Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 76.1926

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Unter drei Wegen wählt der Künstler beim Schaffen
eines neuen Werkes: Zum ersten er hält sich genau an
ein ihm zusagendes stilistisches Vorbild und bringt so
etwas zustande, was eine mehr oder weniger gute
Wiederholung von etwas schon Vorhandenem ist, also
nicht nur keine Bereicherung des menschlichen Kunst-
besitzes darstellt, sondern seine Belastung mit einer
schlechten Wiederholung: denn jede Kopie ist aus der
Art ihres Zustandekommens heraus notwendig flau
und schwach im Vergleich mit dem Original: werden
doch die Kräfte des Geistes, die beim Schaffen des
Originals frei, schöpferisch und souverän sich auswir-
ken können, durch die Abhängigkeit vom Vorbild auf
der ganzen Linie gehemmt. Im 19. Jahrhundert über-
wiegend begangen, wird dieser Weg, nachdem man
seine unbedingte Unfruchtbarkeit eingesehen, nur mehr
selten beschritten.

Eine üble Folge freilich hat er gezeitigt: daß der
Weg nach der genauen Gegenseite als der allein
mögliche angepriesen wird. Es ist eine gewissen Ent-
wicklungsstufen zukommende Art: auf die Einsicht
in die Unrichtigkeit einer Ansicht nun durch extremes
Ausschlagen nach der Gegenseite zu reagieren; man
will nur mehr das gelten lassen, was schlechterdings
in nichts an Vergangenes erinnert. Die bloße einfache
Überlegung, daß doch der Mensch nach wie vor in
seinerEigenart als wagrecht und senkrechtsymmetrisch
im dreidimensionalen Raum lebendes Augenwesen
sich nicht geändert hat, müßte das Unsinnige dieses
Unterfangens einleuchtend machen.

Der dritte Weg, der Altes organisch fortbildet, mit
neuem Geiste erfüllt, liegt in der Mitte: er ist der
eigentlich künstlerische. Für ihn existieren die bleiben-
den Probleme der Gestaltung, ohne daß sie ihn in der
freien Entfaltung seiner Eigenart behinderten, für ihn
handelt es sich vor allem darum, reife Einsichten in
Wirkungsmöglichkeiten, die der Kunst jenseits jeden
Stils gemeinsam sind, zu gewinnen. Der Künstler, der
so arbeitet, nährt seine Vorstellungskraft mit Eindrük-
ken und Bildern, „wird inwendig voller Figur". Und
zur guten Stunde wird das Werk geboren, voll Frische
und Kraft, unbeschwert von irgendeinem Vorbild, aber
genährt vom Wissen um die entscheidenden Erforder-
nisse künstlerischer Gestaltung. Diesen Weg ist Georg
Buchner, der Schüler G. Bestelmeyers und Th. Fischers,
gegangen.

Von weither fällt die neue Passionskirche in Ober-
menzing mit ihren wuchtigen, aber doch wohlabge-
wogenen Massen, den freundlichen, weißen Mauern
und dem roten Dach, dem massigen Turm mit der
großen Zwiebel ins Auge. Sie wirkt erdgeboren; es
ist, als müßte das weite, flache Land umher mit den
starken, kräftigen Farben in einem solch großflächigen,
kräftigen Bau seinen Ausdruck finden. Die absoluten
Maße der Kirche sind große (58 m lang, z6m breit,
Dachfirst 27 m, Turm 44,70 m hoch). Um so wohltu-
ender berührt die bei großen Maßen besonders wirk-
same monumentale Einfachheit: der Bau wirkt reich
durch die Wahl, die Proportion und das Gegenspiel
seiner Elemente. In der folgerichtigen und gefühlten

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