Heidelberger Volksblatt — 7.1874

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Boden des "heiligen Rußlands" betrat. Gefahr konnie
auf mich lauern in jedem Glas, das ich an meine Lip-
pen ſetzte, in jeder Speiſe, die ich genoß; jedes Hals-
tuch konnte für mich zur erdroſſelnden Schlinge, jedes
Meſſer und jeder Dolch für mich zum Todesſtahl wer-
den. Das Bewußtſein der Gefahr iſt mit mir aufge-
ſtanden und hat ſich mit mir niedergelegt, ſo daß die-
ſelbe am Ende aufgehört hat, ein Schreckgeſpenſt für
mich zu ſein."
"Aber ſie nimmt immer greifbarere, immer deutli-
chere Geſtalt an; ich beſchwöre Eure kaiſerliche Hoheit,
ſie jetzt, nur jetzt nicht zu unterſchätzen!" flehte die
Fürſtin.
"Einen Augenblick noch!" bat die Großfürſtin, in-
dem ſie die Kniende empor und auf den Rand des Bet-
tes zog, worauf ſie einen koſtbaren Pelz, der über der
Lehne eines nahen Seſſels hing, um ſie breitete. "Für
jetzt", fügte ſie mit einem unbeſchreiblich anmuthigen
Lächeln hinzu, "liegt die Gefahr mir am nächſten, daß
mein Liebling, die Fürſtin Daſchkow, ſich einer unheil-
baren Erkältung ausſetze." Die Fürſtin bedeckte ge-
rührt die wunderſchön geformten Hände der Grosfür-
ſtin mit Küſſen: "Und nun", fügte die letztere, ſich
leicht in ihre Kiſſen zurücklehnend, mit vollkommener
Ruhe hinzu, "theilen Sie mir mit, was Sie mir zu
ſagen haben."
"Kaiſerliche Hoheit, die Kaiſerin Eliſabeth iſt ſchwer
erkrankt - das wiſſen Alle. Was aber nicht Alle
wiſſen, was heute Abend als eine Nachricht unumſtöß-
licher Gewißheit, gleichviel aus welcher Quelle, zu mei-
ner Kenntniß kam, das iſt, daß die Czarewna, ſoweit
menſchliche Einſicht reicht, nur wenige, ganz wenige
Tage noch zu leben hat."
Der Athem der Großfürſtin ging plötzlich ſchneller
und die Großfürſtin fühlte, wie der Arm, der ihren
Nacken umhielt, ſich feſter um ſie legte.
"Kaiſerliche Hoheit", fuhr die Sprecherin fort, "ich
muß ein kühnes Wort wagen, muß eine Frage aus-
ſprechen, die ſeit langem ſchon auf meinen Lippen
brennt. Hoheit kennen die Gunſt, welche der Großfürſt
meiner Schweſter, der Gräfin Eliſabeth zugewendet.
So lange die Czarewna lebt, würde dieſe nie geſtat-
ten, daß Eure Hoheit in Jhren Rechten irgendwie ge-
kränkt würden. Aber weun dieſe zwei Augen ſich ſchlie-
ßen, wenn keine kraftvolle Hand mehr ſchirmend über
Jhrem Haupte waltet - haben Eure Hoheit ſchon
einmal feſt in's Auge gefaßt, was dann ſich ereignen
könnte?"
"Die Großfürſtin Katharina könnte ſterben, ſehr
plötzlich, ſehr unerwartet ſterben, zum Bedauern des
ganzen Hofes", ſogte Katharina mit einem bitteren
Lächeln, "und Eliſabeth Romanowna würde an der
Seite meines Gemahls, an Peter's JJJ. Seite, den
Ezarenthron von Rußland beſteigen."
"Um Gotteswillen und das ſagen Eure kaiſerliche
Hoheit ſo ruhig?" rief die Fürftin Daſchkow entſetzt."
"Kann ich etwas anderes thun?" fragte die Groß-
fürſtin kalt; "ſteht es in meiner Macht, dies Ver-
hängniß abzuwenden, umgeben, wie ich bin, von Spio-

nen, durch welche jeder meiner Schritte, die unbedeu-
tendſte meiner Handlungen dem Großfürſten hinter-
bracht wird? - Glauben Sie aber nicht auch, Katinka
Romanowna", fuhr fie plötzlich, ſich hoch aufrichtend,
mit blitzenden Augen fort, "glauben Sie nicht auch,
daß es bitter ſein würde, ſcheitern zu müſſen ſo kurz
vor dem Ziele, nachdem man ſiebenzehn Jahre hindurch
Mißhandlungen und Demüthigungen in nnunterbroche-
ner Folge geduldet hat, immer in der Hoffnung, daß
man einmal, ſei es früher, ſei es ſpäter, dieſes letzte,
große, lockende Ziel erreichen werde? Für jetzt aber,
ſo wie Sie mich hier ſehen, Fürſtin, bin ich ohnmäch-
tiger, für die Erreichung dieſes Zieles irgend etwas zu
thun, als der elendeſte Bettler in den Straßen St.
Petersburg's, dem wenigſtens die Freiheit des Han-
delns und Sichbewegens geblieben iſt."
"Wohlan denn", erwiderte ſich erhebend die Fürſtin
in entſchloſſenem Tone, "ſo müſſen Jhre Freunde für
Sie handeln, kaiſerliche Hoheit! Den Verſuch, auf
meine Schweſter einzuwirken, ſei es in Güte, ſei es mit
ernſten Vorſtellungen, habe ich längſt aufgegeben. Mit
ihrer aalglatten Geſchmeidigkeit entſchlüpft ſie mir ſtets
in dem nämlichen Augenblick, in welchem ich meine,
ſie gefaßt zu haben. Laſſen wir ſie alſo bei Seite!
Aber, Gott ſei Dank! mehr als ein Herz ſchlägt in
unbegrenzter Ergebenheit für Eure kaiſerliche Hoheit!
Da ſind die beiden Raslowlew's, Laſſunski, Kapitän
Paſſik und Major Bredichin von meines Gemahl's Re-
giment, Prinz Bariatinski, die beiden Orlow's -"
Ein lauernder Blick flog bei Nennung dieſes letzten
Namens aus Katharina's Augen über das Geſicht der
Fürſtin; dieſe aber, ohne in ihrem Eifer deſſelben ge-
wahr zu werden, fuhr fort: "Sie Alle würden freudig
ihr Blut ſür Eure kaiſerliche Hoheit dahingeben. Auch
Marſchall Raſumowski und Herr von Panin, der Er-
zieher des jungen Großfürſten würden zu gewinnen
ſein -"
Katharina ſchüttelte traurig den Kopf. "Die Chan-
cen, eine Aenderung der Dinge herbeizuführen, ſind
zu gering, zu ſchrecklich dagegen iſt die Rache, die ein
verunglücktes Unternehmen zu erwarten hat. Wiſ-
ſen Sie, Fürſtin, welches Loos aller jener treuen und
aufopferungsvollen Männer im Falle der Entdeckung
harren würde?"
"Der Tod oder lebenslängliche Verbannung nach
den ſibiriſchen Eisgefilden - ich weiß es, kaiſerliche
Hoheit! Und dennoch, und wenn es gälte, tauſend
Tode zu ſterben, das unmöglich Scheinende muß ge-
wagt werden zu Jhrem Heile, meine angebetete Her-
rin, zum Heile des Vaterlandes, das dem Verderben
zutreibt, wenn nicht eine kraftvolle Hand die Zügel
der Regierung gefaßt hält."
Die Großfürſtin zog die Sprecherin, deren Wangen
vor innerer Erregung glühten, feſter an ſich. "Vor
allen Dingen, Katinka Romanowna, mein Liebling,
ſtürzen Sie ſelber nicht meinetwegen ſich in's Unglück,
wenn Sie nicht wollen, daß durch mein ganzes Leben
das Gefühl nagenden Vorwurfs mich begleiten ſoll."
Ein ſtolzes, glückliches Lächeln zog über das nicht
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