Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 76.1926

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bieten, so auch auf diesem Gebiet durch die Reihen
der aufstrebenden Generation. Aber es ist ein Bedürf-
nis, unklar in seinem Ursprung sowohl, wie in seinen
Zielen. Es werden in der Welt viele Kämpfe im Na-
men der Wahrheit gegen den Irrtum ausgekämpft,
aber das Reich der Wahrheit ist so im allgemeinen für
die Welt noch niemals angebrochen und wird auch
niemals anbrechen. Es kann sich immer nur der ein-
zelne zum Licht durchringen, und im einzelnen kann
sich die Klarheit, die Reinheit und Höhe der Vernunft
darstellen, zu der der Mensch in irgend einem Zweige
seiner vielfaltigen Tätigkeit gelangen kann. Und dies
geschieht zu allen Zeiten, ist zu allen Zeiten geschehen.
Man gebärdet sich heutzutage so, als ob auch auf dem
Gebiete der Kunst das Heil einer herankommenden
Epoche vorbehalten sei; man wird sich hier so gut
irren, wie dort. Gerade das Gebiet der künstlerischen
Tätigkeit beweist, daß der Wert allgemeiner Bewe-
gungen ein sehr geringer ist gegenüber dem Wert des
Befreiungs- und Entwicklungskampfes, den der ein-
zelne Schaffende durchmacht, um zu hohen Zielen zu
gelangen. Allgemeine Bewegungen sind ihrer Natur
nach immer auf ein Verneinen, Zerstören gerichtet;
denn die Negation kann das Werk vereinigter Kräfte
sein; die Produktion ist immer das Werk der einzel-
nen und auch der einsamen Kraft. Soll aus einer all-
gemeinen Bewegung etwas positiv Wertvolles her-
vorgehen, so wird der einzelne sich der Bewegung zu
erwehren haben, und in dem eigentlichen Kampf, den
er schaffend durchzukämpfen hat, um sich zu immer
höheren Entwicklungsstufen emporzuringen, wird der
einzelne keine Förderung in dem Kampf derer finden,
die meinen, es sei etwas damit getan, daß man das
Bestehende niederreiße. So muß es und wird es auch
hier gehen. Bewegungen allgemeiner Natur, mit all-
gemeinen Tendenzen sind auf geistigem Gebiete im-
mer verdächtig; sie bringen immer nur die Mittel-
mäßigkeit empor und geben der Unfähigkeit, die sich
in ihren Dienst stellt, einen falschen Schein von Be-
deutung. Aus der neuesten Bewegung wird so wenig
etwas werden, wie aus den früheren, die sich im Laufe
der Zeiten abgelöst haben. Auch soll man nicht auf
die Bewegungen, ihre allgemeinen Forderungen und
Ziele achten, man würde nur die Geschichte mensch-
licher Unklarheiten und Irrtümer vermehren, sondern
auf die einzelnen dem reinen Begriffe künstlerischen
Schaffens entsprechenden Begabungen, wie sie sich
unabhängig von allen Bewegungen, zu allen Zeiten
in mehr oder minderer Anzahl, in größerer oder ge-
ringerer Bedeutung dem verstehenden Sinne enthüllen.

Neben der Bewegung, die die Bahn frei machen
möchte für eine neue Kunstübung, indem sie sich los-

sagt von allem, was bisher geschaffen worden ist, geht
eine andere Bewegung einher, die alle Fesseln zu spren-
gen trachtet, in die Theorie und Philosophie der Kunst
das Schaffen einzuengen scheinen. Auch das ist im
Grunde ein Kampf gegen Windmühlen. Auf der einen
Seite hat sich der Künstler bei seinem Schaffen noch
niemals beirren lassen durch die herrschenden An-
schauungen über Natur und Ziele seiner Tätigkeit und
wird es auch in Zukunft nicht tun, mögen jene An-
schauungen noch so abenteuerlich sein: auf der an-
deren Seite ist es auch hier mit einer negativen Be-
wegung nicht getan. Die Schrankenlosigkeit, die an
die Stelle veralteter Gesetze und Forderungen treten
soll, ist doch nur eine Variation der Unklarheit, die
auf diesem, sowie auf anderen Gebieten, von jeher die
Menschen im allgemeinen beherrscht hat und auch in
Zukunft beherrschen wird. Bewegungen, die von einer
Allgemeinheit ausgehen und sich an eine Allgemein-
heit wenden, werden nun einmal kein wahres Licht
zu verbreiten imstande sein. Auch hier wird die Ein-
sicht sich immer nur in den Köpfen einzelner ent-
wickeln. Nun mag man noch so schlimm über die
Ergebnisse alles die Fragen der Kunst betreffenden
Nachdenkens urteilen, so darf man doch zweierlei
nicht außer acht lassen, einmal, daß es niemals ge-
lingen kann, die herrschende Verwirrung aufzuheben
und an ihre Stelle eine neue endgültige, allgemein an-
erkannte Wahrheit zu setzen, dann, daß es ein sehr
anmaßlicher Irrtum wäre, wollte man meinen, die
höchsten und letzten Wahrheiten über die Geheim-
nisse der Kunst hätten sich nicht zu allen Zeiten ein-
zelnen enthüllt; das was sie in ihrer Sprache zum Aus-
druck brachten, mochten sie freilich nicht immer in
die Sprache derer übersetzen, die nur das verstehen
konnten, was sich ihnen in Begriffen darstellte.

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Die Wirkungen der Kunst sind ein Gegenstand be-
sonderer Forschung; ihre Kenntnis erklärt das Wesen
der Kunst nicht; sie können nur Fingerzeige für die
Erkenntnis der Quellen der Kunst in der menschlichen
Natur geben, aber eben nur Fingerzeige; aber es ist
vollkommen möglich, daß ein Fortschritt in der Er-
kenntnis des Wesens der Kunst auch ganz neue Wir-
kungen der Kunst auf den Menschen hervorruft; denn
die Wirkung der Kunst hängt nicht allein von ihr,
sondern auch von der geistigen Verfassung desjenigen
ab, auf die sie ihre Wirkungen ausübt und die ver-
änderte Anschauung über das Wesen der Kunst muß
auch notwendig eine Veränderung in ihren Wirkungen
herbeiführen. —

(Aus Konrad Fiedlers Schriften über Kunsr. II. Band.

Verlag R. Piper & Co., München.)

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