Heidelberger Volksblatt — 7.1874

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ben ſollten. Niemals war Herr von Uregg, als das
Kleeblatt den Rückweg zum Schloſſe antrat, von ſei-
ner jungen Gemahlin ſo herzlich geküßt worden, wie
dieſes Mal.

recht geworden zu ſein. Seine ſchlichte, gewiſſenhafte
Arbeit, bei der es ihm nur auf die Sache ſelbſt an-
kam, trat in den Augen der Menge vielfach gegen die
hohle, aber blendende Phraſe anderer Literar-Hiſtoriker
zurück.

(Fortſetzung folgt.)

Hoffmann von Fallersleben.

Von G. Jaquet

(Schluß.)

Hoffmann's Dichtungen ſchließen ſich eng an das
deutſche Volkslied an und zeichnen ſich vorth ilhafteſt
aus durch Lieblichkeit und Jnnigkeit. Nicht wenige
ſeiner Lieder ſind im Volksmunde heimiſch geworden
und werden es noch lange bleiben. Wir erinnern nur
an das feurige "Lied der Deutſchen", alſo beginnend:
"Deutſchland, Deutſchland über Alles,
Ueber Alles in der Welt,
Wenn es ſtets zu Schutz nnd Trutze
Brüderlich zuſammenhält!"
Eigenthümlich iſt es dabei, daß ihr Autor zu ſeinen
Liedern die anmuthigſten Geſangsweiſen erfand, ohne
ſelbſt muſikaliſch gebildet zu ſein. Mit ihm hat ſich
ein deutſcher Liedermund geſchloſſen, wie es anmuthi-
ger, volksthümlicher, melodienreicher kaum einen gege-
ben hat. Jn ihm war Etwas von einem "fahrenden
Sänger", wie er ſelbſt in ſeiner vor ein paar Jahren
zu Hannover erſchienenen Lebensbeſchreibung mit lie-
benswürdigem Humor ſich geſchildert hat. Jhm hatte es
Apollo gegeben, die Empfindungen des Volkes treu,
ſchlicht und echt poetiſch auszudrücken. Gegenüber den
vielen anderen politiſchen Gedichten der vielbewegten
vierziger Jahre unſeres Säculums, bewahren die ſei-
nigen einen Zug naiver Schönheit; von jeder Phraſe
frei, wirken ſie ergreifend durch Naturwahrheit. Dieſelben
ſind in Wahrheit "Lieder" und haben den Gedanken der
deutſchen Einheit und der gemäßigten Freiheit durch alle
Gauen unſeres Vaterlandes getragen. H. A. Hoffmann iſt
ſo recht eigentlich der Apoſtel dieſer beiden Jdeen geweſen.
Seine liebenswürdige Perſönlichkeit, ſeine hohe dichte-
riſche Begabung, ſein friſcher Humor kamen ihm dabei
zur Hülfe; ſeine Begeiſterung für die höchſten idealen
Güter unſeres Volkes aber mußte Jeden mit fortrei-
ſen. Charakteriſtiſch für ihn iſt es, daß im politiſchen
Dichter, welcher die Gebrechen einer unfreien Gegen-
wart rügte, gleichzeitig auch ein ſo fröhliches und nai-
ves Kindergemüth lebendig war, wie es ſeine zahlrei-
chen, köſtlichen Kinderlieder bekunden.
Bis in ſein hohes Alter hinein blieb die Muſe der
Poeſie ihrem als Menſch und Dichter gleich liebens-
würdigen Jünger hold. Die Klänge ſeiner Leyer be-
gleiteten noch den Schlachtenlärm des Franzoſenkrieges
wie das Kampfgetöſe des Streites gegen Rom's kul-
turfeindliche Ueberhebung. Bis zu ſeinem letzten Athem-
zuge nahm er ein reges, dichteriſch ſich äußerndes Jn-
tereſſe an Allem, was die Zeit und die Herzen ſeines
Volkes bewegte; und ſicherlich, ſein geliebtes deutſches
Volk wird ihm noch lange ein ehrendes Andenken be-
wahren!

Die der Märzerhebung des Jahres 1848 unmittel'
bar folgende Amneſtie Friedrich Wilhelm JV. für alle
politiſch Kompromittirten geſtattete unſerm Dichter nicht
nur die Rückkehr nach Preußen, ſondern hatte auch
ſeine Rehabilitirung zur Folge. Er erhielt ſeinen
Profeſſortitel zurück und die Hälfte des als ſolcher von
ihm bezogenem fixen Gehaltes als Penſion. Obwohl
dies nur wenige Hundert Thaler jährlich waren, ſo
flößte dies geſicherte Einkommen Hoffmann doch den
Muth ein, zur Gründung eines eignen Hausſtandes zu
ſchreiten. Er reichte im Sommer 1849, bereits ein
angehender Fünfziger, einem nur wenig begüterten,
aber braven und gebildeten Mädchen ſeine Hand. Die
Ehe war, trotz der erheblichen Altersverſchiedenheit der
Gatten, eine glückliche. An den Bewegungen und
Kämpfen der Jahre 1848 und 1849, ſowie an den ih-
nen folgenden parlamentariſchen Kämpfen nahm Hoff
mann keinen aktiven Antheil, ohne deshalb der Sache
der Freiheit und des Fortſchritts im Geringſten untreu
zu werden, wie dies aus ſeinen ſeitdem erſchienenen
Dichtungen klar hervorgeht. Sich von der politiſchen
Arena fern haltend, führte er ſeit ſeiner Verheirathung
ein glückliches, einerſeits ſeiner Familie, andererſeis
der Poeſie gewidmetes, Stillleben. Erſt zu Bingerbrück
am Rhein, dann zu Neuwied, unfern davon; ſeit 1854
zu Weimar, wo er an der Herausgabe des "Weimar-
ſchen Jahrbuches" theilnahm. 1858 lebte er wieder
am Rhein, und 1860 ſiedelte er nach Schloß Corvey
in Weſtphalen über, wohin der Herzog von Ratibor und
Fürſt von Corvey ihn als Bibliothekar berief. Hier iſt
er denn auch in der Nacht vom 19. zum 20. Januar
an den Folgen einer Schlagberührung geſtorben, die
ihn zwölf Tage vorher, als er in heiterſter Laune im
Kreiſe mehrerer Bekannter ſaß, getroffen. Wie Goe-
the, verſchied auch er ohne jeden Todeskampf, nahezu
ſechsundſiebenzig Jahre alt. Wie jenes, war auch ſein
Lebensabend ein heiterer, von Krankheit unbetrübter,
geweſen.
Hoffmann von Fallerslebens literariſche Thätigkeit
war theils wiſſenſchaftlicher, theils dichteriſcher Natur
Was er als Literar-Hſtoriker geleiſtet hat, vor Allem
in einer Anzahl trefflicher Monographien, iſt bedeutend
und als "durchaus muſtergiltig" zu bezeichnen. Nach
dieſer Seite hin ſcheint die Mitwelt ihm nicht ganz ge-
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