Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 6.1895

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Bücherschau.

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BÜCHERSCHAU.

Wilhelm Vöge, die Anfänge des monumentalen
Stiles im Mittelalter. Eine Untersuchung über
die erste Blütezeit französischer Plastik. Mit 58
Abbildungen und 1 Lichtdrilcktafel. Straßburg,
J. H Ed. Heitz (Heitz u. Mündel) 1894. M. 14—
Die französische Plastik des Mittelalters ist in
der wissenschaftlichen Literatur der letzten Jahr-
zehnte gegenüber der französischen Architektur des
gleichen Zeitraums mehr und mehr zurückgetreten.
Nach Viollet-le-Duc, der im 8. Bande seines Dic-
tionnaire eine knappe Schilderung der Entwicklung
der französischen Plastik gab. hat nur Courajod
sich eingehend mit dem ganzen Gebiete be-
schäftigt, ohne indessen bisher seine Forschungen
zusammenhängend zu publiziren. In dem Pracht-
werk von Louis Gonse über die Gotik ist die
Plastik nur ganz kurz und stiefmütterlich behandelt.
Neben der Entstehung der gotischen Baukunst er-
scheint aber die Entstehung der gotischen Statuarik,
des plastischen Stiles, als die vornehmste Aufgabe,
die der Kunstgeschichte dieses Zeitalters überhaupt
zugefallen ist. Dieses Problem ist nur auf franzö-
sischem Boden zu lösen. Immer wieder muss betont
werden, dass für die Zeit vom 11. bis 13. Jahrhundert
Frankreich das wichtigste europäische Kulturland ist
und dass vor allem die großen kunstgeschichtlichen
Fragen, die diese Epoche stellt, nur auf Grund des
hier gebotenen überreichen Materiales zu lösen sind.

Mit den Anfängen der statuarischen Plastik in
Frankreich beschäftigt sich der Verfasser des vor-
liegenden Buches, der sich bereits durch eine gelehrte
Arbeit über die frühmittelalterliche Malerei Deutsch-
lands einen geachteten Namen erworben hat.

Im Mittelpunkt der ganzen Darstellung steht
Chartres, das vornehmste Werk aus der ersten Epoche
der nordfranzösischen Plastik. In einer glänzenden
Charakteristik wird das Neue und Bahnbrechende,
das die Portalanlage der Kathedrale von Chartres
als Komposition, durch die Verteilung und Einglie-
derung des plastischen Schmuckes besitzt, betont,
ihre feinen ästhetischen Reize werden hervorgehoben,
wir haben hier das erste großartige Zeugnis der
einzigen Begabung des französischen Volkes für das
Dekorative. Viollet-le-Duc hatte in der seltsamen
Gebundenheit des Chartrerer Stiles etwas greisen-
haft Erstarrtes, Hieratisches gesehen — das Ende
einer Entwicklung, der gegenüber am Ende des
12. Jahrhunderts ein ganz neuer unabhängiger Stil
aufwachse. Verfasser zeigt dagegen das Jugend-

liche, Originale dieser Kunst im Stilistischen, in der
Technik, in dem Verhältnis dieser Meister zur Natur.
Wo sind aber die Ursprünge dieser Schule zu suchen?
Zwei Provinzen sind genannt worden: Languedoc
und Burgund. Vöge, der dieses Problem zum ersten-
mal eingehend untersucht und auf wissenschaftliche
Basis stellt, weist im Gegensatz hierzu durch sorg-
fältige, ins einzelne gehende Vergleichungen nach,
dass die Chartrerer Kunst ihrem Hauptbestande nach
aus der Provence stammt, dass in erster Linie die
Skulpturen von Saint-Trophime in Arles von Ein-
fluss auf ihre Bildung waren. Der Einfluss des
Languedoc erscheint daneben sekundär; die Skulp-
turen von Toulouse, die zunächst verwandt er-
schienen, sind gerade erst von Chartres abhängig,
nicht umgekehrt. Wohl aber wirken Moissac und
Toulouse auf Saint-Denis und durch dieses Medium
auf die von diesem abhängige Gruppe der nord-
französischen Plastik. Der Einfluss von Burgund
kommt für die Frühzeit kaum in Betracht. Dieser
Nachweis der Abhängigkeit der nordfranzösischen
Schule von der romanischen Plastik im südlichen
Frankreich, die eine interessante Parallele in der
französischen Literaturgeschichte findet, ermöglicht
eine ganz neue Gruppirung des Materiales, wie
andererseits nun erst — im Angesicht der Quellen —
die originale Leistung des Nordens ins Licht tritt.
Die Formensprache des Südens erfährt im Norden
eine völlige Umwandelung. Die Plastik gerät hier
unter den Einfluss der Architektur. Der Anhauch
des französischen Geistes, die Feinheit der franzö-
sischen Hand formt die vom Süden herkommende
Gestaltenwelt zu ganz neuen Gebilden um. In Chartres
selbst findet sich der so entstehende tektonische Stil
schon in seiner klassischen Ausprägung.

Mit der Ausbreitung dieses Stiles von Chartres
über Nord- und Mittelfrankreich zur Zeit des Uber-
gangsstiles beschäftigt sich das zweite Buch. Es ge-
lingt dem Verfasser hier, neben dem Chartrerer Haupt-
meister in der großen Menge der Schulwerke vor
allem noch zwei hervorragende künstlerische Persön-
lichkeiten nachzuweisen: den Meister der beiden Ma-
donnen (von der Porta Sainte-Anne an Notre-Dame
de Paris und an dem südlichen Tympanon zu Char-
tres), von dem dann wieder das Atelier von Angers
abgeleitet ist, und den Meister von Corbeil, dessen
Leistungen das vollendetste Kunstwerk aus der Zeit
der Reife der Chartrerer Schule darstellen. Eine ganze
Reihe wichtiger ikonographischer Fragen, vor allem
die nach den dargestellten Personen in den Königs-
portalen, in denen der Verfasser Persönlichkeiten aus
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