Helbig, Wolfgang
Untersuchungen über die Campanische Wandmalerei — Leipzig, 1873

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Der Hellenismus und die campanische Wandmalerei.

auch der friedliche Verkehr war in diesem Sinne wirksam. Poly-
bios1) sägt ausdrücklich, dass durch die Gründung des Reiches
Alexanders beijiah ganz Asien zugänglich geworden sei. Da
ausserdem das Bedürfniss, einem Gemeinwesen anzugehören, ge-
ringer und der ganze Zeitgeist kosmopolitischer wurde, so ver-
breiteten sich Griechen der verschiedensten Stämme Handel trei-
bend , abenteuernd , zu wissenschaftlichen Zwecken , als Aerzte,
als Schauspieler, als Söldner über die neu erschlossenen Gebiete.
Die Regierungen der Diadochenstaaten rüsteten Expeditionen zu
geographischen und handelspolitischen Zwecken aus, wie z. B.
dieSeleukiden das kaspische Meer untersuchen Hessen2). Griechen-
städte erhoben sich am Indus und Jaxartes. Die Handelsverbin-
dungen reichten bis nach China und Indien. Gesandtschaften
gingen zwischen den Höfen der Seleukiden und Ptolemaier und
den indischen Königen hin und her3). Die Vorliebe, mit welcher
sich das damalige Publicum fremde Gegenden vergegenwärtigen
liess, tritt deutlich hervor in den Argonaütika des Apollonios,
welche mit einer Fülle solcher Schilderungen ausgestattet sind.
Indem somit die Griechen durch Untersuchen und erweiterte An-
schauung der Natur näher traten , konnte es kaum ausbleiben,
dass hierdurch auch das ästhetische Interesse an derselben, wie
es unter ganz ähnlichen Verhältnissen in der Renaissanceepoche
der Fall war4), eine Steigerung und Verfeinerung erfuhr,

Zudem entwickelte sich damals eine complicirte Civilisation
in den hellenistischen Grossstädten und brachte den Griechen den
Gegensatz zwischen Stadt und freier Natur in ungleich schär-
ferer Weise zum Bewusstsein , als es jemals und irgendwo früher
der Fall sein konnte.

Bis zur Alexanderepoche gestaltete sich das Leben des freien
Griechen allenthalben in der naturgemässesten Weise. Die Städte
waren von massiger Ausdehnung und Bevölkerung. Der Bürger
besass meist Grundbesitz in dem umliegenden Lande; seine ganze
Thätigkeit, mochte er seinen privaten Interessen obliegen, mochte
er den vom Staate geforderten Pflichten nachkommen , erhielt
. ihn in innigen Beziehungen zu der freien Natur. Thukydides Ä)
j berichtet, dass eine Menge von Athenern den Aufenthalt auf dem
■ Lande dem in der Stadt».vorzogen und sich daher bei Ausbruch
des peloponnesischen Krieges sehr ungern zur Uebersiedelung in

1) III 59.

,2) Plin. II 107. VI 58.

3) Droysen, Gesch. d. Hellenismus II p. 71 ff. p. 319 ff.

4) Vgl. Burckhardt, Cultur der Renaissance p. 292 ff.

5) II 14, 10, üä.
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