Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 25.1909-1910

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AUS DEN BERLINER KUNSTSALONS

der Verborgenheit emporzuziehen. Bleibt noch der setzten. Es ist schwer, einen Karl Kraus, einen

Karlsruher Rudolf Hellwag, der unter Schön- Peter Altenberg noch anders zu sehen, wenn man

lebers Leitung gelernt hat, geschmackvolle Bilder sie einmal mit Kokoschkas Augen gesehen hat.

im Stile der Dachauer, aber ohne deren Eigenart, Hans Hofmann, von dem gleichzeitig eine Reihe

zu malen, und der verstorbene H. Albrecht, der den von Bildern gezeigt wurden, kann neben dieser sehr

etwas antiquierten Stil der „Fliegenden Blätter" mit eigenartigen Kunst des Wieners kaum interessieren,

einigem Anstand weiter führte. Endlich das unver- umsoweniger, als er sich mit einer recht schemati-

meidliche Schlachtbild, das anzeigt, daß noch immer sehen Ableitung aus den Ergebnissen der jüngsten

nicht alle Offizierskasinos trotz der langen Friedens- Pariser Schule begnügt. Und an Cassirer muß die

zeitseit 1870 ihren Bedarf eingedeckt haben. Gustav Forderung gerichtet werden, erst die Vorbilder, die

Koch ist der Maler dieser neuesten Schilderung doch wohl ausstellenswerter sind, zu zeigen, ehe er .

der Ereignisse von St. Privat. so dürftigen Nachahmungen seine Räume überläßt.

Cassirer ist der einzige, der noch im Juni sich Als eigentliche Sommerausstellungen pflegen die
bemühte, seinem Publikum etwas Besonderes und Berliner Salons eine Auswahl aus eigenen Beständen
Sehenswertes zu zeigen, allerdings das Werk eines zu bieten. Cassirer, bei dem kürzlich diese Sommer-
Outsiders, dem zu anderer Zeit gewiß nicht der ausstellung eröffnet wurde, zeigt ein paar schöne
große Saal zur Verfügung gestellt worden wäre. Es Strandbilder von Liebermann und Werke der
ist der Wiener Oskar Kokoschka, ein höchst anderen Führer der Berliner Sezession. Aber man
problematischer Künstler, dem aber ein starkes und wird nicht finden, daß das Bild ein sehr reiches ist.
sehr eigenartiges Talent nicht abgesprochen werden Im Gegenteil fällt eine gewisse Eintönigkeit auf
kann. Soll man seine Art schildern, so gerät man und nicht einmal ein sehr starkes und sicheres
in Verlegenheit, denn man sucht vergebens nach Können auf der ganzen Linie. Kardorff, Breyer,
einem Anknüpfungspunkt, einer brauchbaren Analo- Mosson sind gut vertreten. Von Corinth sieht
gie. Am ehesten wird man an Edvard Münch er- man ein Trabrennen, von Beckmann zwei klei-
innern können, dessen eindringliche, unmittelbar nere, geschmackvolle Bilder, die ihn besser re-
auf das seelische Problem abzielende Porträtkunst präsentieren als die großen Kompositionen. Sle-
einige Aehnlichkeit mit KokoschkasArtderMenschen- vogts Landschaften sind nicht mehr als Ver-
darstellung besitzt. Man kann auch an neueste Dichter suche, und auch Brockhusen ist noch immer
denken, an Kokoschkas Landsmann Musil etwa, der im Stadium des Experimentierens. So bleiben
in einem Roman unter fast völligem Verzicht auf ein paar schöne Bilder von Renoir der Clou
Darstellung des äuße- der Ausstellung.

ren Daseins, nur das____ Auch Gurlitt zeigt

Seelenleben der han- SB im Sommer etwas
delnden oder mehr vom besten seiner Be-
noch leidenden Per- stände, und wenn das
sonen einer subtilsten ^F^^^B Programm hier nicht
Analyse unterzieht. ^LC^S so bewußt ist, so ist
Es ist selbstverständ- p BJ die Auswahl größer,
lieh, daß der Maler - ^P^*^^M^^^' I die Ausstellung man-
nicht auf die äußere sp ^sYMbI nigfaltiger und rei-
Formverzichten kann, Bpr'dB¥' V eher. Ein paar schöne
aberfürKokoschkaist ^b^B^^^ ^bb Bilder von Courbet
sie nicht etwas an sich .-*' geben die solide Basis,
darzustellendes, son- 18 THOMAundTRüBNER
dern lediglich Symbol hl vermögen sich wohl
für ein Inneres, und BBt^A .nilft jdBi neben dem französi-
er zwingt die Form, ^PRMLj^ _jJ^j/tt ^| sehen .Meister zu
er preßt sie aus, ge- W vssrngk Ä| ten. Von Feuerbach
staltet sie um, bis sie BB > sieht man ein sehr
ihm zum reinsten Aus- bl^ m. edles Frauenbild und

druck des Seelischen ^P^^fl^B VJ e'ne weniger gelun-
geworden. So malt ^r^^Bfl gene Grabtragung.
er, wie Ibsens Rubek ^k^mm SB älteres Bild von
sagt, die Tiergesichter ^P™^^^^ ^^^*-^^^BBBBP fl Klinger, der Homer

der Menschen, malt ^^BBJ von 1899, hat schöne
gleichsam als Spiritist Stellen. Vor allem
jenseitige Wesen, und H das Meer mit den aus
es ist wohl kein Zu- der Brandung gleich-
fall, daß er einen sam sich bildenden
der gespensterhafte- Tritonengestalten ist
sten seiner Menschen den besten Böcklin-
als den »Trancespie- sehen Erfindungen
Ier« bezeichnet. Im gleich. Böcklin
übrigenabersinddiese selbst ist nicht eben
Bilder durchaus Por- ^fi vorteilhaft vertreten,
träts, und man bewun- Von den jüngeren

dert nur die Darge- BB bb1_BBBsl Künstlern werden

stellten, die sich frei- Hofmann, Weiss,

willigsolcherZerfase- karl mai junger faun Haueisen, Hein-

rung ihres Ich aus- Münchner Glaspalast 1910 RICHHÜBNERgezeigt.

Redaktionsschluß: 26. Juli 1910 Ausgabe: II. August 1910
Herausgeber: F.Sohtartz. Für die Redaktion verantwortlich: p. Kirchgrabbr. — Druck und Verlag von F. Bruckhann a.-g.

Sämtlich in München
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