Heidelberger Volksblatt — 7.1874

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trübten an, ſo bleibt ihr noch ein ſicheres zweites Mit-
tel; denn wißt, nur zwei Dinge machen ein hübſches
Frauenzimmer unglücklich: ein ſchlechter Ehemann oder
der Mangel an einem Ehemann. Jm letztern Falle
erweiſt ſich das zweite Mittel probat, nämlich: eine
Schilderung davon, wie glücklich man verheirathet ge-
weſen, wie aber mit dem Geliebten, der vor einer
Woche geſtorben, all' das Glück auf immer geſchwun-
den ſei.
Eine ſtattliche aber aufgeputzte Schöne, der die Ei-
telkeit aufgeprägt iſt, braucht Jhr nur bei ihrem lieb-
lichen Geſichte um einen Pfennig anzuflehen; merkt
Jhr dann an dem Rümpfen ihrer Naſe, daß ſie ſich
vor einem unangenehmen Anblick entſetzt, ſo ſchickt Je-
mand zu ihr, der ihr ein krankes Bein, einen kahlen
Kopf oder eine ekle Wunde zeigen muß, und ſie wird
nicht karg ſein. Noch Vieles könnte ich Euch ſagen;
aber die Rede wird meiner Zunge ſchwer. Wendet
dieſe Lehren nur an, und ſie werden Euch Früchte
bringen, und nützen ſie Euch ſo viel ſie mir dieſe acht-
zehn Jahre lang, ſo will ich gern ſterben."
Sichtliche Erſchöpfung gebot dem Greiſe, inne zu
halten; nach kurzer Zeit ſammelte er aber noch einmal
ſo viele Kräfte, um fortfahren zu können:
"Da mein Lebenslicht noch nicht erliſcht, ſo will ich
die kurze mir gebliebene Friſt noch benutzen, um zu
Euch wenige Worte über meine Thätigkeit als König
zu reden. Jch rufe den Himmel zum Zeugen an, daß
ich Euch alle mit väterlicher Liebe geliebt habe; dieſe
meine ſchwachen Glieder und mein gebeugter Geiſt ſind
in der Sorge für Euer Wohl alt geworden, und oft
haben dieſe nun trüben Augen mit Vatertreue für
Eure Sicherheit gewacht, während Jhr ſchlieft. Jch
rufe Euch alle zu Zeugen, daß ich ein unparteiiſches
Regiſter über Eure Handlungen geführt habe, und daß
kein Verdienſt meiner Aufmerkſamkeit entgangen iſt.
Jm Frieden ſcheide ich daher, doch, einen letzten Rath
möchte ich Euch noch geben, daß Jhr Euch bei der
Wahl meines Nachfolgers nicht parteiiſch von der Rück-
ſicht auf meine Familie leiten laßt, ſondern nur den
als Euer Oberhaupt, als Euren König anerkennt, der
der Würdigſte iſt." Hier ſchwieg er, ſank in ſeinen
Stuhl zurück und athmete noch einmal tief auf; es war
zum letzten Mal. Die Trauer, der unverhohlene Kum-
mer, der nun die Kinder und Unterthanen des Ge-
ſchiedenen überwältigte, läßt ſich nicht beſchreiben.
Man hörte nichts als Klagen und Seufzen über den
harten Verluſt in der ganzen Verſammiung. Nachdem
ſich der erſte Schmerz ein Wenig gelegt hatte, wurde
das traurige Ereigniß nach allen Häuſern und Schen-
ken des Königreiches gemeldet, wo Glieder der Genoſ-
ſenſchaft verkehrten, und zugleich erging eine Auffor-
derung an Alle, ſich an einem beſtimmten Tage zur
Wahl eines neuen Königs in London einzufinden.
(Schluß folgt.)

"Armer Kerl, ich fühle Dein Leid!" und ſchnell wie
die Thräne dem Auge des Bittſtellers entrann, wird
die Hand des Leidtragenden in die Taſche gleiten und
wenigſtens einen Schilling hervorholen.
Erfahrt ihr ein ander Mal, daß der Herr des
Nachbarhauſes krank iſt, ſo belagert ſein Weib vom
Morgen bis zum Abend und ſagt, daß Jhr Tag und
Nacht für die Geneſung ihres Eheherrn beten wollt.
Will das Verhängniß, daß er ſtirbt, ſo bedenkt, daß
der Kummer während der erſten vierzehn Tage ſein
Recht fordert, mag der Verſtorbene nun getaugt haben
oder nicht; der Kummer aber führt zum Mitleid.
Jn den erſten vierzehn Tagen ſchickt drum eine der
Schweſtern zu der Trauernden, laßt ſie ihr klagen, daß
ſie als arme Wittwe mit ſieben Kindern zurückgeblie-
ben iſt, daß ſie den beſten der Männer verloren und
von dem beträchtlichen Gewinn, den ſolche Klagen ihr
einbringen, laßt Euch abgeben!
Bei titelſüchtigen Leuten macht man ſein Glück am
Leichteſten, wenn man in der Anrede recht freigebig
mit Ehrennamen iſt; nennt den Stutzer "Herr Baron",
lobt ſeinen Rock und ſeine Perrücke und ſagt ihm, daß
ſeine Annäherung den Damen ſchmeichelhaft iſt. Be-
gegnet Jhr einem angehenden Lieutenant, wie ihrer
nur zu viele in unſeren Straßen umherlaufen, ſo titu-
lirt ihn "tapferer Herr General"; ja, das einzige
Mittel, von einem Geizhals einen Heller zu erpreſ-
ſen, bleibt, ihn als "einen barmherzigen Herrn" zu
preiſen.
Wie Jhr mit anderen Leuten verfahren müßt,
könnt Jhr deutlich auf ihrem Geſichte leſen; das Ge-
ſicht iſt bei vielen der Spiegel des Jnnern. Wenn Jhr
einem traurigen Geſichte in einem bunten Rocke begeg-
net, ſo glaubt ſicherlich, daß der Träger deſſelben ein
verabſchiedeter Offizier iſt; zu ihm ſchickt nur ein ar-
mes Weib, die ſich für die Wittwe eines Marineſolda-
ten ausgeben muß, und laßt ſie ihm erzählen, wie ihr
Mann nach zwölfjährigem treuen Dienſte am gebroche-
nen Herzen geſtorben iſt, da er ſeinen Abſchied ganz
ungerechtfertigt und zwar ohne Penſion erhalten hatte.
Seht Jhr einen einfach gekleideten Mann mit niederge-
ſchlagenem Blick aus einem vornehmen Hauſe kommen,
ſo könnt Jhr in den meiſten Fällen zu ihm herantreten
und zu ihm ſagen: "Guter, würdiger Herr, entſchuldi-
gen Sie meine Zudringlichkeit; aber ich bin ein rui-
nirter Handelsmann. Einſt blühte mein Geſchäft, die
ganze vornehme Welt kaufte bei mir; als es jedoch
an's Bezahlen ging, hatte ſie kein Geld." Und der
alſo Angeredete wird Euch verſtehen und Euch nicht
mit leerer Hand von ſich gehen laſſen.
Aber auch Damen werdet Jhr auf Eurem Wege
finden; in Bezug auf dieſe verſucht folgende Maßregeln.
Zu einer hübſchen Dame, deren Augen in Thränen
ſchwimmt, ſchickt nur dreiſt die erſte beſte Schweſter,
die ihr recht rührend vorzulügen verſteht, wie ſchlecht
ihr Ehemann ſie behandelt, wie er ſie ſchlägt, wenn er
trunken aus dem Wirthshauſe kommt, wo er den letz-
ten Reſt ihres Vermögens verpraſſt. Schlägt ſie mit
ſolcher Erzählung nicht die richtige Saite bei der Be-
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