Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 76.1926

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Die Theorie der „Zweckform", im 19. Jahrhundert
mannigfach variiert, beruft sich auf Kant, als ihren
Ahnherrn. Hier stehe nun einmal die wichtige Stelle.
Es wird klar, daß erst Konrad Fiedler und A. v. Hilde-
brand ihren wahren Sinn erfaßt haben.

„Wenn mit der bloßen Auffassung (apprehensio)
der Form eines Gegenstandes der Anschauung, ohne
Beziehung derselben auf einen Begriff zu einem be-
stimmten Erkenntnis, Lust verbunden ist: so wird die
Vorstellung dadurch nicht auf das Objekt, sondern
lediglich auf das Subjekt bezogen und die Lust kann
nichts anders als die Angemessenheit desselben zu den
Erkenntnisvermögen, die in der reflektierenden Ur-
teilskraft im Spiel sind, und sofern sie darin sind, also
bloß eine subjektive formale Zweckmäßigkeit des Ob-
jekts ausdrücken. Denn jene Auffassung der Formen
in die Einbildungskraft kann niemals geschehen, ohne
daß die reflektierende Urteilskraft, auch unabsichtlich,
sie wenigstens mit ihrem Vermögen, Anschauungen
auf Begriffe zu bezichen, vergliche. Wenn nun in
dieser Vergleichung die Einbildungskraft (als Vermö-
gen der Anschauungen a priori) zum Verstände, als
Vermögen der Begriffe, durch eine gegebene Vor-
stellung unabsichtlich in Einstimmung versetzt und
dadurch ein Gefühl der Lust erweckt wird, so muß
der Gegenstand alsdann als zweckmäßig für die re-
flektierende Urteilskraft angesehen werden. Ein sol-
ches Urteil ist ein ästhetisches Urteil über die Zweck-
mäßigkeit des Objekts, welches sich auf keinem vor-

handenen Begriffe vom Gegenstande gründet und
keinen von ihm verschafft. Ein Gegenstand, dessen
Form (nicht das Materielle seiner Vorstellung, als
Empfindung) in der bloßen Reflexion über dieselbe,
(ohne Absicht auf einen von ihm zu erwerbenden
Begriff) als der Grund einer Lust an der Vorstellung
eines solchen Objekts beurteilt wird, mit dessen Vor-
stellung wird diese Lust auch als notwendig ver-
bunden geurteilt, folglich als nicht bloß für das Sub-
jekt, welches diese Form auffaßt, sondern für jeden
Urteilenden überhaupt. Der Gegenstand heißt alsdann
schön und das Vermögen durch eine solche Lust
(folglich auch allgemeingültig) zu urteilen der Ge-
schmack. Denn da der Grund der Lust bloß in der
Form des Gegenstandes für die Reflexion überhaupt,
mithin in keiner Empfindung des Gegenstandes und
auch ohne Beziehung auf einen Begriff, der irgend
eine Absicht enthielte, gesetzt wird, so ist es allein
die Gesetzmäßigkeit im empirischen Gebrauche der
Urteilskraft überhaupt (Einheit der Einbildungskraft
mit dem Verstände) in dem Subjekte, mit der die
Vorstellung des Objekts in der Reflexion, deren Be-
dingungen a priori allgemein gelten, zusammen stimmt
und, da diese Zusammenstimmung des Gegenstandes
mit den Vermögen des Subjekts zufällig ist, so be-
wirkt sie die Vorstellung einer Zweckmäßigkeit des-
selben in Ansehung der Erkenntnisvermögen des Sub-
jekts."

Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft v. 1790, S. 21; f. (Reclam)

A P H O R ISMEN

„Die wahre Poesie kündet sich dadurch an, daß
sie, als ein weltliches Evangelium, durch innere Hei-
terkeit, durch äußeres Behagen, uns von den irdi-
schen Lasten zu befreien weiß, die auf uns drücken.
Wie im Luftballon hebt sie uns mit dem Baiast, der
uns anhängt, in höhere Regionen, und läßt die ver-
wirrten Irrgänge der Erde in Vogelperspektive vor
uns entwickelt daliegen." Goethe

„Nichts anderes ist in allerKunst auf die Dauerstich-
haltig, als was Zeugnis ablegt von konzentrierter Ver-
senkung in die Erscheinung. Alles andere ist Neben-
werk. Auch wo die Wirkung anscheinend auf der
Fülle, Originalität einer überwirklichen Welt von Ge-
stalten beruht, besteht der künstlerische Wert, der sol-

chen Schöpfungen Dauer sichert, doch nur in jenem
Element. So bei Dante und Michelangelo. Der Mangel
an jener eigentlich künstlerischen Qualität ist es, der
gewisse glänzende Erscheinungen, namentlich unter
den Modernen, doch nur zu Erscheinungen von ganz
vorübergehender Bedeutung macht." Konr. Fiedler

„Kennzeichen des Genies ist sein unwiderstehlicher
Wahrheitsdrang. Es ist wahr, weil es gar nicht anders
kann, weil sein ganzes Sein im Anschauen der Grund-
wahrheiten besteht. Alles Flunkern, Vertuschen, Aus-
weichen istihmseinerNatur nach unmöglich. Sobald ein
Künstler, und sei er noch so begabt, dem äußeren Effekt
eine der ewigen Wahrheiten opfert, hat er sich selber
ein untrügliches Rangzeugnis ausgestellt." Isolde Kurz

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