Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Das Nationaldenkmal für Kaiser Wilhelm I. in Berlin.

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Dass das Eeiterbild sich gegenüber der Fassade
behauptet, ist ebensowohl durch seine ungewöhnlichen
Größenverhältnisse — es ist das größte aller bisher ge-
schaffenen Eeiterdenkmäler — wie durch die gewaltige
Wucht der Formensprache des Künstlers erreicht worden.
Nur ein völlig gereifter Künstlergeist, nur eine absolut
sichere Beherrschung und Berechnung der perspektivischen
Wirkungen aus der Nähe und aus der Ferne konnten
mit diesen kolossalen Massen so operiren, dass eben-
sowohl das hohle, schwülstige Pathos, das vielen
Schöpfungen der Barockkunst eigen ist, wie störende
Roheiten und allzu dekorative Behandlung der Einzeln-
heiten glücklich vermieden worden sind. Diese weise
Mäßigung zeigt sich von ihrer günstigsten Seite in den zwei
Reliefs des Unterbaues, ganz besonders aber in den fünf
weiblichen Gestalten, denen die Steigerung ins Kolossale
sehr gefährlich werden konnte. Zieht man die Größen-
verhältnisse des Genius, der das Ross des Kaisers be-
gleitet — er ist 5,50 m hoch, — in Betracht (s. die
Abb.), so muss es dem Künstler als ein großes Ver-
dienst angerechnet werden, dass die echt weibliche An-
mut ohne den geringsten Anklang an die Thusneldenhaften
Mannweiber, zu denen sich die Germanien der modernen
Bildhauer ausgewachsen haben, zu ungeschmälertem Aus-
druck gekommen ist, und dass er damit gewissermaßen
ein ideales Gegengewicht gegen die historische Realität j
des Reiters geschaffen hat, dem aber bei ausreichender j
Porträtähnlichkeit ein Zug ins Große und Heroische
nicht abgeht. Wie Zumbusch bei seiner Statue des
Kaisers für das Denkmal an der Porta - Westfalika, ist
es auch Begas gelungen, die außerordentlichen Schwierig-
keiten, die sich bei einem so kolossalen Maßstabe der
Forderung nach Porträtähnlichkeit entgegenstellen, glück-
lich zu überwinden.

Was wir von dem Genius des Friedens gesagt
haben, gilt auch von den vier Siegesgöttinnen, welche
an den abgestumpften Ecken des Sockels auf Kugeln
schweben. Der im Märzheft der „Zeitschrift" auf S. 141
mitgeteilte Holzschnitt giebt ihre wirkliche Erscheinung
nur unvollkommen wieder. Bei dem Mangel an einer
Gesamtaufnahme, die erst jetzt gemacht werden kann,
mussten wir uns mit einer Photographie nach einem
Gipsmodell begnügen, das später vielfach verändert
worden ist. Aus der noch mehr statuarischen Ruhe, die
die Viktorien dieses Entwurfes zeigen, sind sie bei der
Ausführung zu lebhafter, durchaus individueller Be-
wegung getrieben worden. Sie sind nicht mehr dienende
Glieder der Architektur, sondern sie helfen den energischen
Rhythmus des Ganzen steigern, der unten schon mit den
die erbeuteten Trophäen, die Spolien und Trümmer der
Überwundenen bewachenden, teils in drohender Haltung
aufgerichteten, teils grimmig fauchenden Löwen anhebt und
sich dann in den mit „gelösten Gliedern" zu scheinbarer
Ruhe niedergelassenen Figuren des Krieges und des
Friedens, eines wehrhaften Mannes von Michelangeleskem

Gepräge, und eines Jünglings mit zarteren Gliedern,
verstärkt. Hier ist das antike Ideal der „Ruhe in der
Bewegung" gelöst. In den vier Viktorien wird aber ein
völlig entgegengesetzter Ton angeschlagen. Indem sie
Blumen und Kränze streuen, sich bald nach rechts, bald
nach links neigen, unterbrechen sie die Starrheit der
architektonischen Linien. In ihrer Gesamtheit bilden
sie eine Art von idyllischem Präludium zu dem Helden-
epos, das sich in der Gestalt über ihren Häuptern ab-
gespielt hat. Wie bei diesen Figuren ist auch in der
Ausführung des Ganzen von dem Gipsmodell stark ab-
gewichen worden. Die Gestalt des Krieges ist mit dem
zugehörigen Relief zur Linken des Reiters, die des
Friedens zu seiner Rechten angebracht worden. Auch
sind die Embleme an der Vorderseite des Unterbaues
verändert worden. An die Stelle der Wahlurne, des
Kreuzes und der Urkunde sind die Sinnbilder der
Herrscherwürde: Krone, Scepter und Königsmantel ge-
treten, und an der Rückseite sind die Symbole des
streitbaren Rittertums in einer Anhäufung von Rüstungen
und Waffen vereinigt worden.

Es lag in der Absicht des regierenden Kaisers,
dieses Denkmal seinem Großvater allein zu errichten,
und diese Absicht haben die ausführenden Künstler ver-
wirklicht. Darum auch die enge Beziehung zum alten
Königsschlosse, das das Wachstum der Hohenzollern
von Markgrafen zu Kaisern gesehen hat. Danach ist
der gewaltige architektonische und bildnerische Schmuck,
der sich um das Reiterbild des großen Kaisers gruppirt,
nur als dekoratives Beiwerk, als symbolische Erläuterung
zu betrachten, und es wäre ein Unrecht, wenn durch
realistische Zuthaten diese in sich durchaus geschlossene
Bilderreihe gestört werden würde. Man hat nämlich
davon gesprochen, dass zwischen den Säulenpaaren der
Halle noch die Statuen der Männer aufgestellt werden
sollen, die während der Regierung Kaiser Wilhelm's I.
eine bedeutsame Rolle gespielt und bei den großen Ent-
scheidungen mitgewirkt haben. Wenn dieser Plan zur
Ausführung gelangt, wäre die jetzt vorhandene Harmonie
zerrissen. Kaiser Wilhelm I. wird wohl in die An-
schauung kommender Geschlechter als idealer, sagen-
hafter Held hinübergehen können. Männer wie Bismarck
und Moltke, deren äußere Erscheinung zugleich der voll-
kommenste Ausdruck ihrer innersten Gedanken, einer
rücksichtslosen Staatskunst und einer schonungslosen
Kriegskunst zum Heile des Vaterlandes, war, werden
aber nicht mehr verstanden werden, wenn man sie ihrer
gewaltigen Persönlichkeit entkleidet und sie zu Trägern
von Allegorieen wie Staats Weisheit oder Strategie macht.

Dass Bismarck dem alten Kaiser am nächsten ge-
standen hat, ist uns durch die Veröffentlichung ihres
Briefwechsels in den jüngsten Tagen unzweifelhaft ge-
worden. Bismarck allein war die treibende Kraft. Das
hat niemand so gut gewusst und so dankbar anerkannt
wie Kaiser Wilhelm I. selbst. Man kann sich beide
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