Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 76.1926

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A. VON MAVRHOFER

SCHALE, Silber gehämmert

die optischen Gesetze des Barocks auch andere sind
als die der Klassik, so sind sie doch in sich konsequent
und notwendig und müssen eingehalten werden, wenn
der Stimmungston eines malerischen Kunstwerks er-
zeugt werden soll.

Aber mag es sich um die Optik des Seins oder um
dieOptik des Scheins handeln, die allgemeinen mensch»
liehen Grundlagen sind bleibend und unveränderlich,
eben weil sie zu tiefstim Wesen des Menschen, inseiner
körperlichen und geistigen Natur begründet sind. Da-
hin gehören vor allem das Festhalten an der reinen
Senkrechten und reinen Wagerechten, dahin gehört die
Symmetrie, der Grundsatz der Gliederung und schließ»
lieh vor allem der Grundsatz der Gleichartigkeit der
einzelnen Teile mit dem Ganzen. Diese Dinge sagen
zunächst weder über die Sehform noch über die zu-
fällige Formfindung etwas aus,- sie lassen der einzeln
nen Formfindung unbegrenzten Spielraum. Aber da
sein müssen sie. So sehr der Mensch als Angehöriger
verschiedener Völker und verschiedenen Zeiten ver-
schieden ist, er ist nie so verschieden, daß er nicht immer
Mensch bliebe. Von hier aus ist die Haltlosigkeit der
Behauptung von der „wesensverschiedenen Basis" der
heutigen Architektur einzusehen. Bei allem Reichtum
des Stilwandels in den Jahrhunderten: Nie hat man
versucht die Grundlagen des menschlichen anzutasten,
wie das heute die Sowjet=Leute und [ihre westlichen
Nachahmer versuchen. Wenn Kunst Anschauung
ist, ist notwendig der Mensch das Maß aller Dinge.
Fechner und Wölff lin haben gezeigt wie Baukunst und
Kunstgewerbe durch Einfühlung seelisches Erleben

vermitteln können. Von hier aus sind die Übergriffe
ins Reich der Kunst, die sich heute der Ingenieur an*
maßt, zu beurteilen und abzulehnen. Die optisch for»
malen und allgemein menschlichen Voraussetzungen
sind das Reich der Tradition, der Einzelfall der Form»
findung zu einem speziellen Gefühlserfebnis ist Sache
der Originalität. Bei dieser wichtigen Rolle, die dem
schöpferischen Moment bei der wirklichen Ausformung
zukommt, liegt der unersetzlicheVorzug auf der Hand,
den die von warmem künstlerischen Gefühl getragenen
Einzelleistungen in der Kunst und auch im Handwerk
vor der Industrie mit Notwendigkeit voraus haben.
Der Begriff der Originalität bietet der Betrachtung zwei
aufs Engste zusammenhängende Seiten : eine geistige,
die Ursprünglichkeit des künstlerischen Einfalls und
eine mehr materielle: das einmalige, unmittelbar aus der
Hand des Künstlers oder Handwerkers hervorgehende
Werk. So wichtig die Erstere ist, auch die Letztere
ist als Trägerin unersetzlicher seelischer Werte von
größter Bedeutung. Wer ein offenes Herz und warmes
Gefühl für diese Dinge mitbringt, fühlt in einem echten
Stück guter, wenn auch noch so schlichter Handwerks»
kunst etwas von der Lebens wärme des Glückes freudig
schaffender Arbeit. Das ist ein Wert, der dem maschinell
hergestellten Ding mit innerer Notwendigkeit abgeht.
Aber auch da darf hervorgehoben werden, daß der
Sinn für solche Gemütswerte etwas im besten Sinne
Deutsches ist.

Diesen Vorzug menschlicher Wärme, den die künst»
lerische und handwerkliche Einzelleistung vor jeder
Art maschineller Produktion grundsätzlich voraus hat,
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