Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Die Jahresausstellungen der Düsseldorfer Künstlerschaft.

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darüber gewesen, was eigentlich unter Spitzbogen-Archi-
tektur verstanden werden sollte, und fehlt es bei ein-
heitlicher Durchbildung an rhythmischer Mannigfaltigkeit."
Die Kritik Leighton's über den Kolner Dom lautet im
Auszuge: „Dies Werk zeugt von einer unbezähmbaren
Willenskraft, überlegener Wissenschaft und stilistischer
Orthodoxie. Wir fühlen uns unter dem Druck eines ko-
lossalen Willens und eines Triumphes der Wissenschaft,
aber nicht in der zündenden Berührung des Genius. Die
Wiederholung ad inünitum von heinahe identischen
Formen, und besonders von einer fabelhaften Menge ver-
tikal aufsteigender Linien, ruft den Eindruck arithme-
tisch-prosaischer Dürre und Armut der Inspiration hervor.
Im übrigen ist der Bau, wenn auch nicht sklavisch, so
doch thatsächlich eine Nachahmung des Meisterwerkes
von Robert de Luzarche in Amiens.'1

Es würde zu weit führen, die Skulptur ähnlich zu
besprechen. Adam Kraft und Peter Vischer werden zwar
gelobt, jedoch mit soviel „Wenn" und „Aber", dass
man selbst an diesem Lobe keine rechte Freude empfindet.
Auf die Malerei übergehend verbreitet sich der Vor-
tragende eingehend darüber, dass der Wert der deutschen
Glasmalerei außerordentlich überschätzt würde. Selbst
die beiden größten Maler Deutschlands, Dürer und Holbein,
seien lange Zeit nicht in ihrem Vateiiande verstanden
worden. Holbein habe Augsburg und Basel ver-
lassen müssen, weil er dort seinen Lebensunterhalt nicht
habe finden können. Leighton sagt: „Dürer schrieb an
seinen Freund Pirkheimer aus Venedig: „Hier bin ich
ein Gentleman; zu Hause bin ich nur ein Vagabund."
Obgleich Dürer ein Riese genannt werden muss, so ist
er doch ein Theoretiker und Denker, und klebt seiner
wunderbar richtigen, minutiösen Zeichnung doch ein ge-
wisser kalligraphischer Zug an. Holbein ist der größte
und bedeutendste Maler, den Deutschland je hervorge-
bracht." Der deutschen Kleinkunst des Mittelalters lässt
Leighton volle Gerechtigkeit widerfahren und stellt sie
als die erste der Zeit dar. v. SCHLEINITZ.

DIE JAHRESAUSSTELLUNGEN
DER DÜSSELDORFER KÜNSTLERSCHAFT.

Die Düsseldorfer Künstlerschaft, nach wie vor in
zwei Parteien getrennt, hat ihre Ausstellungen eröffnet;
die „Genossenschaft" in den Eäumen der Kunsthalle,
die „Freie Vereinigung" im Schulte'schen Kunstsalon.
Während in München die Secession, die zwar in ideeller,
nicht aber finanzieller Hinsicht auf ihre Kosten gekommen,
nun wieder mit der Genossenschaft friedlich Arm in
Arm zu gehen endgültig beschlossen hat, ist ein solcher
Antrag auch unter den Mitgliedern der Düsseldorfer
„Freien Vereinigung" laut geworden, ohne jedoch un-
geteilten Beifall zu finden. Die Mitglieder der „Freien
Vereinigung" hatten recht, wenn sie vorbrachten: wir
haben durch unsere Separat-Ausstellungen soviel ge-

wonnen, das soll nun wieder zu nichte werden! Der
Einwand ließe sich liören, denn während die Münchener
„Genossenschaft" eine stattliche Anzahl Künstler ersten
Ranges aufzuweisen hat, mit denen sich ein Secessionist
schon vertragen kann, ist dies in Düsseldorf in weit
geringerem Maße der Fall. Aber gerade darum fragt
man sich; wie konnte überhaupt das Bedürfnis zu einer
Wiedervereinigung rege werden, und es muss doch ein
Grund hierfür vorhanden gewesen sein. Der Grund mag
nun einmal darin bestanden haben, dass einige'erkannt
haben mögen, inwieweit die „Freie Vereinigung" vor ihrem
Bankerott steht. Denn dies thut sie infolge der mangel-
haften Beteiligung der besten Elemente, die ihr aus der
Existenz der Konkurrenzvereinigung „St. Lukas" not-
wendig entstehen inusste und entstanden ist, indem sie
im vergangenen Jahre schon z. B. kein einziges sen-
sationelles Bild aufzuweisen gehabt hätte, wären nicht
drei neue Namen aufgetaucht, die Beckerath, Bönninger,
Ungewitter. In diesem Jahre nun ist ihr Zustand ein
noch schwächlicherer, da die Zahl derer, die ihr im ver-
gangenen Jahr ein einigermaßen blühendes Aussehen
verliehen, sich quantitativ wie qualitativ stark reduzirt
hat. Es wäre daher wohl am Platze, wenn an maß-
gebender Stelle ernstlich in Erwägung gezogen würde, ob
nicht im nächsten Jahre eine Gesamtausstellung zu veran-
stalten sei, — nachdem vielleicht der „St. Lukasklub" noch
einige in sich aufgenommen, was ihm nur zum Vorteil
gereichen könnte. — Was die einzelnen Leistungen an-
betrifft, so lässt sich kaum etwas Neues sagen. Die
Kritik kann sich unmöglich in steten Wiederholungen
ergehen, ohne darunter als solche zu leiden, denn sie
ist nicht mehr wie früher zur Belehrung der Künstler
da (das sei den Professoren überlassen), sie ist sich
Selbstzweck geworden. Aber sie ist ein Organismus,
der von der zu besprechenden Kunst abhängt, sich ge-
radezu von ihr nährt. Sie ist eine Wiederverkörperung
des vom Künstler Gewollten und somit dem Kenner ein
neuer ästhetischer Genuss. Aber sie kann nur da et-
was schaffen, wo vorher vom Künstler etwas Individu-
elles geschaffen worden ist, denn nur solches vermag den
sensitiven Kritiker in die nötige Seelenerregung zu ver-
setzen. Was aber ein empfindsamer Beobachter hier ver-
misst, das ist der Mangel jenes subjektiven Naturem-
pfindens, wie es nach Überwindung des Naturalismus
mehr und mehr um sich gegriffen hat. Wir ziehen heute
der objektiven Naturschilderung die sublimen Kämpfe
eines Carricre vor, in denen die Seele in wesenlosem
Scheine zuckt und die mystischen Farbenorgien der
Aman-Jean und Whistler, die das Blut erhitzen, als habe
man aus Circe's Becher getrunken. Ihre Werke sind ge-
adelt durch den Hauch subjektiven Empfindens, das die
Dinge der Äußerlichkeiten entkleidet und die Seele ihres
Wesens in eigene Schleier hüllt. Von ihm aber merkt
man hier noch sozusagen nichts, denn die selbstschöpfe-
rischen Persönlichkeiten fehlen. Leistungen, die etwas
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