Heidelberger Volksblatt — 7.1874

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So bin ich denn, wie ich vernommen
Am Siebziger richtig angekommen
Und mach ihm ein höfliches Compliment
Wie Einem, den man nicht näher kennt.
Doch wie ich prüfend ihn betrachte
Er juſt keinen freundlichen Eindruck mir machte,
Jch trau' dem Kerl mit Rückhalt uur,
Denn vorn hat er eine Galgenfigur
Und hinten die leere Nulle dran
Schaut ſich auch nicht vielverſprechend an,
Und der ſoll nun mein Begleiter ſein?
Wie aber? halt! da fällt mir ein,
Sein Zeichen vielleicht einen Krahn bedeutet
Für's Transportiren vorbereitet,
Und die Nulle ſcheinbar ſo gering,
Kann vorſtellen auch einen edlen Ring,
Der Krahn ſoll heben zu gutem Zweck
Den Menſchen von der Erde weg,
Dreht ſich dann um und ſenkt ihn fein
Jn den Ring der Ewigkeit hinein.
Ja ja, ſo will ich's interpretiren
Und grübeln nicht weiter und ſinniren,
Nur ſoll der Krahn in freundlichen Gnaden
Sich nicht beeilen beim Ueberladen
Und ſich nicht umdreh'n vor der Zeit,
Denn da ohne Ende die Ewigkeit,
So braucht's keine Haſt, zu leeren den Krug,
Jch komm' ja dort immer noch früh genug.

D'r Nagglmaier
Mein Fraa hott am
Mittwoch en Schbazier-
gang in d'r Märzeſunn
gemacht, wie ſe verzählt
hott. Jch bin awer die
Woch aah nit daheem ge-
bliwe un hab unner an-
nere Naturfreind aah mein
alte Freind Krottepetzer
amme ſchtille Wäſſerle uff
d'r Froſchſchenkljagd ge-
droffe. - Grieß Gott,
Krottepetzer! ruf ich'm zu.
Fleißig? - Ja, ſegt'r,
un ſchtellt ſich uff een
Been - e biſſl! Was
dhut ma nit for deß biſſl
Leewe! - Jhe habt gut
in alles eier große Schnäwl
henke, ſag ich. Jhr kricht
eier Fleeſch g'ſchenkt!
For eich ſorgt unſer Herr-
gott! Awer mir Ber-
ger mit de große Heiſer-
abotheke! - Awer daß ich mich do haus in d'r warme
Märzeſunn zu meiner Erholung nit weiter in de Zorn
redd! Was bringt'r dann Neies vun d'r Rees aus
Afrika mit? Die neie Rewanſchturkos ſchunn ausge-
wachſe? Jwer Frankreich g'flooge? He? Wie ſiehchts
dann in dem gelobte Land d'r heilige Wallfahrte aus?
Was macht ſe dann, die Ziviliſationsſchbitz! Js ſe
ſchunn recht mit Pulver g'fillt? No, mir ligge aach
nit im Bett, wann d'r Deifl nochemool Elfe ſchmeißt!
Sieh Figura Randbemerkung, die d'r deitſche Kaiſer
an ſeim Geburtsdag d'r Armee gemacht! No, redd'r
nix? Gibt'r ke Antwort? - Es war grad ſo gut,
als wann ich e effentlichi Anfroog an de Kaiſer vun
China g'ſchtellt hätt. Ke Antwort mehr! Entwedder
ware Seine Hochwohlgebore iwer den große Schnawl,
den ich'm ang'henkt, beleidigt, odder war d'r Herr
"Neſchtgrinder uff anner Leit Heiſer" ſo in die
Froſchſchenkljagd verdieft, daß'r mich nit mehr g'heert
hott. Genug - ich bin weiter marſchirt mit'm warme
Buckl in d'r Märzeſunn un hab gepiffe:
Ob Frieden, ob Krawall -
Die Sonn' ſcheint für uns all'!
Fur Schlechte und Gerechte!
Für Herren und für Knechte!
Und einmal, ſcheint ſie noch ſo ſchön
Wird ſie für Jeden untergehn!
Gewiß, Männer! D'r Menſch lebt nit ewig. Un
wann's Eener hoch bringt, feierter ſein ſiewezigſchte
Geburtsdag. So per Exempl unſer bekannter pälzer
Dichter Kobell, der ſich bei der Gelegenheit folgend
gemiethlich Geburtsdagsgedicht g'ſchriewe hott:

Uff die Siebziger Poeſie e kurios G'ſchichtl in
Broſa, die ſich neilich zugedrage, Männer! Gibt Ee-
ner die Woch ſeim Hausborſch drei Brief uff die Poſcht
zu drage. - Du weeſcht doch, wo die Brieflad is, Michl?
froogt'r'n, eh'r gehn will. - Lacht d'r Borſch un ſegt
Awer Herr! Jch werr die Brieflaad nit wiſſe. Awer
Herr! - D'r Hauskurir verſchwind un d'r Hausherr,
e Werrth, legt ſich unnerdeſſe uff's Kanebee un drammt
eweil vun ſeine Adreſſate, die'r uff die Poſcht g'ſchickt.
- Am ſelwe Oowend kummt ſein Nochbar zu'em in
die Werrthsſchtubb un verzählt am Diſch: Kurios! Heit
finn ich in meim Briefkäſchtl, deß ich an d'r Haus-
dhier hab, drei Brief, die nit alleen an mich, ſondern
aach nooch an Leit ſinn, die gar nit hier wohne. D'r
eene laut an denn un denn in Schtuttgart, d'r annere
an denn un denn in Heilbronn, u. ſ. w. - Was?
ſegt d'r Werrth, der die G'ſchicht vun d'r Einſchenk
aus g'heert. Ei die Brief haw ich jo heit Mittag uff
die Poſcht g'ſchickt? - Borſch? ruft'r jetzt in de Kel-
ler nunner, wo hoſcht dann die drei Brief hingedrage?
- Jn die Brieflaad haw ich ſe g'ſchmiſſe, gibt d'r
Poſchtkurier im diefe Keller zur Antwort. - Wo is
dann die Brieflaad, du Schternſakerment? ruft d'r Herr
widder nunner. - Ei do neewe, bei meim Nochbar
henkt ſe an d'r Hausdhier, ſegt d'r Borſch, un zappt
weiter im Keller. - Die Krenk ſollſcht kriche, ruft d'r
Herr widder nunner - deß is jo meim Nochbar ſein
Briefkäſchtl! Ka Mehl! hawe die arme Becker! -

Druck und Verlag von G. Geiſendörfer.
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