Heidelberger Volksblatt — 7.1874

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Heidelberger

Vlkgblatt.

Jr. 19.

Samſtag, den 7. März 1874.

7. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt beim Verleger, Schiffgaſſe 4
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Schloß Uregg.

Criminal-Novelle von Wilhelm Andreä

Das Schloß Uregg, ein altes, aus Fachwerk erbau-
tes und aus der Renaiſſancezeit ſtammendes Gebäude,
liegt auf einer waldigen Anhöhe in einem der roman-
tiſchen Theile Deutſchlands. Etwa eine halbe Meile
von demſelben entfernt, breitet ſich in einem Thalkeſ-
ſel, der nicht minder ſchön iſt, und von Tannengehölz
umkränzt wird, das Benedictinerkloſter Marienthal aus.
Der Prior deſſelben, Benedict, war ein Jugendge-
ſpiele des Schloßbeſitzers, des Grafen Anton von Uregg,
denn der Vater des geiſtlichen Herrn war ein benach-
barter Gutsbeſitzer geweſen. Der in den Kinderjahren
geſchloſſene Freundſchaftsbund zwiſchen dem Prior und
dem Grafen hatte ſich als ein unzertrennlicher auch um
ihre ſpäteren Lebensjahre geſchlungen. So kam es
denn, daß der Prior im Schloſſe ein faſt täglicher Gaſt
war, wir würden ſagen Hausfreund, wenn der Graf
Familie gehabt hätte. Obgleich bereits am Ausgange
der Vierziger ſtehend, war er doch noch unvermählt,
ein Umſtand, der ihr beiderſeitiges Verhältniß nur noch
inniger machte.
Der Graf war ein Mann von höchſt mittelmäßi-
gen Geiſtesgaben, daher ſtolz auf ſeine Abkunft und
auf ſeinen Grafentitel, voll von Vorurtheilen und be-
fangen in den conventionellen Thorheiten ſeines Stan-
des, und ungeachtet ſeines faſt einſiedleriſchen Le-
bens ſtreng feſthaltend an den äußerlichen Formen der
Etikette.

Unwillen und Widerſpruch des Grafen, der indeſſen in
allen übrigen Dingen von ihm beeinflußt wurde.
Als ſie eines Tages wiederum plaudernd und rau-
chend im Schloſſe beiſammen ſaßen, lenkte der Graf
das Geſpräch mit einer humoriſtiſchen Wendung auf
das einförmige Leben der Hageſtolzen.
"Du empfindeſt nicht den Mangel einer geliebten
und liebenden Frau und die dadurch im Herzen ent-
ſtehende Oede und Leere, die mit den Jahren immer
größer wird" - ſo fuhr der Graf im Lauf der ange-
knüpften Unterhaltung fort - "denn Du haſt von
vornherein bei Deinem Eintritt ins Kloſter freiwillig
auf das Glück der Ehe verzichtet und die eherne Noth-
wendigkeit zwingt Dich, unvermählt zu bleiben und nur
Deinen Kloſterpflichten zu leben; wer aber, wie ich,
die Möglichkeit vor Augen ſieht, ſich einen Familien-
kreis zu ſchaffen und, wie natürlich, in meinen Ver-
hältniſſen das Bedürfniß dazu fühlt, dem wird Sehn-
ſucht im Buſen nimmer geſtillt, der wird nicht ablaſ-
ſen, zu ringen und zu kämpfen, bis er dieſes glückver-
heißende Ziel erreicht hat."
Der Prior war nach dieſer Aeußerung des Grafen
ſtumm vor Erſtaunen; er legte ſeine Cigarre bei Seite
und blickte den Freund halb fragend, halb verwunder-
ungsvoll an.
"Verſtehe ich Dich recht?" fragte er dann, "Du
haſt Neigung, Dich auf Deine alten Tage noch zu ver-
heirathen und Deiner goldenen Freiheit Lebewohl zu
ſagen?"
"Ja," lautete die Antwort des Grafen; "ich bin
ſogar dazu entſchloſſen. Du ſiehſt mich zweifelnd an,
aber ich gebe Dir die Verſicherung, daß es mein völ-
liger Ernſt iſt. Ganz abgeſehen von meiner Neigung,
muß ich dieſen Schritt zur Erhaltung meines Hauſes
thun; ich bin ihn meinen Ahnen und mir ſelbſt
ſchuldig."
"Seit wann, wenn ich fragen darf, haſt Du denn
dieſen Entſchluß gefaßt? Es ſcheint Dir plötzlich über
Nacht im Schlafe gekommen zu ſein."
"Nicht über Nacht, ſondern bei Tage," antwortete
der Graf von Uregg.
"Alſo verliebt? Du haſt Dich wirklich verliebt?"
"Du haſt es errathen."
"Darf ich wiſſen, wer die Holde iſt, die es ver-
ſtanden hat, Dein Herz zu feſſeln?"
"Warum nicht? Schon in nächſter Zeit werde ich
um ihre Hand anhalten und dann wird die Geſchichte
ja doch offenkundig: - es iſt Amalie von Eſſor!"

Der Prior dagegen war ein geiſtreicher und fein
gebildeter Herr. Sein einziger Fehler beſtand in ei-
nem zu großen Gelehrtendünkel, der Tadelſucht und
Spottluſt erzeugte. Sein durch Philoſophie gebildeter
und durch äſthetiſche Empfindſamkeit erwärmter Natur-
ſinn, ſeine richtige Anſicht von der Welt und dem
menſchlichen Leben, ſowie auch ſeine ungetäuſchte Be-
urtheilung des Werthes der Dinge entſprachen den
Anſichten und Meinungen des Schloßherrn keineswegs.
Seine Verachtung der herkömmlichen Sitten, oder rich-
tiger Unſitten, ſeine über alle Vorurtheile ſich erhe-
bende Lebensweiſe, ſein oft geäußerter Widerwille ge-
gen die große Welt, ſein kaltes Betragen gegen Solche,
die ihr angehörten, ſeine bittere Satyre über die con-
ventionellen Auswüchſe - alles dieſes erregte oft den
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