Heidelberger Volksblatt — 7.1874

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Gattin noch Kind fand, ſtatt deſſen ſtellte ſich noch an
demſelben Tage Mr. Keech bei mir ein und brachte die
Kunde, daß meine Frau zu fernen Verwandten gezogen
ſei, da ſie ſich an meiner Seite zu unglücklich fühle,
um ferner mit mir leben zu können. Jch war wie vom
Donner gerührt. Nie hatte ich das geringſte Anzeichen
davon bemerkt, daß meine Frau unglücklich ſei, im
Gegentheil ſtets an ihre herzlichſte Zuneigung geglaubt.
Jch war ganz wüthend auf Mr. Keech und ſchalt ihn
einen Lügner. Darauf ſuchte er in ruhigſter Weiſe
klar zu machen, daß ich mich von Sara habe täuſchen
laſſen, ſie ſei ſchon früher mehrmals bei ihm geweſen,
um das Nöthige in Betreff einer Scheidung zu erfah-
ren und einzuleiten, habe aber den jetzt eingeſchlagenen
Weg vorgezogen, um allen Weitläuſigkeiten und Unan-
nehmlichkeiten auszuweichen. Am andern Tage brachte
er mir noch einen kurzen Brief, in dem ſie ſchrieb, ich
ſolle weder nach den Gründen ihrer Handlungsweiſe
noch nach ihrem Aufenthalt forſchen, da ſie unter kei-
ner Bedingung zu mir zurückkehren werde. Von ihrem
Kinde könne ſie ſich nicht trennen; falls ich für daſ-
ſelbe etwas thun wolle, möge ich ihr die Hälfte mei-
nes Vermögens durch den Advokaten Keech für den
Knaben übermitteln. - Hätte ich damals geahnt, daß
der Elende ihre Handſchrift nachahmend ſelbſt den
Brief verfaßt hatte! - Jch verkaufte Haus und Gar-
ten und übergab dem Advokaten die Hälfte meines
Kaufpreiſes, indem ich für mein Kind einige Zeilen zu-
fügte, von der Treuloſen wollte ich gar nichts wiſſen
und hatte ihr auch nichts mehr zu ſagen. Jch gab
Mr. Keech noch den Auftrag, meiner Frau mitzutheilen,
daß ich meine Anſprüche und Anrechte auf meinen Sohn
keineswegs aufgebe und im Guten oder Böſen es er-
langen würde, daß er mir ſpäter zurückgegeben werde.
Darauf zog ich von New-ork - das mir gründlichſt
verleidet war - nach Philadelphia. Hier legte ich
mein immerhin beträchtliches Kapital in kaufmänniſchen
Unternehmungen an, die mir ſo unerwartet glückten,
daß ich bald ein ſehr reicher Mann war.
Als ich nach einem Jahr durch Mr. Keech Nachrich-
ten von meinem Sohn einziehen wollte, war dieſer ver-
ſchollen. Erſt jetzt ſah ich ein, wie unklug es von mir
geweſen war, nicht ſogleich andere Wege eingeſchlagen
zu haben, um mir für alle Fälle mein Kind zu ſichern.
Es war nun zu ſpät und ganz muthlos und verdüſtert
zog ich mich von allen Menſchen zurück. - So ver-
gingen zehn Jahre, als mir eines Tages mein Freund,
Mr. Rintle, von dem ich ſeit vielen Jahren nichts ge-
hört und geſehen, begegnete.
(Fortſetzung folgt.)

Horſt? - nein, wahrhaftig, ſagen Sie mir doch nur
wie ich mich da zurecht finde."
"Das iſt leicht geſchehen", und damit ſetzte ihm
Herr Walden alles auf Fenno Bezügliche mit kurzen
Worten auseinander und ſchloß, indem er zu ſeinem
Schützling ſagte:
"Mr. Rintle hier iſt ein Freund Deines Vaters,
der gekommen iſt Dich aufzuſuchen."
"Meines Vaters! - o - lebt er?"
"Nein", entgegnete Mr. Rintle ernſt, "leider nicht.
Der Arme, ſein letztes Wort war eine Klage über das
elende Loos ſeines Kindes. Wenn er es hätte ahnen
können, wie gut das Schickſal Sie führte, er wäre viel-
leicht ruhiger geſtorben. Aber hier, mein junger Freund,
iſt ein Brief, daraus werden Sie Alles am beſten er-
fahren."
Fenno öffnete den Brief ſogleich, um zu leſen:
"Mein geliebter Sohn, mein einziges Kind! Werden
Dich dieſe Zeilen jemals erreichen? Ach, umſonſt habe
ich gehofft, Dir noch einmal Auge in Auge gegenüber
zu ſtehen! Bald dachte ich an Dich als an das liebe,
holde Kind, meinen ſüßen Jungen, den ich auf den
Armen getragen, bald als den Jüngling, der Du nun
ſein mußt. Jch will nicht darum klagen, daß ich die
Freuden des Vaters entbehren mußte, der ſein Kind
aufwachſen und ſich entwickeln ſieht, der es behüten und
leiten darf, ſo lange es nicht ſeiber für ſich ſorgen
kann, der ſich in ihm einen jugendlichen Freund und
eine Stütze erzieht, aber daß Du - mein geliebtes
Kind! das ich mit allem Glück, aller Freude hätte
überſchütten mögen, daß Du in den unwürdigen Feſ-
ſeln der Sklaverei ſchmachten mußt! - Und Deine
Mutter, armes liebes Weib! - Aber wohl ihr, daß ſie
einen baldigen Tod fand, es war beſſer, als Jahre
lang im Elend leben. Jch kann dem Böſewicht nicht
vergeben, der uns Alle in's Unglück brachte und auf
ſo hinterliſtige Weiſe trennte. Du wirſt hören, mein
Fenno, warum ich nicht ſogleich nach Euch forſchte, wie
auch ich betrogen wurde. -
Als ich die Geſchäfte, die mich nach Trenton führ-
ten, abgewickelt hatte, und froh war, nach Hauſe zurück-
kehren zu können, erhielt ich an dem Tage, der zu mei-
ner Heimreiſe beſtimmt war, die Nachricht, daß meine
Frau mich in Pittsburg erwarte; ſie habe, der Bitte
einer armen, erkrankten Verwandten folgend, dorthin
reiſen müſſen während meiner Abweſenheit und wünſche
aus mehrfachen Gründen, daß ich ihr nachkomme. Jch
war einigermaßen verwundert über dieſe Nachricht ſo-
wohl, als auch darüber, daß meine Frau nicht ſelbſt
geſchrieben, ſondern dies einem Advokaten übertragen
hatte, nichtsdeſtoweniger folgte ich der Bitte, und kam
in Pittsburg an, ohne meine Frau und deren Ver-
wandte dort zu treffen, obgleich eine genaue Adreſſe
angegeben war, auch von dem Advokaten - Proud
hatte er ſich unterſchrieben - konnte ich keine Spur
entdecken. Aergerlich über die lange Verzögerung, den
Umweg, den ich um einer albernen Neckerei willen ge-
macht zn haben glaubte, reiſte ich nach New-ork zurück.
Wie groß war mein Erſtaunen, als ich dort weder

Die Wetterpropheten unter den Thieren.

Von Carl Schenkling.

(Fortſetzung.)
Cin trockner, williger Boden erleichtert die Arbeit
und reiche Fruchtfelder verlocken zu ausgedehnter Die-
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