Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 76.1926

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sich offensichtlich nicht in reiner Form zu erhalten
vermocht. Denn die Rokokoformen, die das Innere
beherrschen, wirken auf das Äußere zurück, verweich-
lichen den Außenbau und führen ihn in das fad-Ele-
gante. Zuweilen sind es auch expressionistische Ele-
mente, die aus der Innendekoration auf das Äußere
abfärben und Schuld daran tragen, daß in Bezug auf
die Gebäudeform, das gleiche regellose Experimentieren
einreißt, wie in der Jugendstilperiode. Erst in der
aller jüngsten Gegenwart wird der Geschmack am
Klassischen wieder bewußter, herber, ausschließender.
Je mehr man sich am expressionistischen Rokoko über-
sättigt, desto dringender wird der Ruf nach ruhender,
scheinbar ungenialer Formgestaltung. Schon mehrmals
in der Geschichte hat sich die Besinnung auf das Klassi-
sche als Gesundbrunnen der Künste bewährt. Heute aber
müßten die klassischen Ideale schärfer geprägt und be-
wußter gepflegt werdenals jemals, wenn die Heilung
eine dauernde sein soll. Einstweilen liegt es an der Spär-
lichkeit der privaten Aufträge, wenn sich das klassische
Ideal so langsam durchsetzt. Es steht aber zu hoffen, daß
die zur Zeit sichbildendenPrivatvermögen in dieserRich-
tung, nicht auf das Paradoxe hin, sondern auf das ein-
deutig-Gebildete wirken werden. Für das Innere stün-
de dann zugleich eine Wiederbelebung des individuel-
len Kunsthandwerks und eine Befreiung von der expres-
sionistischen Dekoration zu erwarten.

Wie aber steht es mit den bildenden Künsten? Man
bietet uns da als Reaktion auf den Expressionismus
die „neue Sachlichkeit". Ich möchte behaupten: wir
brauchen eine solche nicht, und übrigens ist das Phä-
nomen falsch betitelt. Was uns da vorgeführt wird,
ist nicht sachliche Anschauung der Dinge, sondern
ein Erwachen nach dem Rausch, die Abschrift eines
Mißgestalteten, das trübe Spiegelbild einer trüben Welt.
Wir brauchen diese Sachlichkeit nicht. Sie wird die

Kunst nicht retten, am wenigsten dann, wenn sie sich
Plagiate am Biedermeier erlaubt und wenn der Stil
nicht aus geistigem Drang, sondern auch diesmal aus
modischer Richtungsklüngelei hervorgeht. Ich möchte
weitergehen: wir brauchen überhaupt keine Richtungs-
idee. Wir haben solche im Uberfluß und so heterogen
geartete, daß sie sich gegenseitig entkräften. Sondern
was wir brauchen ist etwas, was sich nicht von einem
Tag auf den andern schaffen läßt: nämlich Bildung,
nicht im Sinne einer exklusiven Schulmeistern, son-
dern wörtlich verstanden als freudige Bereitschaft zum
Bilden und Gebildetwerden, als Bejahung des Men-
schenbildes, damit Malerei und Plastik den Namen der
„bildenden" Künste wieder zu Recht tragen. Wir brau-
chen die intime Freude an der objektiv-schönen, an
der klassischen Form, und wir brauchen Anmut in
Kunst und Leben, zu der wir uns nach Uberwindung
der Kriegsjahre wieder erziehen müssen. Und wenn
wir dahin gelangt sein werden, daß die klassisch ge-
stimmte Einzelpersönlichkeit erstarkt und dazu befä-
higt ist, den persönlichkeitsfeindlichen Kräften des
Zeitalters ein wirksames Gegengewicht entgegenzu-
setzen, dann kann es nicht ausbleiben, daß das Porträt
seine Auferstehung erleben wird. Vielleicht ist es die
Aufgabe der Plastik, die Fähigkeit zum Porträt wach
zu halten, bis das gemalte Porträt sich aus seiner Le-
thargie losgerungen haben wird. Wir brauchen keine
Extreme, sondern jene stille Gestaltungsbereitschaft,
wie sie den Kulturen der Mitte, den Zeitaltern der
Gleichgewichtigkeit eigen war. Einstweilen spielen
wir auf einem Instrument, dessen Mittellage verstimmt
ist. Man kennt nur das Dumpfe und das Schrille. Viel-
leicht wird ein Zeitalter der Entspannung uns das
wieder schenken, was zwischen beiden liegt: das Maß-
volle und das Harmonische, das wir seit einem Men-
schenalter entbehren. „,„, „,1C„

BÜCHER UND ZEITSCHRIFTEN

Bauhausbücher. Schriftleitung: Walter Gropius
und L. Moholy-Nagy. München, Albert Langen Verlag,
i. Band: Internationale Architektur, herausgegeben von
WalterGropius. 2. Band: Paul Klee, Pädagogisches Skizzen-
buch. 3. Band: EinVersuchshaus des Bauhauses, zusammen-
gestellt von Adolf Meyer. 4. Band: Die Bühne im Bauhaus
von Oskar Schlemmer u. a. 5. Band: Piet Mondrian, Neue

Gestaltung. 6. Band: Theo van Doesburg, Grundbegriffe
der neuen gestaltenden Kunst. 7. Band: Neue Arbeiten
der Bauhauswerkstätten. 8. Band: L. Moholy-Nagy, Male-
rei, Photographie, Film. Die 8 Bände der vorliegenden
Serie erschienen im Jahre 192J. Sie sind als literarischer
Niederschlag der Tätigkeit des Bauhauses in Weimar zu
betrachten. Die meisten von ihnen wurden in Verbindung

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