Heidelberger Volksblatt — 7.1874

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ſtreckte mir ein geſpanntes Piſtol entgegen. Sein mas-
kirtes Geſicht war ſcharf von dem Lichte der Waggon-
lampe beſchienen und er hatte einen Ausdruck in ſei-
nen Zügen, der durchaus nicht auf Scherz ſchließen
ließ. Jch trat einen Schritt zurück, denn das kalte
Eiſen des Piſtols befand ſich gar zu nahe an meiner
Stirn, und wurde jetzt von hinten ergriffen, der Hel-
fershelfer des Räubers war durch eine andere Thür
eingetreten. Jch machte einen Verſuch, mich zu befreien
und mich mit ganzer Gewalt auf mein vis-a-is zu wer-
fen, aber der Verſuch mißlang. Jch ſah nur noch,
wie er ſein Piſtol verkehrt nahm, wie der Handgriff
der Waffe auf meinen Kopf niederfuhr, nnd dann hörte
ich ein Sauſen und Klingen, und es wurde blutroth
vor meinen Augen und die Sinne verließen mich.
Als ich zu mir ſelbſt kam, lag ich auf dem Fuß-
boden des Wagens, zu ſchwach, um mich zu bewegen;
die Thüren ſtanden beide offen und der Winterſturm
fuhr mit ſeiner ganzen Gewalt hindurch; der Kälte
und Näſſe hatte ich es wohl zu danken, daß ich einen
Moment erwacht war. Jch wußte nicht recht, was mit
mir geſchehen war. Meine Gedanken wirbelten chaotiſch
durcheinander, wie die mit Regen gemiſchten Schnee-
flocken draußen. Jch wußte nur, daß ich eigentlich in
M. ſein ſollte und daß irgend etwas Schreckliches mit
mir vorgegangen. Da hörte ich plötzlich den ſchrillen
Pfiff einer Lokomotive aus der Richtung von M., und
ſo kunfus meine Gedanken waren, es fiel mir ſogleich
ein, daß der kommende Zug meinen Waggon zerſchel-
len mußte, wenn der Lokomotvführer bei dem Sturm
das Hinderniß auf ſeinem Wege nicht rechtzeitig ſah.
Jch machte einen verzweifelten Verſuch, mich zu erhe-
ben, aber es ging nicht, mein Kopf war ſchwer wie
Blei. Noch einmal ertönte der ſchrille Pfiff und die-
ſesmal aus größerer Nähe, und dann antwortete eine
andere Pfeife von der andern Seite. Es kamen ſich
zwei Züge entgegen - mir erſtarrte das Blut in den
Adern, noch einige Sekunden und mein Wagen mußte
zu Atomen zertrümmert und ich zerquetſcht ſein zu ei-
er formioſen Maſſe. Der ſchreckliche Gedanke und
der erlittene Blutverluſt warfen mich in eine neue,
wohlthätige Ohnmacht.

den unter den Sitzen angebracht, ich ſelbſt machte mir's
bequem, ſagte meinem Kollegen gute Nacht und der
Kondukteur ſchloß die Thüre. Als der Zug bereits
langſam in Bewegung war, ſah ich zwei Männer aus
der Eiſenbahn-Reſtauration kommen, quer über den
Perron laufen und in das nächſte Coupe meines Wag-
gons einſteigen. Das überraſchte mich beſonders deß-
halb, weil Beide ganz gleich gekleidet und Einer von
ihnen zweifelsohne der Mann war, welcher vorhin mei-
nen Weg vor unſerm Bankgebäude kreuzte. Jch ſah
das Alles beim Scheine der Laterne, welche der Kon-
dukteur hielt, der ihnen die Coupethüre öffnete. Wie
geſagt man iſt ſehr mißtrauiſch, wenn man viel an-
vertrautes Geld in ſeiner Nähe hat, und das Erſchei-
nen dieſer beiden Leute gefiel mir ſo wenig, daß ich
den Hausknecht erſucht hätte, mit mir zu fahren, wenn
das nicht zu ſpät geweſen wäre. Der Zug fuhr be-
reits mit voller Kraft aus dem Bahnhof hinaus und
brauste in einen Tunnel hinein. Jch hatte jetzt Zeit,
mir Alles zu überlegen, und fand, daß das Geld doch
im Ganzen ziemlich ſicher ſei. Mein Coupe war feſt ge-
ſchloſſen und vollſtändig durch eine ſtarke Scheidewand
von dem andern getrennt; außerdem behinderte die
Bewegung des Zugs Jedermann, mich von außen zu
erreichen, wie es mich freilich auch behindert hätte, zu
den Kondukteuren im vorletzten Wagen zu gelangen.
Das genügte im Grunde, und auf der nächſten Station
konnte ich immer noch Jemand zum größeren Schutze
des Geldes hereinnehmen, wenn ich mich wieder beun-
ruhigt fühlen ſollte. Mit dem Gefühle der Sicherheit
kehrte eine gewiſſe Erſchlaffung bei mir ein, die viel-
leicht eine Folge des Wetters und der Bewegung der
Eiſenbahn war. Jch lehnte mich in die weichen Pol-
ſter zurück und verſank in einen Traumzuſtand, der in-
deſſen durchaus kein Schlaf war, denn ich hörte jedes
Geräuſch und fühlte jede ſchlechte Schienenſtelle. Plötz-
lich war es mir, als ob der Zug langſa er ginge und
als ob das brauſende Geräuſch, welches ein im Lauf
befindlicher Train macht, in der Ferne erſtürbe. Jch
fuhr auf und ſah aus dem Fenſter. Himmel! was
war das? - Der Zug, an welchem mein Waggon an-
gehängt war, erſchien weit voraus und brauste mit ſol-
cher Geſchwindigkeit fort, während mein Waggon nicht
etwa ſtillſtand, ſondern eing retrograde Bewegung nach
W. machte. Und dieſe Bewegung zurück wurde immer
rapider, ohne daß ich die Kraft ſah, welche das be-
werkſtelligte - wir mußten hier an einer geneigten
Bahnſtelle ſein. Der Zurücklauf meines Waggons wurde
ſchneller und immer ſchneller, zuletzt ſo ſchnell, wie wir
vorhin vorwärts geſtrebt hatten, als der Wagen noch
am Zug hing, und mich packte namenloſes Entſetzen.
Meine Kniee zitterten, die Haare ſtanden mir zu Berge,
kalter Schweiß ſtand auf meiner Stirn ich war einer
Ohnmacht nahe, als der rapide Lauf des Waggons
etwas nachließ.
Endlich ſtand der Wagen. Jch hörte einen Ton
wie das Herumdrehen eines Schlüſſels, noch ein Mo-
ment und ich ſah die Thüre öffnen, nnd derſelbe Menſch,
welcher mir vor dem Bankgebäude begegnet war,

(Schluß folgt.)

Der König der Zigeuner
(Schluß.)

Am Tage vor der Wahl ſtrömten Bettler aus al-
len Theilen Englands der Hauptſtadt in Mengen zu;
denn ein jedes Glied der Geſellſchaft hat nicht nur das
Recht, bei der Königswahl mitzuſtimmen ein jedes Glied
hält es auch unverträglich mit der Freiheit, zu der der
Menſch geboren iſt, ein Privilegium nicht in Anſpruch
zu nehmen, das ihn in einer ſo wichtigen Angelegen-
heit mitwählen heißt.
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