Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 26.1915

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INNEN-DEKORATION

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ARCHITEKT PROF. CARL WITZMANN-WIEN. HAUS O. KOTTOW1TZ, EDLER v. KORTSCHAK

ZUKUNFTS-GEDANKEN ÜBER DEUTSCHE KUNST

In einer friedlichen Sonntagsnachmittagstunde habe ich
wieder einmal den Jubiläumsband der »Innen-Dekora-
tion« betrachtet. Schon tasten die Gedanken vorsichtig in
jene Zukunft »nach dem Kriege«, nach »Neudeutschland«,
das aus Arbeit und Sieg geboren ein Reich edelster Mensch-
lichkeit sein soll. Wie wird sein äußeres Gewand sein?
Sind wir für die große Aufgabe wohlgerüstet, dem Siege
der Waffen einen Sieg der Kultur folgen zu lassen?
Ein Blick in den obengenannten Band berechtigt uns zu
großen Hoffnungen! Zeigt er uns doch, daß wir schon
an der Schwelle einer neudeutschen Kultur standen.
Schon war es gelungen, für alle Formen des modernen
Lebens einen charaktervollen, überzeugenden Ausdruck
in edler Schlichtheit und Geradheit zu prägen; in der
Werkbund-Ausstellung zu Köln sollte deutsches Wesen
einen friedlichen Sieg über altersschwachen Formalismus
erringen! Neid und Eifersucht möchten jetzt Jung-Siegf ried
im schnellen Siegeslauf hemmen. Vergebliches Bemühen!
Nicht Zufall oder unverdienter Gewinn lieh ihm die
Kraft zum Siegen, sondern lange, planvolle Arbeit, Selbst-
kritik und heißes Bemühen, den rechten Weg zu finden.
Nur weiter voran auf gleicher Bahn! Nur stärker in der
Verachtung des Überlebten, des Fremden und des hohlen
c eines! In diesem Sinne waren unsere Künstler, die
A rrmstät*ter Kunstzeitschriften« und viele einsichtsvolle
raggeber tätig. In vielen Kreisen aber war das

ästhetische Gewissen noch nicht erwacht. Konnte man
bisher bei Rückständigkeiten und egoistischem Gebahren
einzelner den Blick auf das anderwäits Erreichte lenken
und auf den schließlichen Sieg des Besseren bei jedermann
hoffen, so gilt von nun ab kulturelle Rückständigkeit
als nationales Verbrechen. Ein in den Waffen zusam-
mengeschweißtes Volk, das bereit war, sein Leben für
ideale Güter zu opfern, hat ein Anrecht darauf, daß die
Hingabe des Einzelnen an das Ganze erst recht Geltung
behält, wenn es nicht mehr zu opfern, sondern zu ernten
gilt! Jeder Kämpfer draußen erwartet, daß sein Opfer zu
einem Sieg deutscher Kultur beitragen werde. Wie
aber draußen der höchste Mut des Einzelnen nutzlos ver-
brennt, wenn die kluge Führung fehlt, und andererseits der
einsichtsvolle Führer sich auf die vertrauensvolle Disziplin
seiner Mannen verlassen muß, so kann auch eine künst-
lerische Kultur nur durch Hingabe aller Einzelnen an
die gemeinsame Aufgabe, durch die kluge Führung und
durch die künstlerische Disziplin geschaffen werden.
Diese letztere nennen wir auch den »Geschmack«. Er
regelt die gesunde Lebensführung und warnt uns vor
Ausschweifungen und Genüssen, die dem Körper nicht
zuträglich sind. Haben wir aus den großen künstlerischen
Darbietungen der letzten Friedensmonate die feste Zu-
versicht mitnehmen können, daß es an guten Führern auf
künstlerischem Gebiet nicht fehlt, so darf man bezüglich
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