Heidelberger Volksblatt — 7.1874

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Heidelberger

olksblatt.

Jr. 38.

Mittwoch, den 13. Mai 1874.

7 J.L
1. Eg.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt beim Verleger, Schiffgaſſe 4
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten

Der Mulatte.

Novelle von C. Brunn-Gabris

beiteten, indem bald das Gerücht ausgeſprengt wurde,
wir ſeien gekommen, um Sklaven zu rauben, oder zur
Flucht zu verlocken, oder indem man uns bald hier,
bald dorthin lockte und wir ſo falſchen Spuren folgten.
Ein Glück war es ſür mich, daß ich keine Koſten zu
ſcheuen brauchte. O wie gerne, mein Sohn, hätte ich
Dich glücklich im Beſitz dieſer Reichthümer geſehen,
hätte Dir meine Liebe bewieſen, da nur Du allein ge-
blieben warſt. Du warſt ja weit mehr zu bektagen wie
Deine Mutter. Du ſollteſt der Stolz, die Freude mei-
nes Alters ſein, Dir Bildung und Keuntniſſe erwerben
- und nun! - ein armer, mißhandelter Sklave! O,
mein Sohn, mein Sohn! Jch ſtehe am Ende menes
Lebens, ich ſühle meine Kraft erlöſchen und kann nichts
mehr thun, als mein Vermächtniß dem treuen Rintle
übergeben. Möge es ihm gelingen, Dich aufzufinden,
zu befreien, Dir die Hinterlaſſenſchaſt Deines Vaters
und ſeinen Segen zu bringen. - Lebe wohl, mein ge-
liebter Sohn! Meine heißeſten Bitten für Dein Wohl
werden mein letzter Gedanke, meine Liebe für Dich noch
im Sterben in meinem Herzen ſein.
Dein Vater
Georg Horſt.
Fenno war tiefbewegt. "Mein armer Vater!" rief
er erſchüttert, "mußte der elende Keech auch ihn un-
giücklich machen! Das Glück einer ganzen Familie ver-
nichten. Und dennoch - nicht Zorn und Schmerz ſol-
len mich erfüllen, auch Dank - wie glücklich war mein
Loos im Vergleich zu dem, das meine Eltern defürch-
teten! O, Herr Walden, wie viel Dank bin ich Jhnen
ſchuldig!"
"Still, mein Junge", verſetzte dieſer gerührt, "ich
wollte, ich könnte mehr für Dich thun!"
"Und Jhnen", wandte ſich Fenno an Mr. Rintle
"Sie treuer, guter Freund meines Vaters, anch Jhnen
Dank, viel Dank für Jhre Güte, daß Sie mich ſo treu-
lich ſuchten!"
Mr. Rintle hatte ihn in ſeine Arme geſchloſſen.
Alle Drei waren ergriffen von dem, was ſie erfahren,
doch miſchte ſich in ihre Trauer auch innige Freude.
- Mr. Rintle verſprach, noch einge Wochen zu ver-
weilen, dann wollte er zurück in ſeine Heimth kehren.

(Fortſetzung).
Jch hatte früher Gelegenheit gehabt, ihm einen
Dienſt zu leiſten, und er wahrte mir eine ſtete Dank-
barkeit, ſo daß er, als er mich ſo gramvoll wiederfand,
in mich drang, ihm den Grund mitzutheilen. Jch that
es, und kaum hatte ich ihm Alles erzählt, ſo fragte er
haſtig:
"Wie hieß der Advokat, der im Auftrage Deiner
Frau handelte?"
"Mr. Keech", antwortete ich.
"Unglücklicher!" rief mein Freund, "in welche Hände
biſt Du gerathen! Eben Mr. Keech war ja der, der mich
um meine ganze Baarſchaft betrogen hatte, als Du
Dich meiner annahmſt. Wie konnteſt Du nur ſo leicht-
gläubig ſein! Deine Frau werd Dich - nachdem ſie
ſechs Jahre lang ſo glücklich mit Dir geweſen iſt -
verlaſſen, ohne einen vernünftigen Grund anzugeben.
Und meinſt Du denn, eine Frau, die ſich in ſolcher
Weiſe von ihrem Manne trennt, wäre nicht zu ſtolz,
um Geld für ihr Kind zu fordern; ſie würde lieber für
dasſelbe hungern, ehe ſie das thäte. Glaube nur, von
dem Gelde hat ſie keinen Pfennig bekommen, das hat
Keech eingeſteckt."
Mir fiel es wie Schuppen von den Augen; auch an
den Brief des Advokaten Praud dachte ich, der mich
nach Pittsburg gelockt, ich erzählte es meinem Freunde.
Wir berathſchlagten nun mit einander, was zu thun
ſei, um meine arme Sara und mein Kind aufzufinden;
denn was mochte der Betrüger dieſen vorgeſpiegelt und
in welche Lage mochte er ſie gebracht haben. Du kannſt
Dir wohl denken, mein Fenno, daß dies unſägliche
Mühe koſtete, denn Niemand war da, der uns einen
Anhalt hätte geben, uns auf die richtige Spur hätte
leiten können, und viele Jahre waren inzwiſchen ver-
gangen. Und ſo vergingen auch Jahre, ehe die unaus-
geſetzten Bemühungen einen Erfolg hatten. Jch war
in Verzweiflung, als ich hörte, welches Loos Euch ge-
troffen. Jch bin jetzt der Farm nahe, die Mr. Walden
beſeſſen hat - Niemand weiß oder will wiſſen, was
aus Dir geworden iſt. Und dabei müſſen wir mit der
größten Vorſicht zu Werke gehen, da wir bei unſern
Nachforſchungen mehrmals auf feindliche Machinationen
ſtießen, die uns heimlich und verborgen entgegen ar-

VJJJ.

"Elſinore, weißt Du ſchon, daß Fenno nur noch
kurze Zeit unſer Hausgenoſſe ſein wird?" fragte Herr
Walden.
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