Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 76.1926

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weniges. Aus diesem steigt die Kuppel empor, das
Ganze krönend und vollendend.

Das harmonische Bezugnehmen der Proportionen
aufeinander bedingt das außerordentlich Wohltuende
der horizontalen Schichtung; das Vorhandensein einer
solchen horizontalen Schichtung gibt der nun steil em-
porgehenden, ganz aus Haustein konstruierten, eiför-
migen Kuppel den nötigen Abstoß. Die Kämpferlinien
der Kuppel und der schmalen Rundbogenfenster des
Tambours fallen zusammen: die Folge ist, daß die Fen-
ster mit ihrer Rundung in die Kuppel übergreifen. Ein
Rundbogenfries, der die Rundung der Fenster fort-
laufend umzieht und zwischen den Fenstern die Kämp-
ferlinie markiert, bildet die bewegte Uberleitung von
den horizontalen Schichten der unteren Teile zur Steil-
form der Kuppel.

Daß der Bau über den wohllautenden Bogen auf
das Kranzgesimse verzichtet, daß der Tambour un-
mittelbar, ohne scharfe Artikulation in die Kuppel über-
geht, das gibt dem Bau die sakrale Stimmung. Und
daß die Kuppel sich in die knappe Eiform zusammen-

zieht, daß sie nicht mit Kupfer gedeckt, sondern aus
schwerem Haustein gefügt ist, macht deutlich, daß es
weniger darauf ankommt, einen großen Raum zu über-
decken, als vielmehr zum Schutze, zum Denkmal zu
dienen.

Das Innere ist einreiner Zentralraum auf dem Grund-
riß des griechischen Kreuzes mit ganz kurzen Armen.
Die dem Eingang gegenüberliegende Seite ist als halb-
runde Apsis vertieft. Über den Kreuzarmen wölben
sich Gurtbogen; über den Pendentifs kreist das Kranz-
gesimse, darüber wölbt sich die Hängekuppel. Die
tiefe Kämpferlinie sichert dem Raum das Wohltätige
gesättigter Verhältnisse; der hohe Lichteinfall des in
die Kuppel einschneidenden Fensterkranzes gewährt
ihm hohe Idealität der Stimmung. Auch der Stim-
mungswert echten Materials spricht deutlich. Eine
kreisrunde, mit prächtigem Gitter umschlossene Ver-
tiefung des Fußbodens unter der Kuppel birgt den
Zugang zur Gruft. Dekorative Malereien von Koppen
und Plastiken von Hermann Hahn gereichen dem
Raum zur Zierde. Hans Kicner

VOM" DE R E R K E N N T IN I S DER SCHÖNHEIT

... So gelangte ich bis in die Mitte der Treppe, wo
in einer Unterbrechung und Erweiterung gleichsam
wie in einer Halle nicht weit von der Wand die Bild-
säule von weißem Marmor steht. Es war noch so licht,
daß man alle Gegenstände in klaren Linien und deut-
lichen Schatten sehen konnte. Ich blickte auf die Bild-
säule, und sie kam mir heute ganz anders vor. Die
Mädchengestalt stand in so schöner Bildung, wie sie
ein Künstler ersinnen, wie sie sich eine Einbildungs-
kraft vorstellen, oder wie sie ein sehr tiefes Herz ahnen
kann, auf dem niedern Sockel vor mir, welcher eher
eine Stufe schien, auf die sie gestiegen war, um herum-
blicken zu können. Ich vermochte nun nicht weiter
zu gehen und richtete meine Augen genauer auf die
Gestalt. Sie schien mir von heidnischer Bildung zu
sein. Das Haupt stand auf dem Nacken, als blühete es
auf demselben. Dieser war ein wenig, aber kaum merk-
lich vorwärts gebogen, und auf ihm lag das eigentüm-
liche Licht, das nur der Marmor hat und das das dicke
Glas des Treppendaches hereinsendete. Der Bau der
Haare, welcher leicht geordnet gegen den Nacken
niederging, schnitt diesen mit einem flüchtigen Schat-
ten, der das Licht noch lieblicher machte. Die Stirne
war rein, und es ist begreiflich, daß man nur aus Mar-
mor so etwas machen kann. Ich habe nicht gewußt,
daß eine menschliche Stirne so schön ist. Sie schien

mir unschuldvoll zu sein, und doch der Sitz von er-
habenen Gedanken. Unter diesem Throne war die klare
Wange ruhig und ernst, dann der Mund, so feinge-
bildet, als sollte er verständige Worte sagen oder schöne
Lieder singen, und als sollte er doch so gütig sein. Das
Ganze schloß das Kinn wie ein ruhiges Maß. Daß sich
die Gestalt nicht regte, schien bloß in dem strengen
bedeutungsvollen Flimmel zu liegen, der mit den fernen
stehenden Gewittern über das Glasdach gespannt war
und zur Betrachtung einlud. Edle Schatten wie schöne
Hauche hoben den sanften Glanz der Brust, und dann
waren Gewänder bis an die Knöchel hinunter. Ich
dachte an Nausikae, wie sie an der Pforte des goldenen
Saales stand und zu Odysseus die Worte sagte: „Fremd-
ling,wenn du in dein Land kömmst,so gedenke meiner."
Der eine Arm war gesenkt und hielt in den Fingern
ein kleines Stäbchen, der andere war in der Gewan-
dung zum Teil verhüllt, die er ein wenig emporhob.
Das Kleid war eher eine schön geschlungene Hülle als
ein nach einem gebräuchlichen Schnitte Verfertigtes.
Es erzählte von der reinen, geschlossenen Gestalt und
war so stofflich treu, daß man meinte, man könne es
falten und in einen Schrein verpacken. Die einfache
Wand des grauen Ammonitenmarmors hob die weiße
Gestalt noch schärfer ab und stellte sie freier.

Aus Adalbert Stifter, Der Nachsommer

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