Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Das Nationaldenkmal für Kaiser Wilhelm T. in Berlin.

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auf den ersten Blick sieht, ist natürlich den künstlerisch ge-
bildeten Beratern des Kaisers und zuerst dem Kaiser selbst
viel früher klar geworden. Nachdem er einmal den Platz
auf der früheren Schlossfreiheit gewählt, hatte er auch
an den Hintergrund für das Denkmal gedacht. Ein idea-
ler Hintergrund konnte nur mit Mitteln geschaffen
werden, die Deutschland und Preußen, bei vernünftiger
Abwägung zwischen dringender Notwendigkeit und phanta-
sievollen Plänen, nicht opfern durften. So musste also
auf die Anlage eines Forums hinter der Halle, die das
ganze Denkmal rückwärts isolirt und zu noch engerem
Zusammenhang mit dem Schlosse gedrängt hätte, ver-
zichtet und wenigstens etwas Fühlung mit der rück-
wärts vorhandenen Häuserreihe gewonnen werden. Ein An-
fang ist auch gemacht worden. Wenn man rechts durch
die Säulen der Halle blickt, hat man einen sehr wirk-
samen Hintergrund in der stattlichen Front der Bank
für Industrie und Handel, die ganz in rotem Taunus-
sandstein ausgeführt ist. Der von Ende und Boeckmann
geschaffene Bau scheint bereits das erste Glied in der
Kette der Hintergrundsdekoration zu sein. Denn der
Entwurf der Fassade ist, wie zuverlässig verlautet, zwei-
mal dem Kaiser vorgelegt worden, ehe er ausgeführt
wurde.

Wenn man durch die Halle nach links sieht, wird da-
gegen der Ausblick durch die Bauakademie empfindlich be-
einträchtigt. Wie vor 26 Jahren in Berlin eine allgemeine
Hetze gegen den ehrwürdigen Backsteinbau der „Gerichts-
laube" vor dem neuen Bathause losbrach und dieses Bau-
werk — gegen den Willen des Kaisers Wilhelm I. —
verschwinden musste, so erhebt sich jetzt eine starke
Stimmung für den Abbruch des alten „Baukastens", wie
das klassische Werk Schinkel's jetzt genannt wird, der
mit dieser Großthat eine alte einheimische Kunst wieder
belebte und vielen Tausenden von Menschen neue Erwerbs-
quellen geschaffen hat. Dass gleichwohl die Bauakademie
nach dieser gründlichen Umgestaltung ihrer Umgebung nicht
mehr bleiben kann, müssen selbst die eifrigsten Verehrer
Schinkel's bekennen, mit tiefem Ingrimm vielleicht. Aber
die Kunstgeschichte lehrt uns, dass der Enkel immer auf
den Buinen des Großvaters baut, und wenn man noch dazu
Philosoph ist, glaubt man auch an die Ewigkeit klassischer
Baudenkmäler nicht mehr. Kaiser Wilhelm I. hat trotzdem
die Gerichtslaube, eines der wenigen gotischen Baudenk-
mäler von Alt-Berlin, pietätvollen Sinnes erhalten, in-
dem er sie in eine andere, landschaftlich ungleich reiz-
vollere Umgebung versetzte, und die Weisheit und That-
kraft seines Enkels wird, so hoffen wir, auch einen Aus-
weg finden, um der Beseitigung der Bauakademie den
Schein einer Versündigung gegen die Manen Schinkel's
zu nehmen. Noch weniger als die Gerichtslaube ist die
Bauakademie mit ihrer Umgebung verwachsen. Mit den
reichen Mitteln unserer hochentwickelten Technik kann
sie an einer andern Stelle wieder aufgerichtet werden,
wo sie keinen so grellen Missklang in ihre Umgebung

hineinbringt wie jetzt. Denn bei aller Achtung vor
Schinkel muss betont werden, dass es ein schwerer Miss-
griff war, die Bauakademie gerade an dieser Stelle zu
errichten. Es erklärt sich freilich zum Teil daraus, dass
damals niemand an die Möglichkeit einer Beseitigung der
Häuserreihe an der Schlossfreiheit dachte, zum größeren
Teil aber aus der Anschauung jener Zeit, die in dem
Griechentum Schinkel's das absolut Höchste einer künstle-
rischen Entwicklung sah, neben der der Barockstil Schlüters
und seines Nachfolgers schlechterdings nicht in Betracht
kommen konnte.

So zieht bei dieser Denkmalsgründung das eine
immer das andere nach sich, und es scheint, dass das
Kaiser Wilhelm-Denkmal das Anfangsglied einer baulichen
Umgestaltung des Herzens von Alt-Berlin bilden wird.
Gegenüber dem schönen Sandstein der neuen Halle machen
die schmutzigen, häufiger Erneuerung bedürftigen Putz-
flächen der Schlossfassade einen kläglichen Eindruck. Man
hat auch wohl schon erwogen, ob es nicht geboten wäre,
den Bau Schlüters durch Bekleidung der Fassaden mit
Sandstein erst eigentlich zu „monumentalisiren". Sollte
das, was beim Schauspielhause Scliinkel's möglich ge-
wesen ist, nicht auch für das alte Königsschloss an der
Spree erreichbar sein?

Eröffnen uns diese Betrachtungen einen weiten Aus-
blick in die Zukunft, so sieht man, dass in anderer Be-
ziehung bereits der Zukunft vorgegriffen worden ist. Die
schlechten Erfahrungen, die man mit öffentlichen Bronze-
denkmälern in unserem Klima gemacht hat, haben vor einigen
Jahren Versuche gezeitigt, die darauf abzielten, durch eine
künstliche Patinirung den unberechenbaren Zufälligkeiten
der natürlichen Patinabildung zu begegnen. Obwohl aber
die bisherigen Ergebnisse dieser künstlichen Patinirung,
d. h. das Bestreichen der Bronzegüsse mit einer grünen
Tünche, deren Bestandteile von ihren Erfindern geheim ge-
I halten werden, noch keineswegs völlig befriedigend sind,
auch durchaus noch keine Sicherheit für die Zukunft ge-
währen, sind alle metallischen Teile der Denkmalsanlage
sofort nach ihrer Aufstellung künstlich patinirt worden.
Es wäre also eine starke poetische Hyperbel, wenn man
nach der Enthüllung hätte schreiben wollen, dass das Denk-
mal in leuchtendem Glänze strahlt. Da für die zum Guss
verwendete Bronze eine andere Legirung als die bisher
übliche gewählt worden ist, hätte man vielleicht besser
gethan, wenigstens die Ansätze einer natürlichen Pati-
nabildung abzuwarten, um sich erst dann ein Urteil über
die Notwendigkeit einer Nachhilfe zu bilden. So schien
mir z. B. das Relief des Friedens, das ich noch in seiner
natürlichen Bronzefarbe gesehen habe, eine feinere, seiner
zarten Detailbehandlung günstigere Wirkung zu üben, als
jetzt nach seinem Anstrich. Auf der anderen Seite muss
aber bekannt werden, dass die dunkelgrüne Farbe der
Bronzeteile mit dem dunkelroten Granit des Unterbau's
glücklich harmonirt. Die eine Farbe steigert immer die
andere in ihrer Wirkung.
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