Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Bücherschau.

Ii

Perspektiven." Die Vorstellung' Bötticher's, dass die
hellenische Architektonik „gleich der heiligen Pallas
Athene gerüstet und fertig ans Licht getreten", d. h.
also eines Tages plötzlich dem Haupte eines Mannes
entsprungen sei, ist eine ganz unhistorische. — Über
die Frage, ob Holz oder Stein das ursprüngliche Material
des griechischen Tempelbaues gewesen sei, hat schon
Lotze eine höchst beachtenswerte Äußerung gethan. „Es
scheint mir ganz unglaublich" — sagt er in der Ge-
schichte der Ästhetik in Deutschland, S. 524 — „dass
ein Volk ohne vorangegangenen Holzbau überhaupt auf
den Gedanken sollte verfallen sein, Steine in Form steil
aufgerichteter Säulen zu benutzen. Dieser allgemeinste
Gedanke, und mit ihm freilich schon ein Teil des
Weiteren, gehört unzweifelhaft wohl dem Holzbau ebenso
an, wie die cyklopische Mauer und der Terrassenbau
der ursprünglichen Stein- und Erdarbeit. Es kann sich
nur fragen, wie weit der Steinbau die durch Holz-
architektur gegebenen Motive seinem durch das neue
Material gebotenen Verfahren assimilirt habe. Dass er
nicht den gesamten Holzverband kopirte, wissen wir;
dass er aber die Formen, die im Holzgebäude entstanden
waren, ihrem allgemeinen Sinne nach beibehalten habe,
ist um nichts unwürdiger, als dass die griechische
Phantasie sich an die Doldengewächse gewandt habe,
auch nicht, um sie unverändert zu kopiren, sondern um
den allgemeinen Gedanken ihrer Form architektonisch
zu stilisiren." Die Ausgrabungen der letzten Jahre
haben bekanntlich auch in diesem Punkte massenhaftes
Material gegen die Anschauungen Bötticher's zu Tage ge-
fördert und die Annahme höchst wahrscheinlich gemacht,
dass dem hellenischen Steinbau ein Mischstil (Stein und
Holz mit Metall- oder Terrakottaverkleidung im Sinne
Semper's) voraufgegangen sei. — Die dritte Thesis
Bötticher's, dass Eeste ohne das zugehörige „dekorative
Charakteristikum" als ursprünglich bemalt oder unfertig
aufzufassen seien, ist zwar schwer widerlegbar, allein
ebenso schwer zu beweisen. Sie stellt sich als eine
Supposition heraus, die der Verfasser der „Tektonik"
nur deshalb so hartnäckig verteidigte, weil er sie für
seine Beweisführung als notwendig erkannt hatte.

Das ist überhaupt charakteristisch für Bötticher,
dass er oft ohne streng sachliche und methodische Prüfung
nur zu Gunsten seines Systems die wichtigsten Fragen
entschied. In seinem Hauptwerke „tritt der Archäologe
fast durchaus in den Dienst des Ästhetikers". Bötticher
sucht das vorliegende thatsächliche Material nicht nur
nicht auf, sondern er verkennt, ja verschweigt oft
wichtige Forschungsergebnisse um seiner Doktrin willen.
Sehr bezeichnend ist seine Stellungnahme zu Vitruv.
Dessen Holzbautheorie verwirft er ganz, wie wir schon
sahen; überhaupt schätzt er ihn im allgemeinen gering,
ja „verdächtigt seine Autorität da, wo sie ihm unbequem
war". — „In anderen Fällen aber, wo er durch spitz-
findige Deutungen „Beweise" für seine Theorie zu finden

bemüht war, wollte er diese Autorität in vollem Umfang
aufrecht erhalten wissen."

Wenn Bötticher's Werk aus diesen Gründen vor
der methodischen Kritik der neueren Wissenschaft für
die Dauer nicht Stand halten konnte, so war anderer-
seits die gelehrte, mit einer Menge von sonderbaren
Wortbildungen ausgestattete Schreibweise des Autors
ein erschwerender Umstand für die Popularität des
Werkes bei Künstlern und Kunsthandwerkern. Aller-
dings haben wir mit Streiter das Bestreben Bötticher's
anzuerkennen, aus den alten Schriftstellern die antiken
Bezeichnungen der einzelnen Bauteile festzustellen. Er
hat in dieser Hinsicht grundlegend gewirkt und der
Archäologie im Einzelnen viel wertvolles Material zu-
geführt. Aber für die Ausbildung seiner eigenen schrift-
stellerischen Ausdrucksweise ist dieser Teil seiner
Forschung von bedenklichen Folgen begleitet gewesen.
Der Kritiker sagt zutreffend: „Man wird sich beim
häufigen Lesen von Wortbildungen, wie „Echinuskyma",
„Volutenabakus", „involutirte Fascia", „Mäandertänia",
„Torenspira", „Torenfascia", dem Eindruck eines ge-
wissen Schwelgens in Fremdwörtern, eines gewissen
Prunkens mit Gelehrsamkeit nicht entziehen können."

Nach alledem darf es niemanden Wunder nehmen,
dass die „Tektonik der Hellenen", die in den vierziger
Jahren mit sensationellem Erfolge hervorgetreten war,
bei ihrem zweiten Erscheinen dreißig Jahre später fast
spurlos vorübergegangen ist. Es lag eben ein Menschen-
alter dazwischen, in dem sich das Denken und der Ge-
schmack der Zeit vollständig verändert hatten. An
Stelle der ästhetischen Doktrin von einseitig klassischem
Zuschnitt war die allgemeine Entwicklungslehre der
Kunst getreten, als deren geistvollster Vertreter für das
Gesamtgebiet der Baukunst und der mit ihr zusammen-
hängenden ornamentalen und gewerblichen Künste Gott-
fried Semper zu betrachten ist. Als Bötticher auf der
Höhe stand, wirkten die Lichtseiten seines Wesens,
Energie, Scharfsinn, Ausdauer, Kombinationsgabe, blendend
auf die ihn umgehende Welt. Allmählich traten aber
auch die dunklen Punkte in seiner Lebensarbeit neben
den lichten Stellen hervor und man erkennt heute klar,
dass die Irrtümer, die seiner Lehre anhaften, so groß
sind, wie eben die Fehler aller starken Naturen zu sein
pflegen. G. v. L.

BÜCHERSCHAU.

Jean Louis Sponsel: Die Abteikirche zu Amorbach,
ein Prachtwerk deutscher Rokokokunst. Nach archi-
valischen Quellen beschrieben und erläutert. Mit drei
Textbildern und vierzig Lichtdrucktafeln. Dresden,
Druck und Verlag von W. Hofmann, 1896.

Wie lange ist es her, dass man es für unbegreiflich
erklärt hätte, dass ein Kunstgelehrter, auf 50 Folio-Spalten
die Ergebnisse seiner Forschungen über eine abgelegene
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