Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 76.1926

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fahrenden Formen des Adam. Leise ist Stand- und
Spielbein bei gleichmäßigem Aufstehen der Füße bei
der Eva angedeutet und kontrapunktisch durchge-
führt. Zwangloser, zufälliger, ja nachlässiger ist Adams
Haltung, dessen linker Arm den rechten in der Ellen-
bogenrundung stützen muß, wie sein Körper noch
selbst der Stütze zu bedürfen scheint. Der Gefahr einer
sonst zu toten Linie begegnen bei der Eva die vom
schmalen Sockel aufstehenden Grasbüschel. Der Folie

des figurierten Baumastes stehen Adams Schenkel
runder und plastischer gegenüber. Ein ruhiges, stetiges
Arbeiten und langsames Reifen in klarer Erkenntnis
des Zieles, eine kluge Zurückhaltung von Extrava-
ganzen und etwaigen modischen, kurzdauernden Sen-
sationen befähigt Mayer-Fassold zu solcher Lösung, die
uns wieder zu beweisen scheint, daß R. Vischer recht hat,
wenn er meint, daß Schönheit nicht durch Reflexion,
sondern durch Begeisterung entstehe. Hermann Nasse

NEUE A R B E 1 T EN DER KERAMISCHEN
WERKSTÄTTEN VON J. UND K. LEIPFING ER

Eine der ältesten und ausdruckf ähigsten kunsthand-
werklichen Techniken ist die Keramik, die Kunst, aus
bildsamem Ton aus freier Hand oder auf der Dreh-
scheibe Gefäße zu formen, sie zu bemalen, zu glasieren
und im Ofen glashart zu brennen.

Für das 19. Jahrhundert, in dem wie in so manch
anderem Zweig des Kunsthandwerkes, wie in der Glas-
malerei, die Fäden der handwerklichen Uberlieferung
auch in der Keramik zum großen Teil abgerissen waren,
lag das Problem vor allem darin, sich die gute, alte Tech-
nik mit all ihren Feinheiten und Schwierigkeiten wie-
der zu erarbeiten.

Unter den Werkstätten, die gute, edle Keramik im
alten künstlerischen und echt handwerklichen Sinne
herstellen, nehmen die keramischen Werkstätten von
Joseph und Karl Leiphnger in München eine führende
Stellung ein.

Hand in Hand mit der Arbeit um die Technik ging die
Arbeit um die gute Form. Es erwies sich als unerläßlich,
die guten alten Formen wieder beherrschen zu lernen,
um den Ausgangspunkt zu gewinnen zur organischen
und sicheren materialgerechten Fortbildun g der Form in
modernem Sinne. Denn der Ton, so schmiegsam er ist,
ist ein strenges Material und rächt jede Formgebung, die
der Eigenart seiner Natur und der Eigenart des Her-
stellungsvorganges nicht gerecht wird, unerbittlich.

Es ist gerade in der Keramik wichtig, sich darüber
klar zu sein, daß es gewisse Grund- und Urformen,
geboren aus dem Begriff des Gefäßes als Hohlform und

erzeugt aus der Notwendigkeit der Technik gibt, die
aber, ohne in ihrem Wesen vergewaltigt zu werden,
durch die verschiedene Gliederung desAufbaues, durch
die verschiedene Führung des Umrisses nicht nur Ge-
fäßformen zu den verschiedensten Zwecken bilden
können, sondern — und das ist die Hauptsache — zu-
gleich Träger des Kunstwillens der Zeit und des Künst-
lers sein können. Gerade in diesem Sinn scheinen mir
die Gefäße Karl Leipfingers — organisch gewachsene
Gebilde — modern im guten Sinne des Wortes zu sein.
Es ist selbstverständlich, wie unendlich wichtig echte,
mühevolle Handarbeit, mit allen ihren kleinen Zu-
fälligkeiten, die dem fertigen Werk Wärme und Le-
ben und malerischen Reiz geben, gerade in der Ke-
ramik ist.

Aber die Form ist nicht das einzige. Der künstle-
risch ebenso wichtige, technisch noch schwierigere
Teil der keramischen Arbeit ist die Bemalung, die Glasur
und das Brennen. Und das sorgfältige unermüdliche
technische Bemühen Leipfingers wird durch die Erzie-
lung prachtvoller grüner, tiefblauer und satter roter
Töne, diein der heutigen Keramik ihresgleichen suchen,
aufs schönste belohnt. Neben mannigfachen Formen,
die als eine moderne Fortbildung antiker und östlicher
Anregungen anzusprechen sind, bilden ein besonders
ansprechendes Kapitel die mannigfachen Arbeiten, die
der Wiederbelebung und Weiterbildung unserer ein-
heimischen, bodenständigen Töpferkunst gewidmet
sind. Wein- und Schnapskrüglein in zierlichen Formen

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