Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Ausstellung chinesischer Malereien in Dresden.

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es der aus Indien eingeführten "buddhistischen Richtung.
Die japanische Malerei, so wenig wir auch zur Zeit noch
von ihr kennen, bildet also für uns die Brücke zum
Verständnis der chinesischen Kunst, sowohl weil sie von
dieser ausgeht als auch weil sie in ihrer weiteren Ent-
wicklung von Zeit zu Zeit durch engeren Anschluss an
die gleichzeitige chinesische Kunst, wie namentlich im
15. Jahrhundert, stets wieder neue Belebung gewann.

Über das Aussehen dieser Malereien sei zunächst
berichtet, dass sie meist in der Form des Kakemono,
also eines schmalen herabfallenden Streifens von gewöhn-
lich 30x80 bis 40x100, aber auch 60x120 und
70x140 ein gehalten sind, während die meist langen
horizontalen Rollen, die Makimonos, hier nur spärlich
vertreten sind. Die besseren Stücke sind auf fein ge-
rippter Seide, die übrigen auf Papier gemalt, fast alle
aber an den Enden durch Stücke goldgesprenkelten
Papiers verlängert und rundum mit einem breiten Streifen
Seidenstoff von heller Tönung, gelblich-weiß, hellblau,
hellrosa, hellbrann, gelb, aber auch schwarz, eingefasst.
— Der Eintrittsraum (Oberlichtsaal) umfasst, links vom
Eingang anfangend, die ältere Zeit bis zum Ende des
17. Jahrhunderts (Nr. 1 bis 62 des Katalogs)1); die
Seitenräume, rechts, den übrigen bis zur Gegenwart
reichenden Teil der Sammlung (Nr. 63 bis 93).

Das Heroenzeitalter der chinesischen Kunst sowie
die ganze, strenge buddhistische Richtung ist hier gar
nicht, die Tang-Periode (618—907 n. Chr.) nur durch
ein paar Kopieen vertreten; die klassische Zeit der Sung-
Periode (sogen, nördliche 960—1127, südliche 1127 —
1278) und der (mongolischen) Yüan-Periode wenigstens
durch ein Original (Nr. 11) und ein paar gute, alte
Kopieen. Aus der in Europa hochgeschätzten, in der
östlichen Welt jedoch bereits als Verfallzeit empfundenen,
weil verweichlichten Ming-Periode (1368—1644) sind
einige Originale, namentlich der von 1508 datirte Karpfen
(Nr. 22), vorhanden; die Tsing-Periode (1644 bis zur
Gegenwart) hat überhaupt keine große, keine selbständige
Kunst mehr aufzuweisen. Im Ganzen wiegen in der
Sammlung die dekorativen Tier- undPflanzendarstellungen,
sei es in dem strengen Stil der älteren, sei es in der
flüchtigen Pinselbehandlung der späteren Zeit, vor. Neben
einigen guten Darstellungen einzelner Figuren (wie
Nr. 25, 45, 70) verschwinden die größeren Scenen, unter
denen namentlich der Makimono mit der Geisterver-
sammlung (Nr. 30) hervorgehoben zu werden verdient,
fast ganz. Die Landschaften sind bis auf wenige Num-
mern (16, 31, 50,88) schlecht vertreten, weil die Kopieen
zu neu und zu sorglos sind. Immer wird man gut thun,
bei der Betrachtung dieser Sammlung sich zu vergegen-

1) Sonderausteilung im Kgl. Zoolog, und Anthrop.-
Kthnogr. Museum zu Dresden. Chinesische Malereien auf
Papier und Seide aus der Sammlung des Herrn Professor
F. Sirllb Dresden, Februar 1897. 20 S. 8". Treis 20 Pf.

wärtigen, dass zwischen der jetzigen chinesischen Kunst
und derjenigen der klassischen Anfangszeiten ein Unter-
schied besteht wie zwischen einem russischen Heiligen-
bilde und einem Gemälde des Polygnot; dass diedazwischen
liegende, weit zurückreichende Blütezeit etwa mit der
Wirksamkeit eines Zeuxis und Apelles in Vergleich
gebracht werden kann; dass das Ideal, dem die großen
chinesischen Künstler nachstreben, und das noch, wenn
auch nur undeutlich, durch die Werke ihrer Nachfolger
durchschimmert, uns in noch stärkerem Maße fremd an-
muten muss, als etwa der Anblick eines Gemäldes des
Polygnot es thun würde oder eines Freskos von Giotto
es wirklich thut; und endlich, dass diese ganze Kunst uns
hier, bis auf wenige Ausnahmen, nur in Kopieen ent-
gegentritt, die naturgemäß um so weniger von dem Geist
und Duft der Originale wiederzugeben vermögen, je weiter
sie zeitlich von jenen entfernt sind.

In der Ecke links vom Haupteingang in den Ober-
lichtsaal sind die mit der ersten Blütezeit in Zusammen-
hang stellenden Malereien untergebracht. Schrank 364:
Nr. 1 die breit behandelte Tuschmalerei einer Banane
unter Schnee, nach Wang Wei" (699—759 n. Chr.), ist
ein gemalter Witz, der Tropen- und Hochland mit-
einander in Beziehung setzt, dessen künstlerische Seite
aber in der mangelhaften Kopie nicht hervortritt; Nr. 2
der Goldfasan unter Magnolien und Päonien giebt
in seiner strengen Stilisirung, scharfen Zeichnung und
monumentalen Färbung einen guten Begriff von der Kunst
des ersten Jahrhunderts. — Die Sung-Periode ist durch
Nr. 4 den weißen Falken nach dem Kaiser Hui-tsung
(reg. 1101—1126) gut vertreten; ferner durch Nr. 5
12 kleinere Darstellungen von Blumengefäßen, die nur
etwas bunt und hart geraten sind; nicht übel endlich
ist im Schrank 365 Nr. 10 der Hahn mit Bambus und
Blumen, eine Kopie des 15. Jahrhunderts.

In der nächsten Ecke ist die mongolische (Yüan-)
Periode (1260—1368) untergebracht. Schrank 366:
Nr. 11 der weiße Hase mit Libellen und Blumen auf
Felsen, von Tsien Schun-kü, datirt von 1264, ist Original
und wenn auch stark von der Zeit mitgenommen, so doch
das Hauptblatt der Sammlung; hier kann man sehen,
welche gleichmäßige Bestimmtheit der Zeichnung und
feine Zusammenstimmung des Kolorits von jener Zeit
angestrebt wurde. Nr. 15 der Phönix, eine aus dem
17. Jahrhundert stammende Kopie, erscheint dem gegen-
über in der Zeichnung starr und in der Färbung unrein.
— Schrank 367: Nr. 17 die mythologische Figur eines
Mannes, der einer Kröte auf den Kopf tritt, in breiter
Tuschmanier behandelt, ist nicht übel; noch besser Nr. 18
die Enten unter Blumen.

Die dritte Ecke ist der Ming-Periode (1368—1644)
gewidmet wie der übrige Raum des Saales. Schrank 368:
Nr. 19 verschiedene Vögel, zum Teil auf einem Baum-
ast, Makimono vonPien King-tschau (Anfang des 15. Jahr-
hunderts), mag Original sein; ebenso Nr. 21 Goldfasane
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