Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

Page: 387
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Das Appartamento Borgia im Vatikan.

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goldener Ehrenkette um den Hals giebt sich durch das
Winkelmaß in der erhobenen Linken als Hofarchitekt
Alexanders VI. zu erkennen, ganz ebenso wie in der
Schlüsselübergabe Perugino's die beiden Baumeister der
Kapelle Sixtus IV. charakterisirt sind. Der Jüngere,
welcher bescheiden im Hintergrunde sichtbar wird und
dem Beschauer gerade ins Auge schaut, ist niemand
anders als Pinturicchio selbst, von welchem bis dahin
als einziges authentisches Bildnis nur das Selbstporträt
in Spello bekannt war, das, etwa 8 Jahre später gemalt,
den Altersunterschied aufs deutlichste erkennen lässt,
sonst aber dem jüngeren Selbstbildnis überraschend ähn-
lich ist. Es giebt zu denken, dass der unbekannte
Architekt so selbstbewusst und stattlich im Vordergründe
erscheint, während Pinturicchio, dessen Name heute das
ganze Appartamento Borgia erfüllt, so auffallend zurück-
tritt. Aber den Anteil beider Männer abzugrenzen, zu
denen sich noch ein dritter gleichfalls unbekannter
Porträtkopf gesellt, dürfte schwer gelingen; gelänge es
nur wenigstens, den Namen des Baumeisters festzustellen,
der ja nicht nur den älteren Palast erneuerte, sondern
ihm vor allem durch den Anbau der Torre Borgia den
festungsartigen Charakter gab.

Nicht die Teilnahme am Schicksal der h. Caterina,
welcher eigentlich nur der schöne Märchenkönig einige
Aufmerksamkeit schenkt, auch nicht der Reiz einer großen
festgeschlossenen Komposition hält uns so lange vor
diesem Bilde fest. Ist doch die ganze Mitte vor dem
stierbekrönten Abbild des Konstantinbogens fast leer
geblieben, sucht man doch vergebens nach einem inneren
Zusammenhang der ganzen rechten Seite des Bildes mit
dem Vorgang links. Hier stehen einige Schriftgelehrte
in das Studium ihrer Bücher versenkt, hier erscheint
auf schneeweißem Ross von seinem Jagdgefolge umringt
ein vornehmer Herr in türkischem Kostüm mit spitzem
Bart und langgelocktem Haar. Wer könnte dies anders
sein als der Herzog von Gandia, Lukrezia's unglücklicher
Bruder, der die römische Rittertracht harmonisch mit
orientalischer Kleidung zu verbinden wusste und es
liebte, sich in solchem Aufzug in den Straßen Roms
zu zeigen?

Ein wundervoller Marmorfries, dessen Ornamente
sich aus den päpstlichen Insignien und den Wappen-
zeichen der Borgia zusammensetzen, schneidet die Lünetten
unter den Gewölbegurten ab. Auch der Meister dieser
prächtigen Skulpturen ist bis heute unbekannt geblieben,
und doch hat das römische Quattrocento kaum bessere
Leistungen aufzuweisen. Man betrachte nur die zahl-
losen Stiere, die in langer Reihe sich rings am Friese
tummeln, wie sie bald übermütig mit lustigen Putten
ihr Wesen treiben, durstig aus mächtigen Wasserbassins
einen erfrischenden Trunk thun, neugierig allerhand un-
bekanntes Gerät beschnuppern und demütig die breiten
Nacken vor den Bildnissen des Papstes und seiner
Würdenträger neigen, welche in zierlichen Medaillons

hier und dort aus dem Stein herausgehauen sind. Einst
hingen köstliche Teppiche von diesem Friese herab, unter
denen noch die Wände mit großem Granatblumenmuster
auf rotem und violettem Grunde verziert waren, das heute
wiederhergestellt ist.

Endlich läuft die „Spalliera" Sixtus IV. rings an
den Wänden entlang, jene mit prächtig eingelegter Arbeit
verzierten Bänke, welche einst unten im Erdgeschoss in
der Bibliothek der Bequemlichkeit der Gelehrten dienten,
von Sixtus V. in die neue Bibliothek übertragen wurden
und nun endlich wieder in den alten Palast zurück-
versetzt sind, dem schönsten der Gemächer Alexanders VI.
ein wohnlicheres Ansehen zu verleihen. Hier erfasst
uns in der That der Zauber der umbrischen Kunstweise
mächtiger wie selbst im Gambio zu Perugia, wir würdigen
die erfolgreiche Anstrengung des Künstlers, seinen Ge-
mälden mehr als einen bloß dekorativen Wert zu ver-
leihen, und wir können das Auge nicht losreißen von
dem kleinen Juwel der Kunst Pinturicchio's, der reizenden
Madonna in dem Rundbilde, welches in goldenem Stucco-
rahmen über der Eingangsthür angebracht ist.

Aber als dekorative Gesamtleistung, wie sie selbst
in den Borgiagemächern nicht ihresgleichen wieder-
findet, als vollendeter Ausdruck eines Prinzipes, nach
welchem sich das Einzelne bedingungslos der Wirkung
des Ganzen unterordnet, als Farbensymphonie, in der
uns jeder Ton erfreut, ist der Saal der sieben freien
Künste überhaupt nicht zu übertreffen.

Schon in der Beschränkung der figürlichen Dar-
stellungen an der Decke verrät sich ein geläuterter
Formensinn. Das Zwillingsgewölbe,, durch einen breiten
Gurt geteilt, dessen übermalte und erneuerte Gerechtig-
keitsallegorieen für die ursprüngliche Bestimmung des
Raumes nicht unwichtige Anhaltspunkte geben, ist rechts
und links ganz gleich gegliedert und nach derselben
Vorlage ausgemalt. Das flammenumkränzte Borgia-
Wappen schwebt in einem Achteck in der Mitte der
flachen Wölbung auf tiefblauem Grunde, die Felder sind
durch breite Fruchtkränze abgeteilt, und all die zarten
Gold Ornamente leuchten wie flimmernde Sterne von
wolkenlosem Himmel herab. Dieser Himmel — so
pflegten in der That die Florentiner das Gewölbe über-
haupt zu bezeichnen — breitet sich nach allen vier
Dimensionen über eine lachende Landschaft aus, in
welcher jede in einer Lünette für sich die sieben freien
Künste auf mächtigen Marmorsitzen thronen.

Ihre Darstellung durfte ja in einem Bilderkreis
nicht fehlen, welcher die ganze geistliche und weltliche
Bildung der Zeit verherrlichen sollte. Hatten doch
auch Botticelli und Melozzo da Forli in Florenz und
Urbino dies uralte Thema behandelt, das uns vielleicht
in der spanischen Kapelle von S. Maria Novella zum
ersten Mal in der Malerei begegnet und von Raffael in
der Schule von Athen den letzten verklärten Ausdruck
empfing. Auch Pentoricchio, wie er sich selbst in einer
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