Heidelberger Volksblatt — 7.1874

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der neuen Ordnung der Dinge Jeder ohne Ausnahme
ſeinen Einfluß und ſeine Geltung zu vergrößren: nur
wo dies am ſicherſten und erfolgreichſten geſchehen, ob
bei dem Czaren ſelbſt oder bei ſeiner Gemahlin - da-
über waren eben die meiſten noch im Unklaren. Denn
ſo wenig Katharina bis dahiu beſtimmend in den Lauf
der Ereigniſſe eingegriffen hatte, unmöglich war es,
ſich dem mächtigen Eindruck ihrer Perſönlichkeit zu ent-
ziehen, und wie ein dunkles Vorgefühl lebte es in
Allen, weſſen man ſich dereinſt von dieſer Frau zu
verſehen habe.
Mittlerweile war der Frühliug herangekommen.
Den bereits unmittelbar nach Peter's Thronbeſteigung
mit Preußen angeknüpften Waffenſtillſtandsverhandlun-
gen, die dem großen König nach den Unglücksſchlägen
des vorhergegangenen Jahres - 1761 - ſofort nach
einer Seite hin Luft verſchafften, war am 16. März
1762 der Friedensvertrag in Stargard gefolgt, als
deſſen weitere Konſequenz am 5. Mai das Bündniß
zwiſchen Preußen und Rußland geſchloſſen ward, in
Folge deſſen die ruſſiſchen Truppen, welche ſo viele
Jahre hindurch gegen Friedrich JJ. gekämpft hatten,
nun in den Reihen der Preußen gegen ihren ſeitheri-
gen Bundesgenoſſen, die Oeſterreicher, fochten.
Am Abend der Unterzeichnung des Vertrages ſtrahl-
ten die ganze rieſige Front des Winterpalaſtes ent-
lang die Fenſter im hellſten Kerzenglanz. Zum erſten
Male ſeit dem Tode Eliſabeth's wogte eine feſtlich ge-
ſchmückte Verſammlung durch die prachtvollen Räume.
Es war des Kaiſers ausdrücklicher Wille, daß ein Feſt,
glänzend, wie es bis dahin noch nicht gefeiert worden,
das Ereigniß verherrlichen ſolle. Der geſammte Pe-
tersburger Adel der drei erſten Klaſſen, ſowie alle
fremden Geſandten mit ihren Attaches, waren dazu
geladen morden. Am Arm des Kaiſers, der ſeine
Lieblingstracht, die preußiſche Uniform, trug, erſchien
die Kaiſerin, und ein Flüſtern der Bewunderung lief
durch die Reihen der verſammelten Gäſte. Noch nie
hatte man Katharina ſo ſchön geſehen, noch nie hatten
dieſe großen, ſtrahlenden Augen ſo majeſtätiſch und ſo
hinreißend freundlich zugleich geblickt, noch nie dieſer
feine Mund ſo liebreizend gelächelt. Eine ſchwere,
ſeegrüne Seidenrobe umſchloß die impoſante Geſtalt,
deren wunderſchön geſormte Büſte, Hände und Arme
ſich in alabaſterner Weiße von dem Stoff abhoben.
Um den Hals trug die Kaiſerin das rothe Band des
Katharinenordens, in ihrem Haar funkelte eine Dia-
mantagraffe, ſonſt führte ſie keinen Schmuck, und wahr-
lich! dieſe Erſcheinung bedurfte keines ſolchen, um zu
glänzen! Das aufgedunſene, pockennarbige Geſicht des
Kaiſers dagegen trug unverkennbar den Ausdruck der
Uebellaunigkeit und Langenweile. Der Befehl zur
Veranſtaltung des Feſtes verdankte im Grund nur ei-
ner vorübergehenden Laune ſeine Entſtehung. Peter
JJJ. war nichts weniger als ein Freund von Hoffeſt-
lichkeiten, die ihm denn doch ſtets einen gewiſſen
Zwang auferlegten, während er, wo er ſich wohl füh-
len ſollte, Freiheit haben mußte, ſeine volle Ungebun-
denheit oder, richtiger geſagt, Nohheit zu entfalten.

Nachdem ein Kammerherr an die Majeſtäten her-
angetreten war und mit tiefer Verbeugung die Mel-
dung gebracht hatte, daß ſervirt ſei, führte der Kaiſer
unter Voranttitt des Oberceremonienmeiſters ſeine Ge-
mahlin nach dem glänzend dekorirten Speiſeſaale, in
welchem dieſelbe an ihrem gewöhnlichen Platz an der
Mitte der langen Tafel ſich niederließ, während jener
ſich alsbald an das eine Ende des Tiſches begab und
ſeinen Sitz an der Seite des preußiſchen Geſandten
einnahm. Gegen das Ende des mit allem Raffinement
des Luxus ausgeſtatteten Mahles orhob ſich der Kaiſer
und brachte mit lauter Stimme die Geſundheit der
kaiſerlichen Familie aus, während zu gleicher Zeit auf
ein vorher verabredetes Zeichen die vor dem Palaſt
aufgepflanzten Kanonen ihre dröhnenden Stimmen er-
hoben und den kaiſerlichen Worten Beifall zuzudonnern
ſchienen. Huldvoll lächelnd verneigte ſich Katharina
nach allen Seiten hin zum Dank für die wenigſtens
dem Anſchein nach, mit ſoviel Wärme geſpendete Zu-
ſtimmung. Jn dem Geſicht des Kaiſers jedoch ſtieg
eine zornige Röthe auf. "Gudowitſch!" wandte er ſich
barſch an den hinter ſeinem Stuhle ſtehenden General-
Adjutanten, "begeben Sie ſich auf der Stelle zur Kai-
ſerin und fragen Sie dieſelbe, warum ſie es nicht der
Mühe werth halte, bei dieſem Trinkſpruch ſich zu er-
heben?"
Eine peinliche Empfindung prägte ſich anf dem
Geſicht des Adjutanten aus. Doch da der Kaiſer be-
reits ein ungeduldiges: "Nun, wird's bald?" hervor-
ſtieß, ſo blieb ihm nichts anderes übrig, als dem Be-
fehl zu gehorchen. Mit möglichſter Ehrerbietung in
Ton und Haltung entledigte er ſich in der nächſten
Minute ſeines unwillkommenen Auftrages, nicht ohne
daß ſeine Augen beſchämt zur Erde ſanken vor dem
ſtaunend-erzürnten Blick, mit welchem die kaiſerliche
Frau ihn maß. "Sagen Sie Jhrem Herrn", lautete
die ohne einen Augenblick des Beſinnens gegebene Ant-
wort, "daß ich es nicht für nöthig hielt, mich zu erhe-
ben, da nur der Kaiſer, ich ſelbſt und der Großfürſt
in dieſem Toaſt einbegriffen ſein können."
Wiederum verneigte ſich der Adjutant ehrfurchts-
voll und ging, dem Gebieter dieſe Antwort ſeiner Ge-
mahlin zu überbringen. Doch die Züge Peter's ver-
zerrten ſich, wie ſie es immer thaten, wenn irgend et-
was ſeinen Zorn erregte. "Elende Ausflucht!" ſtieß
er wüthend hervor. "Als ob die Kaiſerin nicht wüßte,
daß meine Oheime, die Herzöge von Holſtein, ſo gut
zur kaiſerlichen Familie gehören, wie ſie ſelber, die
Tochter eines der kleinſten und obſcurſten deutſchen
Höfe. Sagen Sie ihr das, Gudowitſch, und fügen
Sie hinzu, daß ich keine Mißachtung meiner Familie
dulde, ſei es, von wem es ſei, und daß ich dies Gebot
nöthigenfalls mit meiner Fauſt auf die Rücken ſchrei-
ben werde."
Entſetzt, ſeinen Sinnen nicht trauend, trat Gudowitſch
einen Schritt zurück. Majeſtät, ich ſollte - -!"
"Das ſollen Sie ihr überbringen! Wörtlich!" ſchrie
der Kaiſer mehr, als er ſprach. Der unglückliche Ad-
jutant hob zögernd den Fuß und that einige Schritte,
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