Heidelberger Volksblatt — 7.1874

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Der König der Zigeuner.

(Fortſetzung).

zunächſt angeredet habe, er ſoll Allen zu Gute kommen.
Der gute Erfolg mit dem der Himmel unſern Fleiß in
unſerm Berufe geſegnet, hat mich, liebe Kinder, in den
Stand geſetzt, jedem von Euch 100 Lſtr. zu vermachen,
ein freilich nur kleines Kapital, durch das Jhr aber
den Grund zu einem größern legen könnt, und das
Euch vor allen Dingen nur als Beweis dienen ſoll,
wie jeder von Euch ein Vermögen gleich dem meinigen
verdienen kann, wenn Faulheit und Laſter ihn
nicht daran hindern. Die Mittel zu Eurem glück-
lichen Fortkommen will ich Euch noch näher an die
Hand geben. Ruft Euch dazu nur zurück, wie auch
unſere Verbindung gleich allen anderen Gewerbstrei-
benden ihren Vortheil aus den Bedürfniſſen, den Lei-
denſchaften oder den Schwächen der Mitmenſchen zieht.
Die beiden Hauptleidenſchaften, welche der Menſchen-
bruſt inne wohnen, und die Jhr namentlich ausnutzen
müßt, ſind nun Eitelkeit und Mitleid; beide be-
einfluſſen die Handlungen der Menſchen vielfach, wenn
auch die Eitelkeit die mächtige der beiden iſt. Verſteht
Jhr dieſe Eigenſchaften gehörig auszubeuten, ſo kann
Euch ein glücklicher Erfolg nicht fehlen!
Einſt gab es eine Zeit, wo ſolche Regeln mir Gol-
des werth und mehr denn Goldes werth waren; aber
jetzt, da ich alt geworden, da mir die Kraft des Kör-
pers und des Geiſtes ſchwindet, ſind ſie für mich we-
niger wichtig, höre ich doch immer mehr auf, ein Ge-
genſtand des Mitleids zu ſein; denn nicht was wirklich
traurig iſt, erregt das meiſte Mitleid, ſondern gerade
das erheuchelte Unglück, das mit vielen Worten zu ma-
len weiß, bewegt der meiſten Menſchen Herzen am tief-
ſten; ich aber bin nun zu alt, um zu heucheln. Nehmt
drum die Grundſätze, welche mich durch's Leben leite-
ten, als mein Vermächtniß und macht ſie Euch zu eigen
mit demſelben Erfolge, mit dem ich es gethan!
Haltet gerade doppelt innig zuſammen, weil Jhr
Brüder ſeid und daſſelbe Gewerbe treibt; Eiferſucht und
Brodneid ſind ein Krebsſchaden am Körper der Genoſ-
ſenſchaft. Nehmt lieber ein Beiſpiel an den Advoka-
ten! Sie ſchaaren ſich zuſammen in ihren Wirthshäu-
ſern wie die Doktoren in ihrem Kolleg; und weiter
ſchauet die Krämer in Ludgate-hill und die Kleidertröd-
ler in Monmouthſtreet an! Was Einer von ihnen nicht
hat, hat der Andere, und wenn ein mitleidiges Herz
von einer traurig geſpielten Scene nicht gleich ergrif-
fen wird, ſo wirkt vielleicht eine zweite um ſo beſſer,
und iſt die Barmherzigkeit nur erſt geweckt, da ſäumt
ſie auch nicht lange, hülfreiche Hand zu leiſten. Merkt
Euch dies, und darum laßt das Elend in paſſenden
Zwiſchenräumen in einer und derſelben Straße auftre-
ten! Die Geſchichte, die den Einen nicht zu Thränen
rührt, bewegt doch den Andern; gleichgültig hört der
Vorübergehende vielleicht des Erſten Klage an; aber
wenn zwanzig auf einander folgende verſchiedene Er-
zählungen von Noth und Kummer keinen Eindruck auf
ihn machen ſollten, ſo müßte er ja wirklich von Stein
ſein.

Dieſe großen allgemeinen Verſammlungen ſchlingen
zugleich ein feſtes Band um das locker lebende Volk:
das Band der Liebe und Einheit, und die alſo gepflegte
Liebe, ihr Fundamentalgeſetz, treibt ſie, ſtets das Ge-
ſammtwohl in's Auge zu faſſen, brüderlich zu einander
zu halten ſelbſt auf Koſten des eignen Vortheils.
Einen Einblick in die Myſterien dieſer großen
Bettlerbande läßt uns Bampfylde-Moore-Carew thun
und giebt uns mit demſelben den Beweis, daß auch ihr
Parialeben ſeine Lichtmomente hat, und daß ein ziem-
lich tiefes pſychologiſches Studium der Menſchennatur
ihnen den Erfolg ihrer Unternehmungen ſichert. Bam-
pſylde-Moore war ein Engländer von guter Familie,
der gegen Ende des 17. Jahrhunderts lebte. Schwär-
merei und Abenteuerſucht führten ihn, den verlorenen
Sohn eines Geiſtlichen, in die Arme der Zigeuner, und
es gelang ihm, ſich das Vertrauen des Volkes, zu dem
er deſertirte in ſo hohem Grade zu erwerben, daß die
allgemeine Stimme ihn nach de Ableben des alten
Claux Patch zum Bettlerkönige erhob. Die letzten Au-
genblicke ſeines greiſen Vorgängers, die Abſchiedsrede
deſſelben und die neue Königswahl ſchildert Moore -
nicht der Dichter, auch England hatte eine Art von
Räuberhauptmann dieſes Namens - ungefähr folgen-
dermaßen:
Als der gute, alte Bettlerkönig Claux Patch, deſſen
Namen nicht nur in London, ſondern in ganz Europa
wohlbekannt war, ſein Ende nahen fühlte, rief er ſeine
achtzehn Kinder und alle ſeine Unterthanen, welche in
der Gegend lebten, zu ſich, um von ihnen Abſchied zu
nehmen. Mit ſchweren Herzen fand ſich eine große
Menge Zigeuner an dem beſtimmten Verſammlungsorte
zur feſtgeſetzten Stunde ein. Der ehrwürdige alte Kö-
nig ließ ſich in die Verſammlung auf einem hohen
Seſſel tragen und dieſen inmitten der Seinen nieder-
ſetzen. Zunächſt ſchaarten ſich ſeine Kinder um ihn,
den weiteren Kreis bildeten die Unterthanen. Auf den
Geſichtern Aller prägte ſich tiefer Knmmer aus beim
Anblick ihres greiſen, ſchwachen Oberhauptes. Das
Auge des Königs ruhte kurze Zeit ſichtlich bewegt auf
ſeiner Umgebung; ſeine letzten Kräfte ſammelnd, neigte
er ſich dann vorwärts und begann in feierlicher Rede:
"Kinder nnd Freunde, oder vielmehr Jhr alle meine
Kinder, da ich Euch ja Alle mit der Liebe eines Va-
ters umfaſſe, ich habe Euch von Eurer Arbeit hierher
rufen laſſen, um vor meinem Tode noch einmal ein ge-
meinſchaftliches Mahl mit Euch zu halten. Ehe ich von
Euch ſcheide, will ich noch einmal Euer Buch durchſe-
hen, und Jeder von Euch ſoll aus meiner Privatkaſſe
eine Summe von dem Betrage empfangen, wie er ſie heute
vor acht Tagen verdient hat. Damit meine Erben nicht
unzufrieden mit dieſer großmüthigen Handlung ſind,
erinnere ich daran, daß es die letzte Verſchwendung iſt,
deren ich mich ſchuldig mache; meine übrige Hinterlaſ-
ſenſchaft iſt ihr rechtmäßiges, ungetheiltes Eigenthum;
mein Rath aber ſoll nicht nur meinen Erben, die ich

(Fortſetzung folgt.)
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