Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Ausgrabungen und Funde. — Vermischtes.

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Illustration vergeben werden konnte. Wahrscheinlich hat
Dürer zuerst allein begonnen und die ersten 29 Bogen ge-
zeichnet, während die letzten, nur unvollständig erhaltenen
24 Bogen von seinem Bruder Hans illustrirt wurden, wie
man aus dem Abdruck eines H auf einem Blatte schließen
darf. Später kamen dann die mittleren Lagen auch an
andere Künstler zur Verteilung. So mögen die von Baidung
nur flüchtig und unvollständig illustrirten drei Lagen weiter
an Altdorfer, Cranach, Burgkmair und den mit M. A. be-
zeichneten Meister gekommen sein, eine Verteilung, für
die auch der von Herberger in Augsburg noch in den vierzi-
ger Jahren gesehene Zettel spricht, der beiläufig Dürer's
29 fertige „plat" erwähnt und darum schon kein an ihn
gerichteter Brief gewesen sein kann. — Als der Kaiser,
über den langsamen Fortgang der Arbeit ungeduldig, bei
seinem Augsburger Aufenthalt 1515 die Zeichnungen, soweit
sie fertig, einforderte, kam die ganze Ausführung ins Stocken.
8o mögen die Blätter des Buches noch in seiner Hand ver-
einigt gewesen sein. Wenigstens zeigt noch das Besanconer
Exemplar die Spuren eines alten Prachtbandes, und eine
Paginirung, die auf die Illustrationen Rücksicht nimmt,
wie sie sich übrigens auch im Münchener Exemplar in Ra-
suren nachweisen lässt. In beiden sind zudem die ursprüng-
lich besonders schön gedruckten Initialen in gleicher Weise
übermalt. Wenn es in dieser Gestalt noch in Karls V.
Besitz gewesen sein kann, so hat der Sammlereifer der
folgenden Zeit seine Trennung bewirkt. Kaiser Rudolf II.
in Prag und Herzog Maximilian in München suchten, frei-
lich nur der zweite mit Erfolg, als eifrige Dürerfreunde, in
den Besitz dieses Schatzes zu gelangen. Später ist es dann
noch der Familie Granvella in Besancon geglückt, einen
Teil davon zu erwerben. So erklärt sich die damals vorge-
nommene Hinzufügung der Künstlersignaturen. Nur in Burgk -
mair's und Baldung's Zeichnungen giebt es Originalmono-
gramme, die übrigen sind teils nur mit Bleistift vorgezeichnet,
teils mit einer klebrigen Tinte ausgezogen, so dass sich
häufig, z. B. bei H. D. und M. A., Abklatsche in D. H. und
A. M. ergeben haben. Hat dieses Hinzufügen der Mono-
gramme bei der Mehrzahl der Künstler das richtige ge-
troffen, so ist es bei den mit M. A. signirten Zeichnungen
völlig willkürlich. Aus dem Wunsche der Sammler, Werke
aller großen damals lebenden Meister zu besitzen, erklärt
es sich, dass der Zeichner auf den damals mehr berühmten
als gekannten Matthias Grunewald von Aschaffenburg ver-
fiel; nennt doch auch der Verfasser des gleichzeitigen Ainer-
bach'schen Inventars „Matthis Aschburg" als den Maler
eines Werkes von dem ihm unbekannten Hans Leu. — Der
Zeichner der mit M. A. signirten Blätter verwendet viele
antike und italienische Motive, die sich fast ausnahmslos,
wie der Hermes, Arion, Herkules, Simson und St. Michael,
auf Niellen zurückführen lassen, während sich in einer
seiner Landschaften Anklänge an Breidenbach's Ansicht von
Jerusalem finden. Neben dieser Entlehnung antiker Elemente
aus den Niellen weisen zwingende stilistische Gründe dar-
auf, diese Zeichnungen im Gebetbuch zu sicheren Werken
des Jörg Breu in Beziehung zu bringen. Vor allem
sein Gemälde „Simson mit den Philistern" in Basel, die
Illustrationen zu dem 1515 erschienenen Vartomanus und
der jüngst von Dornhöffer im Jahrbuch der kunsthistorischen
Sammlungen des a. h. Kaiserhauses publizirte Cyklus von
Federzeichnungen mit Darstellungen von Kriegen und
Jagden Maximilians I. bieten zahlreiche Berührungspunkte.
Auch lebte Jörg Breu, mit dem letztgenannten ca. 1515 ent-
standenen Werk für den Kaiser beschäftigt, in Augsburg,
konnte also von Peutinger leicht auch für Ausschmückung

des Gebetbuchs herangezogen werden. — Michelangelo's
Malereien in der Sixtinischen Kapelle gaben darauf Herrn
Dr. Goldschmidt Anlass zur Behandlung der psychologischen
Grundlagen für die Bewegungsmotive seiner Gestalten.
Schon während der Ausmalung der Decke entwickelt sich
ein immer stärkerer Kampf zwischen den Figuren und den
sie beschränkenden architektonischen Linien, ein Kampf,
der sich auch in Michelangelo's Skulpturen geltend macht,
bei denen oft die Dimensionen des Marmorblocks bis zur
äußersten Grenze der Möglichkeit ausgenutzt scheinen. Auf
diesem Verhältnis von Freiheit in der Bewegung und be-
engendem Zwange beruht gerade der Stimmungsinhalt seiner
Gestalten, und in demtrunkenenBacchus ist ein solcher Wider-
streit vielleicht zum ersten Mal verkörpert. Die Malerei
gestattet ihm dann, den menschlichen Körper in völliger
Freiheit von eigener Last und äußerem Druck, d. h. fliegend
darzustellen, und die Gestalt Gottvaters in der Belebung
Adams zeigt die völlige Lösung dieser Aufgabe. Im Jüng-
sten Gericht, in den Gruppen der Aufwärtsschwebenden und
Hinabgezogenen und Stürzenden, und in zahlreichen Ent-
würfen, wie zum Ganymed, Traum des Lebens, Phaeton,
Tityos u. a. m. findet er immer neue Variationen für dies
Motiv, dessen entgegengesetzte Pole auch in seinen Ge-
dichten immer wieder zur Bezeichung der Stimmung den
Ausdruck leihen müssen. Der Kontrast von freier Kraftent-
faltung und bannender Fessel oder lastendem Druck, der
den Hauptinhalt seiner poetischen Gleichnisse bildet, ist es
auch, der Gestalten wie die Tageszeiten auf den Medici-
Gräbem und den sterbenden Sklaven als Stimmungszeugen
des Künstlers erscheinen lässt.

— Berlin. In der Märzsitzung der Archäologischen Qe-
scllschaft verlas zunächst Herr Hilter von Gäriringen einen
Bericht des Herrn Dragendorf über dessen Ausgrabungen
in der Nekropole von Thera. Sodann sprach Herr H. Schöne
über den Hippodrom zu Olympia auf Grund einer bisher
nicht veröffentlichten Notiz in einem Manuskript des alten
Serails zu Konstantinopel, die zwar lückenhaft und verderbt
ist, sich aber durch überzeugende Kombinationen doch so
weit herstellen lässt, dass daraus wichtige Angaben über
die Abmessungen des olympischen Hippodroms, die bei
Pausanias fehlen, gewonnen werden können. Zum Schluss
gab Herr Dr. Noack aus Darmstadt einen Bericht über seine
im Sommer 1894 ausgeführte Aufnahme der Burg- und
Stadtanlagen im westlichen Mittelgriechenland, die durch
ihre überraschend große Anzahl und zum Teil treffliche Er-
haltung ganz neue Einblicke in die Typologie griechischer
Stadtanla.gen und die antike Befestigungskunst eröffnen.

AUSGRABUNGEN UND FUNDE.

*»* Eine lialblebensgrosse altgrieehische Bronxestatue ist
durch einen Fischer bei Hagios Basilios am korinthischen
Golf aus dem Meere gezogen worden. Wie die Zeitung „Asty"
meldet, ist der Kopf der Statue, die einen Poseidon darstellt,
gut erhalten und angeblich von vorzüglicher Ausführung. Die
Statue ist zuerst nach Theben geschafft und dann in das
Nationalmuseum zu Athen überführt worden. Leider ist der
Körper gänzlich zertrümmert, so dass eine Wiederherstellung
ausgeschlossen erscheint. Der Stil des Kopfes weist auf das
(3. Jahrhundert v. Chr.

VERMISCHTES.

V Der Maler William Pape in Berlin hat im Auftrage
Kaiser Wilhelms Tl. ein großes Gemälde geschaffen, das,
den Festakt bei der Jubelfeier zur Errichtung des deutschen
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