Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Nekrologe. — Personalnachrichten. — Wettbewerbung. — Sammlungen und Ausstellungen.

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durch Fledermausflügel, Geierkrallen und kleine Ziegen-
hörner ihre Herkunft aus der Hölle verratend, hinter
dem ahnungslosen Antonius ihre Anschläge rüsten.

Die Heimsuchung Marias war, wie oben bemerkt,
ursprünglich für das vorige Zimmer bestimmt und wurde
wohl nur hier untergebracht, weil Karton und Zeich-
nung einmal fertig waren. Wer Pinturicchio's Fresken
in Spello kennt, findet hier alte Bekannte wieder; nicht
nur Maria und Joseph sind dort dieselben geblieben,
auch in der ruhigen, leidenschaftslosen Schilderung, der
heiteren Stimmung und der Freude an der Schilderung
stillen Erdenglückes bleibt sich der Meister immer gleich.
Welch unbeschreibliche Anmut spricht aus der Gruppe
rechts, wo die Frauen nähend und spinnend beiein-
ander sitzen, ein Alter ihnen vorzulesen sich bemüht
und ein Knabe an kindlichem Spiel mit seinem Händ-
lern sich ergötzt!

Der rein umbrische Stilcharakter wird im Martyrium
des h. Sebastian, welches die Fensterwand ziert, durch
ein fremdes Element getrübt. Der Heilige selbst, im
Ausdruck so tief beseelt wie Sodoma's herrliches Bild
in den Uffizien, mag noch am ersten aus Pinturicchio's
Pinsel hervorgegangen sein, aber die Bogenschützen,
welche ein mit gekreuzten Beinen am Boden sitzender
türkischer Hauptmann kommandirt, und die ihre Pfeile
so unbarmherzig auf den Heiligen richten, tragen ganz
deutlich Signorelli's Gepräge. Auch die Landschaft in
diesem besonders interessanten Fresko trägt durch die
Anbringung römischer Ruinen einen sehr individuellen
Charakter; wer mag sie gemalt haben? Nur der glück-
liche Fund eines Dokumentes kann all die Eätselfragen
lösen, welche sich an Pinturicchio's zahlreiche Gehülfen
knüpfen, die wie der Meister dieser Marterscene be-
rechtigte Ansprüche haben auf ein persönliches Fortleben
in der Kunstgeschichte.

Die h. Susanna wird doch wohl im nächsten Bilde
dargestellt worden sein und nicht Santa Giuliana, ob-
wohl uns heute gerade dieser Gegenstand in den Ge-
mächern des Borgia-Papstes wie eine bittere Ironie
erscheint. Allerdings muss zugegeben werden, dass nie-
mals wieder eines Künstlers Phantasie diese Scene so
keusch und anmutig zu gestalten wusste. Der lustige
Garten, in dem zahllose Blumen sprießen, in dem Hirsch
und Eeh, Hase und Kaninchen es sich wohl sein lassen,
ist der Schauplatz für das Attentat der beiden Alten
auf die Jungfrau, welche, in ein langes faltenreiches
Kleid gehüllt, der stürmischen Gewalt die reine unent-
weihte Würde einer fast kindlichen Einfalt als einzige
erfolgreiche Waffe entgegensetzt.

Pinturicchio, dessen Hand man wenigstens in den
beiden Greisen aufs deutlichste erkennt, muss auch die
Flucht der h. Barbara an derselben Wand in den Haupt-
sachen selbst gemalt haben. Der mächtige Turm in
der Mitte, durch dessen Mauerspalte die Heilige eben
entronnen ist, ist ebenso mit goldenem Stuckwerk über-

laden wie der Springbrunnen im Garten der h. Susanna
und das auf glänzend verzierten Pfeilern ruhende Haus
in der Heimsuchung Marias. Vasari hat dem Maler
Pinturicchio die Anwendung des täuschenden Stucco in
seinen Gemälden zum herben Vorwurf gemacht, dem
Dekorateur aber, und als solchen hat man den Künstler
vor allem im Appartamento Borgia aufzufassen, darf
man solche Mittel, in den lichtarmen Bäumen die plasti-
sche Wirkung der Ornamente zu erhöhen, ohne weiteres
zugestehen. (Schluss folgt.)

NEKROLOGE.

V Geh. Regierungsrat Prof. Hermann Weiß, der be-
kannte Verfasser der „Kostümkunde", ist am 21. April im
Alter von 75 Jahren gestorben. Bis zu seiner vor einigen
Jahren erfolgten Pensionivung war er etwa 15 Jahre lang
Direktor der Sammlungen des Berliner Zeughauses gewesen.
Bis 1878 hatte er die Stelle eines Direktorialassistenten am
kgl. Kupferstichkabinett bekleidet, und von 1854—1884 war
er Lehrer der Kostümkunde an der Berliner Kunstakademie.

PERSONALNACHRICHTEN.

*** Professor Harmann Wislicenus, der Schöpfer der
Wandgemälde im Kaiserhause zu Goslar, hat den roten Adler-
orden dritter Klasse mit der Schleife erhalten.

*** Dr. von Trenkwald, Kustos am Kaiser Franz Josef-
Museum in Troppau, ist als Direktor des Kunstgewerbemuseums
nach Frankfurt a. M. berufen worden.

*,* Zu Mitgliedern der Akademie der bildenden Künste
in Dresden sind ernannt worden die Bildhauer van der
Stappen und Meimier in Brüssel, die Maler Professor Lem-
bach in München und Dagnan-Bouveret in Paris.

*** Dr. Gustav Wustmann, unser langjähriger Mitarbeiter,
Direktor der Stadtbibliothek in Leipzig, ist zum Professor
ernannt worden.

WETTBEWERBE.

*»* In einem Wettbetcerb um ein Reiterdenkmal des
Herzogs Ernst IL von Sachsen-Coburg-Gotha ist der erste
Preis dem Prof. Eberlein in Berlin, der zweite dem Prof.
Donndorf in Stuttgart, der dritte dem Prof. Sommer in
Rom, und dem Bildhauer Lepke in Coburg eine lobende
Anerkennung zuerkannt worden. Die Ausführung wurde
Prof. Eberlein übertragen.

SAMMLUNGEN UND AUSSTELLUNGEN.

London. Sammlung Wallace. Die berühmteste Privatsamm-
lung Englands, vielleicht der ganzen Welt, ist, wie schon gemel-
det worden, durch Vermächtnis an die englische Nation über-
gegangen. Lady Wallace hat durch ihr Testament sämtliche
Kunstschätze in Hertford-House, deren Wert nach dem Durch-
schnittsmarktwert auf'40 Millionen Mark abgesehätzt ist, in groß-
mütigster Weise dem englischen Volk hinterlassen. Dies ist
somit wohl die generöseste Schenkung neuerer Zeit, und sprechen
denn auch diesmal die Engländer über die gedachte Muni-
ficenz in Superlativen, die sie bekanntlich sonst nicht leicht
anwenden. Durch die summarische Aufzählung der Kunst-
objekte wird es sofort klar werden, dass die obige Schätzung
der Sachverständigen durchaus keine übertriebene ist, denn
sogenannter „Kram" befindet sich absolut nicht in dem
Hause. Der betreffende Wert wird von anderen Kennern
gleichfalls auf mindestens 40 Millionen, und im günstigen
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