Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 6.1895

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Bücherachau.

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BÜCHERSCHAU.

Publikationen der Internationalen Chalkogra-
phisehen Gesellschaft für 1893, 1894 und 1895.
Berlin. Fol.

Den Reigen dieser Publikationen eröffnet das Werk
von Max Lekrs über den Meister des Amsterdamer
Kabinetts. Darin sind sämtliche Stielte des Meisters
in vorzüglichen Reproduktionen mitgeteilt (89 Bl.). Der
Text ist, wie bei Lehrs selbstverständlich, mit Umsicht
und Kritik verfasst.

Der Meister des Amsterdamer Kabinetts, auch Meister
des Hausbuches und Meister von 1480 genannt, gehört
zu den merkwürdigsten Künstlerindividualitäten jener
Epoche zwischen 14G0 und 1490, die, von jugendlicher
Werdekraft erfüllt, die volle Blüte der deutschen Kunst
vorbereitet. Der Künstler dürfte wohl von Haus aus
kein Goldschmied, sondern ein Maler gewesen sein, „der
zu eigener Freude die Fülle seiner Gestaltungskraft der
Metallplatte anvertraut hatte." Einesteils folgt dies aus
seiner unmethodischen Behandlung (kalte Nadel in Ver-
bindung mit dem tiefer gehenden Grabstichel), andern-
teils aus der Thatsache, dass sich keine eigentlichen
Ornamentstiche in dem Werke des Meisters vorfinden. Doch
ist bis jetzt noch kein Gemälde von seiner Hand nach-
gewiesen. Von Zeichnungen befindet sich eine (ein
Liebespaar) im Berliner Kabinett, ganz besonders aber
rühren von ihm die Blätter im sog. Hausbuch her, das
sich in der Sammlung des Fürsten von Waldburg-Wolfegg
befindet. Für die Zeit auffällig ist die Vorliebe des
Künstlers für genreartige Darstellungen, sein frischer
Humor zeigt sich besonders in den Wappen.

Über den Ort, wo der Meister gearbeitet hat, ist
leider nichts bekannt. Früher suchte man ihn in den
Niederlanden; jedoch ist die Thatsache, dass sich die
meisten seiner Stiche in Amsterdam befinden, rein zu-
fälliger Natur. Jetzt lässt man ihn in Oberdeutschland
thätig sein. R. Vischer nannte ihn einen „Rheinschwaben",
Lehrs spricht nur im allgemeinen von der Zugehörigkeit
zur schwäbischen Schule, Lippmann indentifizirt ihn mit
Hans Holbein dem Vater. Letztere Vermutung scheint
mir nicht zulässig, aber auch die allgemeine Zugehörig-
keit zur schwäbischen Schule ist, wenn auch leicht
möglich, doch nicht bestimmt nachzuweisen. Der wichtige
Anhaltspunkt der Farbengebung fehlt natürlich bei Stichen
und Zeichnungen, und bei dem wandernden Leben dieser
Künstler ist eine Lokalisirung überhaupt sehr schwierig.
Zum Unglück schlägt auch die Dialektfrage fehl, denn
der Text zum „Hausbuche" setzt sich aus zwei ver-
schiedenen Schriftweisen zusammen, und man weiß nicht,
welche und ob man eine überhaupt hierbei zur Fest-
stellung heranziehen solle. Der erste Teil ist in bay-
erischer Schreibung, der zweite zeigt alemannische Mund-
art, jedoch, wie mir scheint, mit mittelrheinischer Färbung.
Eine wohl nicht unberechtigte Frage ist es, ob nicht

auch unser Meister, der, soweit wir die schwäbische
Schule bis jetzt kennen, nicht ohne weiteres in ihren
Rahmen hineinpasst, dem Mittelrhein entstammt, also etwa
in oder im Umkreise von Mainz, Frankfurt, Worms etc.
zu suchen wäre.

Die Zeit, in der der Meister thätig war, fällt offen-
bar zwischen die Jahre 1460 und 1490. In welcher
Weise der Abschnitt noch auszudehnen oder zu be-
schränken ist, steht dahin; jedenfalls aber hat es den
Anschein, als ob die bis jetzt bekannten Arbeiten des
Meisters der Hauptsache nach ziemlich bald nach einander
entstanden sind. Der Künstler gehört zweifelsohne einer
jüngeren Generation an als der Meister E. S.; es zeigt
dies schon die bei ihm übliche Tracht, in welcher die
Armelschlitze der Männer eine Rolle spielen, und zwar
nicht bloß der Ellbogenschlitz, sondern auch die kleinem
von der Schulter heruntergehenden. Manche der Stiche
sind von einer Freiheit, dass man sie kaum vor 1485
setzen möchte. Allerdings mag die malerische, freie
Behandlung des Meisters leicht dazu verlocken, eine
spätere Zeit anzunehmen als diejenige, der er in Wirklich-
keit angehörte.

In dem „Hausbuche" finden sich ein paar Wappen, von
denen das Württembergische und das Erbachische zweifel-
los sind; ein anderes hält man für das Wappen der
schwäbischen Adelsfamilie von Werdenstein; das ist
möglich, jedoch ist die Frage erlaubt, ob es nicht auch
das gräflich Hanauische Wappen sein könne. In der
Kunstchronik vom 29. März 1894 hat ein „Historicus",
dem alten Harzen folgend, darauf hingewiesen, dass in
einer Zeichnung des Hausbuches das Lager Kaiser
Friedrichs III. in der Neußer Fehde vor Neuß (1474—75)
dargestellt sei, wo in der That Graf Eberhard von
Württemberg neben dem Kaiser lagerte, also die An-
wesenheit der Hirschgeweihe in den Zeichnungen sich
leicht erklären lasse. Daraus folgt nun freilich nicht
unbedingt, dass der Künstler ein Augenzeuge dieser Be-
lagerung gewesen, aber an eine gleichzeitige Entstehung
der Zeichnung wird man wohl denken müssen.

Weiter hat uns die Internationale chalkographische
Gesellschaft mit der Herausgabe der 11 Holzschnitte des
Meisters I. B. mit dem Vogel beschenkt. Fr. Lippmann,
der den Text dazu geliefert hat, versetzt die Thätigkeit
des Künstlers in die Zeit vom Ende der neunziger Jahre
des 15. bis in's 2. Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts; mit
Recht hält er unter den Holzschnitten die Kreuzigung
Nr. 2, welche die Einwirkung Mantegna's aufs Deut-
lichste zeigt, für den frühesten und das offenbar von der
Manier Ugo's da Carpi beeinflusste Helldunkelblatt Nr. 5,
hl. Sebastian, für vielleicht den spätesten Nach Man-
tegna hat A. Dürer unsern Meister sehr berührt. Auf zweien
der Holzschnitte (4 und 7) kommt ein aus I und M/
zusammengesetztes Monogramm vor, das nach Lage der
Dinge kaum etwas anderes als den Formschneider be-
zeichnen dürfte. Dass darunter der Augsburger Jörg
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