Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Wettbewerbungen. — Sammlungen und Ausstellungen.

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und Tannhäusersage ausgeführt hat, ist nach Vollendung
seiner umfangreichen Arbeit von dem preußischen Kultus-
minister eine Gratifikation von 2000 M. gewährt worden.
Die Stadt Erfurt hat eine gleiche Summe zugebilligt.

WETTBEWERBUNGEN.

*„* Bei dem Wettbewerb um das Kaiser Wilhelm-Denkmal
für Liegnitz ist die Ausführung dem Bildhauer ./. Boese in
Berlin übertragen worden.

SAMMLUNGEN UND AUSSTELLUNGEN.

In Liegnitz wird eine Kunstausstellung geplant, die vom
15. April bis 9. Mai stattfinden soll. Die Anregung dazu
geht vom dortigen Kaufmännischen Verein aus. Das Pro-
tektorat der Ausstellung hat Regierungspräsident von Beyer
übernommen, den Ehrenvorsitz Oberbürgermeister Oertel. Die
Stadtverordneten werden einen erbetenen Zuschuss von 600 M.
wohl bewilligen.

x Für die internationale Kunstausstellung in Dresden
sind jetzt in der städtischen Ausstellungshalle die Einbauten
begonnen worden. In den meisten Räumen wird ein vor-
zügliches Oberlicht geschaffen werden, und hierbei nicht nur
die Erfahrungen, die in den Ausstellungen der Münchener
Secession gemacht wurden, sondern auch die der Nürnberger
vorjährigen Ausstellung als Richtschnur dienen. Im Ganzen
sind in der Ausstellungshalle zehn große Säle für Aufstellung
von Gemälden gewonnen worden. Ferner wird noch eine
Anzahl von Kabinetten geschaffen, in denen nicht nur Werke
der graphischen Künste sowie Aquarelle, Pastelle und Hand-
zeichnungen, sondern auch Werke der Kleinplastik, des
höheren Kunstgewerbes und der dekorativen Kunst dem
intimeren Kunstgenüsse dargeboten werden. Durch die Ver-
trauensmänner sind schon über achthundert Werke der Malerei
angemeldet worden. Eine gleichgroße Anzahl Kunstwerke
wird aus den anderen Kunstgebieten zusammenkommen.

*m* Eine permanente Ausstellung von künstlerisch wert-
vollen Plakatentwürfen wird von der bekannten Kunstanstalt
von Grimme & Eempel in Leipzig geplant. Das Unter-
nehmen soll eine Pflegestätte der Reorganisation des deutschen
Plakates werden und wendet sich an alle deutschen Künstler
um Beteiligung. Es finden jährlich zwei Prämiirungen statt,
die mit je neun Preisen zu 1000 M., 500 M., 300 M., und
sechs zu 200 M., in Summa 3000 M., dotirt werden. Die
erste Preisverteilung erfolgt während der Dauer der sächsisch-
thüringischen Industrie- und Gewerbeausstellung in Leipzig;
die Preisrichter sind fünf bei der letzten von Grimme & Hempel
ins Leben gerufenen Plakatkonkurrenz prämiirte Künstler,
während bei jeder weiteren Preisverteilung fünf von den
vorher mit Preisen ausgezeichneten Künstlern das Preis-
gericht bilden. Gute Entwürfe werden außerdem unabhängig
von der Prämiirung von der Kunstanstalt angekauft.

Düsseldorf. — Als vor Jahresfrist die ersten Berichte
über die Worpsweder laut wurden, pries man einstimmig
Modersohn und Mackensen als deren Ersten. Heute möchte
ich Heinrieh Vogeler seiner neuesten Kollektion zufolge den
Vorrang geben. Ich habe schon einmal an dieser Stelle auf
das Grundwesen der Vorzüge der Worpsweder hingewiesen
und die Ursachen darzuthun versucht, aus welchen Moder-
sohn und Mackensen, ursprünglich nur mittelmäßig begabte
Künstler, das geworden sind, was sie heute sind. An Vogeler
kann man sehen, wie voll und wie tief sich ein individuell
und reich begabter Künstler aus solchem Naturleben ent-
wickelt. Er ist diesmal mit einigen Landschaftsbildern und

einer größeren Anzahl Radirungen vertreten. Die Land-
schaften sind nicht bedeutend, sie könnten ebensogut von
Modersohn gemalt sein, und beweisen, wie nachteilig solches
Cliquenwesen, der Einfluss eines anderen und nicht zum
wenigsten der eines Lehrers, auf einen Künstler sein kann,
wenn selbst eine so originell veranlagte Natur wie Vogeler
dadurch in Mitleidenschaft gezogen wird. Seine Welt jedoch,
jenes ureigene Empfinden, das sein Herz bewegt, giebt uns
Vogeler unverkürzt und unbeeinflusst in seinen Radirungen,
die einst zu den intimsten Blättern deutscher Kunst zählen
dürften. Selten hat ein Künstler so am tiefsten und ge-
heimsten Lebensborne der Natur geschöpft und ihre zwei
Grundmächte erfasst und gestaltet: die Liebe und das Böse.
Erstere durchzieht als nährender, keimwarmer Unterstrom
die Mehrzahl seiner Blätter und erreicht in dem „Frühling"
— bei Knospenbeben, Vogelschlag und der ersten wundersamen
Liebesregung in dem Herzen Jenes erwachenden Mädchens,
das träumerisch in die Natur schaut — seine feinste Krystal-
lisation; letzteres seine tiefste Gestaltung in der „Hexe".
Dieses kinderfressende Ungeheuer ist von einer psychologischen
Tiefe des Schauerlichen, die vor Vogeler nur Rops gestalten
konnte, und außer der ganzen furchtbaren Perversität des
Körpers und der Körperhaltung giebt Vogeler mit der intui-
tiven Sicherheit des echten Künstlers an Physiognomie
und Schädelbildung einen Typus, der die charakteristischste
Illustration zu Lombroso's uomo delinquente wäre. Diese
beiden Blätter allein sind mir ein Entgelt dafür, dass Vogeler
unter den ersten deutschen Künstlern genannt werden wird,
wenn die übrigen Worpsweder längst zur Mythe geworden
sind. — Im gleichen Saale hängt eine Kollektion landschaft-
licher Schwarz-Weili-Blätter von Julius Bretx, die von außer-
ordentlichem Stimmungsgehalt sind. Bretz, der ehedem stark
in den Traditionen der Holländer stak, beginnt nun, sich
selbst zu entdecken und lägst, wie es stets bei solchen Selbst-
Entdeckungen geht, seine früheren Leistungen um ein Be-
trächtliches hinter sich zurück. Er gehört zu jenen Land-
schaftern, die die Natur nicht photographisch zu kopiren
vermögen, sondern den geringsten Erdenwinkel mit ihrem
eigenen Empfinden groß und träumerisch gestalten. Aus
dieser Selbst-Dichtung entspringt ihm jedoch ein Nachteil:
seiner Farbe fehlt meistens die nötige Klarheit und Sicher-
heit; daher ist er diesmal als Schwarz-Weiß-Künstler wirkungs-
voller denn je zuvor und es scheint, als ob das Feld, auf
dem er seine echte Kunst allein unverkürzt gestalten könne,
die Radirung werden müsse. rudolf klein.

Braunschweig. — Nur selten einmal ist es den Braun-
schweiger Kunstfreunden vergönnt, wirklich hervorragende
Werke der Kunst der Gegenwart in ihrer Stadt zu sehen
und in a;0 Wege und Ziele des modernen Kunstschaffens
etwas tieferen Einblick zu gewinnen. Die großen, aller zwei
Jahre stattfindenden Ausstellungen in der alten, für derartige
Zwecke eingerichteten Ägidienkirche können dabei kaum in
Betracht kommen; denn was sie bringen, ist in der Regel
von zweifelhaftem Werte, eigentlich nichts anderes als der
Abhub von den Tafeln der Reichen. Unter solchen Um-
ständen ist die kleine Ausstellung, die am dritten Weihnachts-
feiertage im ersten Stock des Herzogl. Museums eröffnet
worden ist, in gewissem Sinne ein Ereignis für Braunschweig
zu nennen und wird auch als solches empfunden. Sie ver-
mittelt die Bekanntschaft des zur Zeit wohl bedeutendsten
Vertreters der monumentalen Malerei in Deutschland, Her-
mann Prell''s, und seiner letzten und reifsten Schöpfung, der
Fresken im Treppenhause des schlesischen Museums der
bildenden Künste zu Breslau. Diese sind in trefflichen Licht-
drucken zu sehen. Doch nicht sie, nicht die ausgeführten
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