richard's Wohnhaus nach Angabe Co-
ſima's, die beim Bau das entſcheidende Wort führte,
in ausgiebigſter Weiſe geſorgt, und Alles, was das
Herz begehren mag, iſt hier zu finden: die kühlſten
Kellerräume, eine geräumige Prachtküche im Souterrain,
manche Prälatenküche weit hinter ſich laſſend; ferner
große Apparate zur Heizung des Hauſes, in dieſes her-
eingeleitetes Quellwaſſer, Badeſtuben mit Marmorwan-
nen und verſchiedene Kammern und Kämmerchen für
ökonomiſche Zwecke aller Art. Es iſt kein Zweifel,
Wagner's Wohnhaus entſpricht dem gewählteſten und
auch verwöhnteſten Geſchmack, ſo daß ſich mit dieſem
Gentlemansſitze auch ein Engliſcher Lord zufrieden ge-
ben würde, zumal da auch für Stallungen und Remi-
ſen geſorgt iſt. Jedoch hat Wagner auch noch für ed-
was anderes geſorgt: für eine Ruheſtätte im Tode.
Begibt man ſich aus dem Gartenſalon die gegen den
Hofgarten zu führende Steintreppe hinab, durchſchreitet
den die Facade des Hauſes umgebenden großen, mit
einem Springbrunnen und reichen Blumenbeeten gezier-
ten Platz, ſo gelangt man zu buſchigen Anlagen, welche
von Spazierwegen durchſchlängelt ſind. Da, wo die
Buſch- und Baumpartien am dickſten ſind, erblickt man
eine große, breite, glänzend polirte Platte des herr-
lichſten graugeſprenkelten Marmorſteins; ſie bedeckt eine
Gruft, Wagner's einſtige Ruheſtätte, deren Benütz-
ung aber Alle noch weit hinausgerückt wünſchen und
auch glauben; denn wenn das Sprichwort wahr iſt:
"Gut gewohnt iſt halb gelebt", ſo iſt die erſte Hälfte
deſſelben von Richard und Coſima in glänzender Weiſe
erfüllt.

Deinem Bodo."
Thränen verdunkelten beim Leſen dieſer Zeilen ih-
ren Blick ſie ſank in die Knie und faltete betend die
Hände: "Gott," rief ſie, "was du mir auch ſchicken
mögeſt, gieb mir Kraft, es zu tragen!" - Schnell
nahm ſie Hut und Tuch und entfernte ſich.
(Fortſetzung folgt.)

Mannichfaltiges.

Richard Wagner's Wohnhaus.1 Auf einem
von der Stadtgemeinde Bayreuth Richard Wagner
unentgeltlich eingeräumten, ſehr umfangreichen Grund-
ſtücke zwiſchen dem ſogenannten Rennweg, einer Haupt-
ſtraße Bayreuths, und dem ſchönen Hofgarten mit ſei-
nen ſtattlichen Bäumen, iſt innerhalb eines Jahres ein
anſehnliches Gebäude entſtanden, Wagner's Wohnhaus.
Weit abgerückt von der Straße und in die Tiefe des
Grundſtückes verlegt, ſteht daſſelbe umgeben von kunſt-
vollen Garten Anlagen! beiderſeits ſind Oeconomie-Ge-
bäude, auch ein zierliches Glashaus fehlt nicht. Von
der Straße aus führt eine breite Avenue zwiſchen ge-
ſchmackvoll angelegten Laubengängen geradeswegs auf
den hinteren Eingang des Hauſes, denn Wagner's
Wohnhaus präſentirt ſich der an dem Straßengitter vor-
überwandelnden Welt nur von der Rückſeite. Deren
Aſpect iſt nicht vortheilhaft: eine breite und hohe Wand
mit nur drei Oeffnungen, der Hinterthür und oben zu
beiden Seiten je einem großen runden "Augenfenſter".
Weit vortheilhafter, doch keineswegs ſtylgerecht, iſt auf
der gerad entgegengeſetzten, dem Hofgarten zugewende-
ten Seite des Hauſes deſſen Facade: mehr als Hoch-
parterre und erſten Stock enthält indeß daß ſonſt in

Willkommener Jrrthum.] (Der Herr För-
ſter kommt Früh 3 Uhr aus dem Wirthshaus. Wie
er im Begriff iſt, ſich auszuziehen, erwacht ſeine Frau.)
"Aber, mein Alterle! Willſt Du denn ſchon wieder auf
die Pirſch, denk' doch an Deine Geſundheit - geh,
bleib' daheim!" - "Haſt Recht, Weiberl - 's is
g'ſcheidter, ich leg mich nieder!"
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