Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.
Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Kunstgewerbevereine,

HERAUSGEBER:

CARL VON LÜTZOW und Dr. A. ROSENBERG

WIEN BERLIN SW.

Hengasse 58. Yorkstraße 20.

Verlag von SEEMANN & Co. in LEIPZIG, Gartenstr. 17. Berlin: W. H. KÜHL, Jägerstr. 73.

Neue Folge. VIII. Jahrgang. 1896/97. Nr. 22. 22. April.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den
Sommermonaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeit-
schrift für bildende Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. — Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden,
leisten Redaktion und Verlagshandlung keine Gewähr. Inserate, a 30 Pf- für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung
die Annoncenexpeditionen von Haasenstein & Vogler, Rud. Mosse u. b.w. an.

Da ich während der Osterferien eine Studienreise antrete, bitte ieh die Herren Korrespon-
denten, ihre Einsendungen vom L April bis 8. Mai sämtlich direkt an die Verlagshandlung nach
Leipzig zu adressiren. C. v. LÜTZOW.

zur vorgeschichte des ulmer
münsterbaues.

Die Frage nach der ursprünglichen Bauanlage des
Ulmer Münsters ist wiederholt schon Gegenstand von
Erörterungen gewesen, die bis jetzt aber zu keinem end-
gültigen Resultate geführt haben. Nenestens wurde nun
auch von kompetenter Seite die Ansicht aufgestellt, das
Münster müsse an der Stelle eines älteren Baues er-
richtet worden sein, der teilweise stehen blieb und des-
halb hemmend auf die einheitliche Anlage des Neubaues
eingewirkt habe.

Ganz richtig ist, dass am Münster und besonders
an seinen östlichen Teilen Spuren eines älteren Baues
zu finden sind. Ulmer Forscher haben sich schon viel-
fach damit beschäftigt; erwähnt sei nur ein Artikel
von Klemm in den Württemb. Vierteljahresheften v. J.
1883, S. 132, und neuerdings Carstanjen, der in seinem
schönen Buche über Ulrich von Ensingen (München
1893) sagt: „nun wie auch der Entwurf der ersten
Baumeister gewesen sein mag, jedenfalls war er nicht
so, wie er sich später unter Ulrich von Ensingen ge-
staltete. Die Kirche war ursprünglich ganz anders ge-
dacht, nicht als Münster, sondern als Pfarrkirche; ihr
Grundriss vom jetzigen verschieden, ihre Verhältnisse
kleiner, das Langhaus von geringerer Tiefe, die Seiten-
schiffe, je eins zu beiden Seiten, wahrscheinlich von der
Breite der beiden Chortürme." Demnach kann es keinem
Zweifel mehr unterliegen, dass die Anlage des Chors
mit den beiden Seitentürmen und vielleicht auch die
Disposition der Mittelschiffpfeiler einem älteren Plan an-

gehört, welcher eine kleinere Kirche im Auge hatte und
wahrscheinlich von dem 1387 genannten Meister Hein-
rich, welcher in der Prager Schule gelernt haben mag,
entworfen wurde.

Eine andere Frage ist: haben wir uns an der Stelle
des Münsters eine ältere Kirche zu denken, und wie ver-
hält es sich mit der alten Pfarrkirche außerhalb der Stadt,
die, wie die Chronisten melden, 1377 abgebrochen und deren
Baumaterial nebst ihrem herrlichen Skulpturenschmuck
..schier mehr auf den Achseln hereingetragen, dann ge-
fieret" ward, um für die neue Kirche verwendet zu werden.

Wir haben die Urkunden und Chroniken darüber
ausgeforscht und wollen nachstehend die gewonnenen
Resultate zusammenstellen. Felix Fabri, der gelehrte
Ulmer Dominikanermönch, hat in seinem Tractatus de
Oivitate Ulmensi (1484 — 88) eine ganze Reihe wertvoller
Nachrichten über Ulm und seine Geschichte, seine Kirchen
und Klöster, seine Bewohner, seine landschaftliche Um-
gebung u. s. w. uns hinterlassen. Nach ihm wurde die
Kirche zu Ulm vor der Stadt schon vor 600 n. Chr. gegrün-
det, was freilich nicht urkundlich nachweisbar ist, aber
doch für das Jahr 1092 feststeht, aus dem ein Priester
der Kirche genannt ist. Bestimmter als Pfarrkirche tritt
dieselbe erst um die Mitte des 13. Jahrhunderts auf
1323 wird sie „die Pfarre unser frowen über velt" ge-
nannt, welche Bezeichnung sie noch bis ins 15. Jahr-
hundert hinein beibehielt.

Die Kirche wird von Fabri und allen späteren
Chronisten als groß und überaus prächtig geschildert.
Sie war „von Quadern und gehauenen Steinen so kost-
bar gebaut, dass alle, die sie sahen, staunten und die
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