Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 76.1926

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immer festgehalten, muß zur Möglichkeit industrieller
Erzeugung Stellung genommen werden. Alles Ar«
beiten im Wirklichen ist notwendig ein Kompromiß.
Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß weite Kreise
heute nun einmal auf die billigen Erzeugnisse der In«
dustrie angewiesen sind. Abgesehen von jenem Mangel
an persönlicher Wärme, schlecht brauchen diese Er«
Zeugnisse der Industrie nicht zu sein und sind es auch
häufig nicht, wie wir ja genugsam sehen. Ja sogar, in
der vom Kunstwart seinerzeit geförderten Richtung
dürfen wir einen ganz wesentlichen Faktor in der Ge«
sundung unserer Grundsätze praktischer Kunstübung
erblicken. Worauf aber aller Nachdruck zu legen ist:
Das ernsthafte und erfolgreiche Bemühen dieser Män«
ner um Gesundung unserer kunstindustriellen Pro«
duktion sollte selbst einen ganz energischen Strich
ziehen gegen jene, die heute den Stiel umkehren wol«
len, und die, anstatt industrielleMethoden in den Dienst
guter Kunst zu stellen, nun umgekehrt industrielle
Grundsätze in der Kunst herrschend machen wollen.
Industrielle Herstellung ist möglich, solange in guten,
wirklich künstlerischen Modellen Geschmack, Reidi«
tum, Abwechslung und Freiheit herrscht,- sie wird aber
unerträglich, wenn ganz kunstfremde, rein verstandes-
mäßig ausgeklügelte Modelle — mathematische Spiele«
reien — zurVerwendung kommen und diese schließlich
noch typisiert werden sollen. So scheint sich das Unge«
heuerliche anzubahnen: Nachdem zuerst der extremste
Individualismus Geltung hatte, der so tat, als müsse
man auch das Absurdeste als Äußerung einer „Per«
sönlichkeit" hinnehmen, will man nun eine kleine An«
zahl solcher absurder Lösungen zu Typen machen und
sie in öder Gleichmacherei dem Publikum aufdrängen.

Diese Dinge können nur in dem Heranwachsen
ungeheurer von künstlerischer Kultur völlig unbe«

rührter Menschenmassen, wie sie das Zeitalter der
Industrie gezeitigt hat, ihre Erklärung finden. Der
Schrittmacher und das Vorbild in diesen Dingen ist
heute Amerika. Und man muß sich nur über die Kurz«
sichtigkeit der Vorkämpfer dieser ganzen Bewegung
bei uns wundern, die das alte Sprichwort außer acht
lassen: Eines schickt sich nicht für alle. Man geht
daran, die Eigenwerte der einzelnen europäischen
Völker zu vernichten, bodenständige Eigenwerte, die
als Ergebnisse jahrhundertelanger Hochzüchtung un*
ersetzlich sind, und durch fremde Methoden und Ge«
Sichtspunkte zu verdrängen, für die bei uns alle prak«
tischen Voraussetzungen des Landes, des Charakters
und Temperaments der Leute und nicht zuletzt der
verfügbaren Betriebsmittel fehlen.

Es ist eine Schuld der Literarisierung der Kunst,
die Diderot anbahnte, und an der die Romantik stark
beteiligt ist, daß die sinnlichen, das heißt die künstleri«
sehen Belange zu Gunsten der begrifflichen in den
Hintergrund traten. Die Literarisierung der Kunst
hat auch das Bewußtwerden des Kunstschaffens ver«
schuldet. 1850 hat man das als einen besonderen Fort*
schritt geschätzt. Heute wissen wir, alles bewußt Ori*
ginelle geht in die Irre. Es gibt nur Eines: Hingabe
der von einer Fülle von Werken hoher Qualität ge«
nährten künstlerischen Phantasie ans Werk und seine
Probleme. Der künstlerische, originelle Einfall ist das
Wesentliche, aber er muß in seiner Sphäre bleiben.
Das Schöpferische ist immer etwas Positives. Es ist
nichts Schöpferisches, wenn das Neue gewonnen wird
dadurch, daß man die formalen Grundlagen zertrüm«
inert. Der Mangel an schöpferischem Ingenium kann
nicht dadurch ersetzt werden, daß man mit bedeutender
Gebärde den Ast absägt, auf dem man sitzt.

Hans Kiener.

ADOLF VON MAyRHOFER.

Wer die Entwicklung des Kunstgewerbes in den
letztvergangenen Jahrzehnten überblidct, der wird
von den unsteten sprunghaften Vorgängen, dem un-
sicheren an Fehlgriffen überreichen Tasten, dem oft
häßlichen Kampf ehrgeiziger Besserwisser oder über«
eifriger Neuerer gegen engherziges Stehenbleiben und
dem Wirbel bald verbrauchter Schlagworte herzlich
wenig Gefallen finden. Man sucht nachtragfähigen ziel«
sicheren Leitgedanken und ist enttäuscht über die geringe
Ausbeute. Wenn aber trotz eines in zuweilen über«
schäumendem Idealismus rasch wechselnden Kurses
im Ganzen dennoch unbestreitbare Erfolge errungen
worden sind, so geschah d''es nur unter übermäßigem

Aufwand an verlorener Arbeit, die uns recht trüb«
selig vor Augen tritt, wenn wir das „Allerneueste" in
verflossenen Jahrgängen der führenden Literatur durch'
blättern. Da will es uns scheinen, als ob das Hasten
nach dem flüchtigen Erfolg der Stunde sich öfter als
gut war von der inneren künstlerischen Überzeugung
frei gemacht, daß aufdringliche Irreführung und allzu
williges Mitläufertum unerfreulich breiten Raum ein«
genommen hätten, zuweilen mehr demonstriert als aus
schöpferischem Drang heraus gearbeitet worden wäre.

Um so größere Befriedigung finden wir aber, wenn
wir aus diesem Trubel des Geschehens das Schaffen und
Reifen einzelner sich selbst unentwegt treu gebliebener

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