Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 76.1926

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lung, das Genossenschaftswohnhaus und im weitern
Sinn auch Internate für Erziehungsanstalten jeder Art.
Als historisches Vorbild für den Genossenschaftsbau
können die mittelalterlichen Klöster angesehen werden,
das schönste Beispiel einer Siedelung ist die Fuggerei
in Augsburg. Die beste Lösung des Kollektivwohn-
baues ist die Anwendung aller der Gesichtspunkte, die
wir als maßgebend und charakteristisch für unsere
Architektur angegeben haben, das Zurückgehen auf
einfache, ländliche, erdverbundene Bauformen, die
rationale Durchbildung und die technisch-praktische
Einrichtung. Der sachliche neue Bautyp erleichtert das
Wohnen ungemein, wenn statt der verschlossenen und
verstaubten „Guten Stube" das sonnige Badezimmer
zum Mittelpunkt der Wohnung gemacht wird. Das
Mietshaus der Eisenbahnergenossenschaft in Aubing
von Georg Buchner oder das Mädchenheim von Lech-
ner und Norkauer in Füssen sind Beispiele, wie man
der dürftigen Massenwohnung eine vertrauliche Form
geben kann, indem man die Breite und Offenheit des
reichen Bauernhauses auf den Wohnbau überträgt.
Während früher die Kollektivhäuser wie Kasernen
oder Zuchthäuser aussahen, haben sie heute dank der
Umstellung des architektonischen Denkens auf das Ge-
sunde und Bodenständige eine freundliche Fassung und
eine solide Ausführung, so daß der entwurzelte Mensch
durch sein Haus wieder mit seinem Boden verwachsen
und aus dem Proletarier ein Landmann und Siedler
werden kann.

Neben dieser mit der Vergangenheit und mit der
bodenständigen Eigenart des Hinterlandes verbunde-
nen Erneuerung der Wohnhausarchitektur gibt es auch
in München eine Richtung, die sozusagen auf experi-
mentellem Weg zu Neuschöpfungen der Bauformen

und Einrichtungen gelangt und aus der künstlerischen
Intelligenz ihre Ideen entwirft. Sie hat die größere
Originalität für sich, bleibt aber ohne Bindung mit dem
eigenen Boden und kann sich in jeder Stadt ebenso
ausbilden wie in München. Trotzdem verdankt Mün-
chen auch dieser Richtung einige sehr wertvolle Bei-
spiele des neuen Wohnbaues. Wir denken dabei an
das Haus von Max Wiederanders an derParzivalstraße,
als dessen Eigenart man bezeichnen könnte, daß die
feingliedrige Innenarchitektur des Hauses sich im Äu-
ßern abzeichnet, daß die Wände nicht wie gebaut, son-
dern wie ausKulissen zusammengeschoben erscheinen,
so daß ein distinguiertes Ensemble von Farbe, Fläche,
Relief, stillbetonter Gemessenheit entsteht. Raum und
Ausstattung bleiben das Hauptthema dieser Architektur
und die Wände sind nur der Rahmen. Alles Ländliche
und Traditionelle ist ausgeschaltet und eine besondere
Linie großstädtischer Wohnkultur konsequent und
einseitig durchgeführt, so daß das Haus als Ausdrucks-
form einer gegenwärtigen geistigen Mentalität des
Großstädters seine bleibende Geltung haben wird.
Während sonst in den Münchner Wohnbauten das
Ortselement stärker ausgebildet ist, hat in diesem Hause
das Zeitmoment, das einmalige Heute, seine Formel
gefunden und man darf wohl sagen, daß zuletzt nur
aus der Synthese aller temporären und lokalen Elemente
jene Baukunst entsteht, die Geschichte wird, weil sie
die dem Boden entstammenden Kräfte, die auch das
Bauernhaus besitzt, der fortarbeitenden Entwicklung
der Formen und Stilarten zuführt und sie dem Rhyth-
mus der ewig sich erneuernden Gegenwart unterwirft.
Nur die rhythmisierte Kunst wird Geschichte und nur
die geschichtliche Kunst geht ins Bewußtsein der
Nachwelt über. ufcich Christoflei

JUGENDSTIL UND EXPRESSIONISMUS

Es wird hier von den Neuen und von den Jungen
die Rede sein, und wenn das mehr bedeuten soll als
eine Plauderei, so wird man sich fragen, wann denn
der große Wandel begonnen habe. Die Zeit strömt
ohne Abschnitte und die eng geflochtene Kette der
Geburten duldet keine Grenzsetzung. Trotzdem gibt
es Jahre, in denen die Worte alt und jung den krisen-
haften Sinn des Generationswandels annehmen. Nach
ihnen formt sich der Rhythmus der Geschichte. Von

Münchner Verhältnissen ausgehend, verstehe ich unter
den Jungen diejenigen, die sich der Jahrhundertwende
nur noch dunkel entsinnen, die um das Jahr 191z frisch,
lärmend und — wie man damals sagte — unbelastet
von Schulung und Schulerfolg aus dem Krater der
Kunst hervorgewirbelt wurden. Seitdem ist ein halbes
Menschenalter vergangen. Die Jungen von damals
stehen im Mannesalter und man hat ein Recht zu fra-
gen, ob sie gehalten haben, was sie versprachen und

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