Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 76.1926

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Ferd. von Miller überbrachte Geh.-Rar Bestelmayer die
Glückwünsche an denjubilar. Mögen dem rüstigen,um das
bayerische Museumswesen, um Münchens Kunstwissen-
schaft und besonders um den Bayerischen Kunstgewerbe-
verein hochverdienten Sechziger noch recht viele Jahre
segensreichen Wirkens beschieden sein.
Wirtschaftliche Besprechung. Am y. Oktober
fand ein Mitgliederabend mit Besprechung von Wirt-
schafts- und Berufsfragen statt, der zugleich der Aus-
sprache diente. Landesgewerberat Leipfinger gab einen
Uberblick über die allgemeine Wirtschaftslage, die er trotz
vieler erschwerender Momente als in langsamer Besse-
rung begriffen beurteilte. Hierauf berichtete Direktor
Dr. Danzer auf Grund praktischer Erfahrungen über die
vielen Ursachen, die einer Besserung der Erwerbsmög-
lichkeiten im Kunstgewerbe entgegenstehen und von den
Kunstgewerblern selbst behoben werden können. Ins-
besondere durch eine sorgfältigere Einstellung auf die
tatsächlich vorhandene Nachfrage und durch rationellere
Preisbildung. Er gab dann eine Reihe von Fingerzeigen,
wie gerade der kleine, im Kunstgewerbe tätige Hand-
werker zu Belebung des Umsatzes kommen kann, und
brachte Klagen und Anregungen der Käuferschaft und
wertvolle Messeerfahrungen zur Kenntnis.
Die neue Kirche in Wiessee, ein Werk unseres
Mitglieds, des Architekten Rupert von Miller, bildete am
16. Oktober das Ziel eines Ausflugs des Vereins, der sich
sehr zahlreicher Beteiligung erfreute und außerdem durch
ein sonniges Herbstwetter begünstigt war. Das idyllisch
gelegene Gotteshaus, auf dessen künstlerische Bedeutung
noch zurückzukommen sein wird, zeigt, so wie es sich har-
monisch in die Landschaft einfügt, auch in der ganzen
sinnigen Gestaltung eine selten anziehende Vereinigung
bester neuzeitlicher Kunstgesinnung mit dem tiefreli-
giösen Empfinden unseres Bergvolkes. Neben dem plasti-
schen Schmuck, an dem u. a. Prof. Killer, Prof. Seidler,
Kroher mit bedeutenden Werken beteiligt sind, ist be-
merkenswert, daß für die kunstgewerblichen Arbeiten
in weitgehendem Maße ansässige Handwerksmeister her-
angezogen worden sind. Der Führung durch Rupert von
Miller wohnten auch der Ortsgeistliche Expositus Gansler
undBürgermeisterSanktjohannseran,nachmittags folgten
die Teilnehmer einer Einladung auf das von Millersche
Landgut Kainzen-Hof.

Am 26. Oktober sprach Min.-Rat Dr. Goetz, der
Regierungskommissar der Ausstellung München
1927 „Das bayerische Handwerk" über Absichten
und Durchführung dieser Veranstaltung. Sie soll weniger
und nur nebenher fertige Erzeugnisse zeigen, auch nicht
den Abschluß von Verkäufen und Aufträgen als Haupt-
zweck haben oder gar nach neuzeitlichen Vorbildern ohne
Rücksicht auf ihren Namen der wahllosen Vorführung
der Erzeugnisse solcher Industrien dienen, die hohe Platz-
mieten aufbringen. Vielmehr hat man sich zur Aufgabe
gestellt, das Interesse unserer Zeit für das Handiverk
neu zu beleben und dieses als volkswirtschaftlichen und
Kulturfaktor, ausgehend von der Geschichte, aber auch

in Einbeziehung aller heutigen Erscheinungsformen, zur
Darstellung zu bringen. So soll die Ausstellung im wei-
testen Sinne der Aufklärung und Werbung für das Hand-
werk dienen und es kann jetzt schon gesagt werden, daß
sie über dessen Umfang, Leistungen und Bedeutung ein
abgeschlossenes Gesamtbild bringen wird, das der heu-
tigen Unterschätzung wirksam entgegentreten wird. Im
Anschluß an denVortrag gab OberstudiendirektorWieder-
anders Aufschluß über eine Reihe von Anfragen und zeich-
nete in großenStrichendiebeabsichtigteäußereGestaltung
Eine Sammelausstellung des Bayerischen Kunstgewerbe-
vereins auf der Handwerksausstellung ist n i c h t beabsich-
tigt, schon durch die fachgruppenweise Anordnung ist es ge-
boten, daß die Werkstätten, die sich beteiligen wollen, ein-
zeln bei den entsprechenden Gewerbegruppen ausstellen.
Am 9.Nov. sprach Hermann Eßwein über„Mün-
chens kulturelle Zukunft" und gab dabei eine außer-
ordentlich klare und durchdachte Schilderung der heutigen
kulturellen Verhältnisse, mit denen alles Kunstschaffen
aufs engste zusammenhängt, und ihrer Ursachen. Abhilfe
muß nicht auf die Blüten, sondern auf den Baum ange-
wendet werden. Die wohltuend unpolemischen, dabei in
ihren Vorschlägen durchaus auf dem Boden der Wirklich-
keit stehenden Ausführungen beschäftigten sich sowohl
mit dem schaffenden Künstlertum, wie auch mit dem Aus-
stellungswesen und dem Kunstmarkt, streiften aber auch
Musik und Bühne und fanden durch die Höhe der Betrach-
tungsweise und die abgerundete Erschöpfung des Themas
begeisterten Beifall seitens der zahlreichen Zuhörer, mit
denen sich auch Vertreter der Staats- und städtischen Be-
hörden eingefunden hatten.

Der Neubau der Technischen Hochschule
München wurde am 13. November den Mitgliedern und
Gästen des Vereins in einer Begehung unter Führung von
Geheimrat Bestelmeyer gezeigt. Die starke Beteiligung
bewies das große Interesse für den Bau, der in zwei
Jahren unter, sehr schwierigen Verhältnissen aufgeführt
worden ist und mit dem Flügelbau an der Theresien-
straße zu einer monumentalen Neugestaltung des alten
Polytechnikums führte. Er enthält bekanntlich als Mittel-
raum den großen physikalischen Hörsaal mit 1200 Plätzen,
der auch als Festsaal für die Hochschule bestimmt ist.
Eine eingehendere Würdigung auch dieses Bauwerks wird
Gelegenheit geben zur Aufzeigung vorbildlicher Lö-
sungen des Problems, wie Sparzwang mit künstlerischer
Wirkung in Einklang zu bringen ist.

Nächste Veranstaltungen (Beginn jeweils 815
abends). 7. Dezember : Nikolausabend (Familienabend),
hiebei wird ein Weihnachtsspiel von Frau Pinggera-Schwe-
gerle zur Aufführung gelangen. Der Vortrag Prof. Dr.
Alexander von Müller, der für 14. Dezember in Aussicht
genommen war, ist verschoben; 11. Januar: Vortrag Max
Kemmerich: Die Entschleierung der Zukunft (Prophetie,
Astrologie, Chiromantie, Geschichtsberechnung); 18. Ja-
nuar: Familienabend mit Tanz; 25. Januar: Mitglieder-
abend, Berufs- und Wirtschaftsfragen, Aussprache; 8. Fe-
bruar: Hauptversammlung.

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