Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 25.1909-1910

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ÜBER IMPRESSIONISMUS

Aber mein Betrachter ist hartnäckig. „Wa-
rum bedarf ich denn zur Schätzung der alten
Meister keiner Hinweise auf andere. Warum
verstehe ich sie ohne weiteres?"

Aber — da es sich um einen imaginären
Betrachter handelt, kann man ja von der Leber
wegsprechen: wie, wenn dieses Verständnis
„ohne weiteres" ebenso imaginär wäre wie Sie
selbst? Weil Sie wissen, was der verlorene
Sohn, der barmherzige Samariter, das Opfer
Manoahs oder ein Helm auf einem Kopf be-
deuten, glauben Sie, Rembrandt zu besitzen.
Was Sie in Wirklichkeit besitzen, ist das
Etikett unter seinen Bildern und das Bewußt-
sein, daß es damit seine Richtigkeit hat. Wie
wäre es, wenn Sie plötzlich vor einem Unbe-
kannten ständen, z. B. vor Greco, der zwei
Generationen vor Rembrandt auch solche Mo-
tive gemalt hat? Es sind sehr viele gelehrte
Leute, die sich noch viel mehr als Sie ein-
bilden, Rembrandt, Rubens, die Venetianer
und wer weiß, was sonst noch, am Schnür-
chen zu haben, an den Grecos in Spanien
vorübergegangen. Hätten sie die anderen Mei-
ster wirklich gekannt, so hätten viele Sehn-
süchtige, die nach neuen Schönheitsquellen
dürsten, längst einen unschätzbaren Meister
mehr, der gegenwärtig noch von den Leuch-
ten der Zunft für verrückt erklärt wird.

Die Einsicht, die den Impressionisten ge-
worden ist, daß kein Ding in der Natur, das
bedeutungsvollste wie das geringste, für sich
bestehe, umschließt auch alles Werden im
Reiche des Schönen. So umfaßt der Genuß
an Rubens nicht nur das von Rubens Ge-
schaffene, sondern alles, was ihn zu der Schöp-
fung trieb; das, was von den Venetianern in
ihm steckt, die ihn auf die Zerlegung der
Farbe wiesen, das, was ihm Michelangelo gab,
dessen Plastik er im Malerischen löste. So
empfangen wir in Michelangelo außer der Wucht
seiner gigantischen Geste die stille Schönheit
der Antike; und zwar nicht nur das, was er
überlieferte, an sich, sondern den fruchtbaren
Unterschied zwischen Altertum und Renais-
sance; Michelangelos Fähigkeit, das Entnom-
mene umzubilden, der Antike Fähigkeit, sich
umbilden zu lassen. Dieselbe Tat macht die
Größe Michelangelos und erweist die Unsterb-
lichkeit der Antike.

Die Kunst ist eine Sprache, die man lernen
muß wie jede andere. Die Werke sind die
Worte. Wie könnten wir Musik verstehen,
wenn uns nicht Bach, Mozart, Beethoven das
abstrakte Gebiet der Töne mit flammenden
Fackeln erhellt hätten.

Die Sprache moderner Kunst ist in Deutsch-
land nicht leicht zu fassen, weil die lebendi-
gen Lehrmittel in unseren sonst ganz präch-
tigen Museen für moderne Kunst nicht zu
finden sind. Tschudi kam auf die Idee, die Na-
tionalgalerie diesem nützlichen Zweck dienst-
bar zu machen und erreichte damit einen
längeren Urlaub, der in München endete.

Die Mühe, die Ausdrucksformen der Im-
pressionisten an den mehr oder weniger zu-
fällig nach Deutschland gelangenden Ausstel-
lungsbildern kennen zu lernen, ist nicht ge-
ring, und selbst für den, der ohne gute Füh-
rung nach Paris geht, bleibt sie beträchtlich.
Aber sie lohnt sich. Nicht weil die Farben
der Impressionisten so schön sind. Auch
nicht, weil die Bilder die Augen für neue
Reize öffnen. Sondern weil sich in diesen,
wie in allen großen Künstlern, das Wunder
menschlicher Entwicklung offenbart. Weil sich
Sinnen und Sehnen der Zeit in ihnen zeigt,
der Pulsschlag unserer trotz aller Hast und
Last des Lebens werten Epoche.*)

VON AUSSTELLUNGEN

DERL1N. Gleichzeitig mit der Gebhardt-Ausstel-
lung in Schuttes Kunstsalon war bei Frl. Ma-
thilde Rabl eine famose Kollektion von Guaschen,
Zeichnungen und graphischen Arbeiten Menzel's.
Es ist erstaunlich, wieviel da immer noch aus ver-
steckten Privatsammlungen ans Tageslicht kommt.
Nicht alle ausgestellten Werke waren freilich unbe-
kannt; so ist z. B. das Kircheninterieur mit den
leuchtenden Glasmalereien schon im Bruckmann-
schen Menzel-Werk abgebildet. Ungefähr aus der-
selben Zeit (um 1850) mag die unvollendete Guaschen-
malerei eines Stettin er Brunnens mit einemNeubau da-
hinter stammen, dessen kribbelndes Leben mit we-
nigen Farbentupfen köstlich angedeutet ist. Außer-
dem finden wir unter anderem ein Rokokodämchen,
einen der von Menzel so gern gemaltenBarockaltäre,
ein >Paralipomenon< zum Kinderalbum und ein Be-
gräbnis, bei dem die hinter dem Sarge gehenden
Leidtragenden an der Haltung des Körpers, am
Tragen der Regenschirme, am Gang usw. famos
charakterisiert sind. Unter den graphischen Arbeiten
befinden sich einige der allergrößten Seltenheiten,
darunter die beiden im > Kunstmarkt« kürzlich ver-
öffentlichten Titelblätter zum > Ahnenkreuz« und zur
>Pfarre von Buchensee«, bei denen man nicht weiß,
was man mehr bewundern soll, den Humor, der sie
erfand, oder die Künstlerhand, die sie zu so reiz-
vollen Arabesken gestaltete, und außerdem einen
Neujahrswunsch auf einem kleinen rosa Spitzenkärt-
chen, von dem überhaupt noch kein weiteres Exem-
plar bekannt geworden ist. — Im Künstlerhaus ist der

*) Wir verweisen auf das im Verlag von F. Bruckmann A.-G.
in München erschienene Tafelwerk „Impressionisten", herausge-
geben von Harry Graf Kessler, das in 60 wundervoll ausgeführten
Matttonbildern großen Formats die Hauptwerke dieser Richtung
vereinigt. Preis M. 360.—. Die Redaktion

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