Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 76.1926

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Art, Form, Größe und Farbstärke der Type, die Art
des Satzes, die Abstände der Typen innerhalb eines
Wortes, die Abstände einzelner Worte, die Ab«
stände der Zeilen; ferner allerlei Feinheiten, wie das
Vermeiden von das Satzbild in seiner gleichmäßig
gen dekorativen Wirkung störenden „Schlangen":
Das sind die Grundlagen dieser Druckkunst, die
ermöglichen, das Bild einer Seite zu so feiner Ge«
samtwirkung zusammenzuschließen, die wesentlich
bedingt wird durch das Verhältnis des Satzspiegels
zu den Rändern, das Verhältnis der Ränder zu ein*
ander. Die Breiten der Ränder stehen unter sich und
mit der Fläche des Satzspiegels in einem genauen
und fein abgewogenenVerhältnis: der untere Rand
als der Sockel der Architektur einer Seite ist der
breiteste, die äußeren Ränder sind etwas schmäler,
aber doch breit genug, um das Druckbild links und
rechts energisch zu isolieren, der obere Rand ist
wieder etwas schmäler, genau so, wie das Gesimse
schwächer ist als der Sockel; schließlich ganz schmal
sind die inneren Ränder, damit die beiden aufge«
schlagenen Seiten als Einheit zu wirken vermögen.
Sehr vornehm wirkt dann, wie eine einzelne groß
gezeichnete Initiale sich dem Satzbild einfügt.

Wie man sich in München die äußere Ausstattung
des Buches denkt, ist gleichfalls in einigen Proben
gezeigt. Das Buch hat notwendig drei Hauptansich«
ten: den Rücken und diebeiden Deckel. Jeder dieser
drei Teile muß in sich geschlossen und für sich
allein lebensfähig sein. Wie verschiedene Möglich«
keiten der Phantasie innerhalb dieser von Vernunft
und vom Geschmack gezogenen Grenze noch
offen stehen, sehen wir an den vornehmen und
gediegenen Einbänden von Frieda Thiersch.

Auch die für die Geschmackskultur so wichtigen
Zweige der Gebrauchsgraphik: Plakat und Ge«
Schäftsdrucksachen sind in guten Beispielen ver«
treten: Was machte die Antike so groß? Daß alles
und jedes gut war, jede Haarnadel und jeder Löffel.
Wie viel wäre gewonnen, wenn die Drucksachen
des täglichen Verkehrs, die Umschläge und die
Köpfe der Briefe, die wir bekommen und schreiben,
kleine graphische Kunstwerke wären. Daß dies
möglich ist, sehen wir: ich möchte nur auf einige
englische Drucksachen hinweisen, auf schwedische
Geschäftspapiere und nicht zuletzt auf Münchener
Erzeugnisse: Drucksachen des Münchner Bundes
und des Hyperionverlages. Bei Schweden wird auch
da die Grundlage seiner heute so reifen Geschmacks«
kultur deutlich: Es ist die gepflegte französische
Tradition, die sich in Schweden stärker erhalten
hat als sonst irgendwo, ja als in Frankreich selbst.

Von den Plakaten möchte ich auf F. v. Stucks
Plakat für die Sezession hinweisen, das heute noch
so lebendig und wirkungsvoll ist und das seiner«
zeit eine der Grundlagen für die Umgestaltung und
Hebung der Gebrauchsgraphik gewesen ist. Gerade
dieses Plakat ist ein Beispiel dafür, wie ein Plakat
gut und doch wirkungsvoll sein kann.

Das am stärksten Auffallende mit den Me«
thoden der Experimentalpsychologie auszupro«
bieren, wie es beispielsweise Moskau mit seinen
Nachahmern versucht, das kann Gegenstand einer
wissenschaftlichen Untersuchung sein, so gut wie
die Feststellung der größten Sprengkraft, es kann
aber niemals maßgebende Grundlage einer nur
geschmacklich möglichen, geschweige denn
künstlerischen Gestaltung sein. Hans Kiener.

DAS PROBLEM DER FORM

VON ADOLF VON HILDEBRAND

Probleme der Form stehen für die Schaffenden im Mittelpunkt des Interesses. Umso wertvoller — auch für weitere an der
Kunst teilnehmende Kreise ist es, .wenn ein Künstler, und noch dazu einer, der sich durch klassische Werke als ein echter
und großer legitimiert hat, das Bedürfnis fühlt, über sein Schaffen auch gedanklich ins Klare zu kommen und zu den Pro»
blemen des künstlerischen Schaffens das Wort ergreift.

„Das Problem der Form" von Adolf v. Hildebrand ist zum erstenmal 1893 erschienen. Aber auch heute noch sind
seine Fragestellungen aktuell, sind seine Antworten von entscheidender Bedeutung.

Der dritten Auflage hat Hildebrand ein längeres Vorwort beigegeben, das einen solchen Reichtum wertvoller, auch
heute lebendiger Gedanken enthält, daß sich vielleicht mancher durch die Lektüre dieses Vorworts angeregt fühlt, das
Buch selbst zur Hand zu nehmen.

Vorwort zur dritten Auflage.

Das Erscheinen einer dritten Auflage gibt mir
die erwünschte Gelegenheit, abgesehen von man«
chen Verbesserungen, ein kurzes Vorwort beizu«

fügen mit dem Zweck, dem Leser den Standpunkt
anzuweisen, von dem aus ein richtiges Verständnis
der Auseinandersetzungen im Buche erleichtert
wird. Dafür schien es mir vorteilhaft, den leitenden

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