Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Büch erschau.

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andere Gebiete mit virtuoser Technik. Ihm noch überlegen
ist der große Zeichner Pinwell, von dem das erste Blatt eine
bekannte Soene aus Goldsmith's Lustspiel „She Stoops to
Conquer" in Photogravüre wiedergiebt, ein Verfahren, das
in diesem Kompendium einige Male angewendet werden
musstü, wenn eine andere Reproduktionsweiso nicht aus-
reichend erschien. Ein feiner Landschafter ist W. Small,
und T. Morton zeigt den grotesken englischen Humor in
den Kompositionen zu Gulliver's Reisen u a. Ich erwähne
absichtlich hier nicht nur die „ersten Namen", weil diese ja
ohnehin schon den Interessenten bekannt genug sind. In
diesem Sinne seien noch J. W. North (Wayside Poesies 1867),
Arthur Hughes, J. Ii. Glayton und Frederick Shields er-
wähnt, der letztere in einer so an unsern Sattler erinnernden,
phantastisch-realistischen Art, dass man ihn den „englischen
Sattler" nennen könnte, was aber auch nicht ganz bezeichnend
wäre, denn der Engländer ist nach meiner Meinung der weit
originalere und weniger archaisirende von den beiden. Die
beiden wundervollen landschaftlichen Blätter von Birket
Foster (Pictures of English Landscape 1864) lassen sich ge-
trost neben jedes Ölgemälde von dem Vater der intimen
Landschaft in England, dem großen John Constabh, stellen.
Die Geschichte der Illustration in England zu schreiben
ist eine Aufgabe, die selbst den aufopferungsfähigsten und
gewissenhaftesten Kompilator abschrecken muss, so reich und
vielseitig ist der Stoff, namentlich — offen sei's gestanden —
im Vergleich zu unserm deutschen. Die Zehntausende von
Abdrücken, welche in Büchern und periodischen Publikationen
erschienen, sind geradezu verwirrend. Da giebt denn Gleeson's
Auswahl einen im ganzen dankenswerten Uberblick und füllt
eine Lücke aus, die allen nachfolgenden Arbeiten einen
nützlichen Anhaltspunkt geben wird. In diesem Sinne
können wir das Buch mit aufrichtiger Anerkennung begrüßen.
Die Kunst des Illustrators ist ein wichtiger Faktor geworden
in der Kunstgeschichte des nunmehr abschließenden Jahr-
hunderts, welches die Wiedergeburt des Holzschnittes und
die übrigen, schnell darauf folgenden, photomechanischen
Verfahren zeitigte. Diese Einsicht war der leitende Gesichts-
punkt bei der Abfassung des vorliegenden Werkes, das so
viel aufopfernde Thätigkeit und gewissenhaftes Studium vor-
aussetzt. Wir wollen mit den Worten des Herausgebers
schließen, dessen begleitender Text, nebenbei bemerkt, sehr
anregend zu lesen ist: „Der Kompilator hat immer die
wenigste Befriedigung in solchen Fällen. Die Nachfolgenden
genießen die Freude, seine Mängel und Fehler aufzudecken,

deren er sich selber nur zu bewusst ist!"..... Wir wollen

das nicht thun, sondern uns des gebotenen Guten erfreuen
und es jedem Kunstfreund angelegentlichst empfehlen.

W. SCHÖLERMANN.

G. Ebe, Die Schmuckformen der Monumentalbauten aus
allen Stilepochen. Teil IV und V. Leipzig 1896, Baum-
gärtner.

Das vorliegende Werk bietet eine Darstellung der Ent-
wicklung der Stilformen, aber nicht auf die Geschichte der
Ornamentik oder der struktiven Formen sich beschränkend,
sondern beide in ihrer Wechselwirkung darstellend. Die
Gestaltung der Fassade bei Bauten jeder Gattung, ihre
Gliederung und Ornamentirung, die malerische und plastische
Ausschmückung auch des Innenraumes wird gegeben. Ein
derartiges Sammelwerk, mit Fleiß zusammengestellt, fehlte.
Seit mit dem vierten Bande der Baumgärtner'sche Verlag
das Werk übernommen, hat es in seiner Ausstattung außer-
ordentlich gewonnen. Die große Anzahl von Lichtdrucken
und guten Autotypieen großen Formates, die nicht alte

Cliches, sondern reiches neues Material nach Photographieen
bringen, machen das Werk zu einem wertvollen Hilfsmittel
zum Studium für Architekten und Kunstforscher. Nicht nur
die oft behandelten Hauptwerke und Hauptländer, sondern
auch Spanien, Niederlande etc. werden ausreichend in den
Abbildungen berücksichtigt. Besonders dankbar ist es zu
begrüßen, dass die Ornamente, Kapitelle etc. nach guten
Originalaufnahmen, einzelnes auch nach Zeichnungen von
Ebe, in genügender Größe wiedergegeben sind. Im Text
wird der Versuch gemacht, eine historische Anordnung und
sachliche Gliederung des Materials zu geben. Auf eigene
Forschungen verzichtet der Verfasser, aber vielleicht wäre es
von Vorteil gewesen, wenn er der neueren Forschung noch
genauer gefolgt wäre. So wenn er die Renaissance in Italien
mit der Konkurrenz um die Baptisteriumthüren beginnen
lässt, oder behauptet, das Niello habe zur Erfindung des
Kupferstiches geführt. Streiten ließe sich über die Be-
hauptung, die kirchliche Malerei der Renaissance verliere
durch Verweltlichung des Inhalts an Großartigkeit (vgl. da-
gegen Masaccio, Michelangelo u. a.). Oder über die Meinung,
die antiken Masken, Sphinxe etc. würden jenseits der Alpen
„regelmäßig" durch Fratzenhaftigkeit absurd, Donatello's
religiöse Figuren brächten besonders Innigkeit und religiöse
Schwärmerei zum Ausdruck u. a. m. Ferner ist die Dekoration
der Fensterrahtnungen im Hofe des Pal. Quaratesi doch kaum
von Brunelleschi, sondern wohl von Giuliano daMajano, kom-
men Pilasterstellungen an Palastfassaden der Frührenaissance
schon vor Alberti am Pal. der parte guelfa vor, ist der Pal. Uguc-
cioni nicht mehr vermutungsweise dem Raffael, sondern Mariotto
di Zanobi Folfi zuzuschreiben. Der Ausdruck Initialien, die
mehrfache Nennung des Palastes Pandolfino (statt Pan-
dolfini) u. a. wären besser vermieden. Ist somit dem Histo-
riker vielfach Anlass zu kritischen Verbesserungen gegeben,
so ist doch dieser erste Versuch, nach den oben genannten
Gesichtspunkten eine Geschichte der dekorirenden Bauformen
im weitesten Sinne des Wortes zu schreiben, recht verdienst-
lich und die Beurteilung der Bauten und ihrer Schmuck-
formen vom künstlerischen Standpunkte aus für viele von
großem Interesse. M. SCH.

Karl Theodor Heigel. Geschichtliche Bilder und Skizzen.
München, J. F. Lehmann, 1897.
Der geistvolle Münchener Professor und Essayist hat
in der neuen soeben erschienenen Folge seiner Essays auch
einige kunstgeschichtliche Gaben, über die kurz berichtet
sei. Da ist zuerst ein Aufsatz: „Die französische Revolution
und die bildende Kunst", ausgehend von Taine's Lehre der
Wechselwirkung zwischen Kunst und nationalem Leben ent-
wirft Heigel auf dem Hintergrunde der politischen und
kulturellen Zustände in der zweiten Hälfte des 18. Jahr-
hunderts ein Bild der gleichzeitigen Kunstentwicklung. Der
tiers dtat des Abbe Sieyes, die Sentimentalität in Paul et
Virginie spiegelt sich wieder in den Bildern von Chardin
und Greuze, die in unzähligen Stichen verbreitet wurden.
Ferner, welches Künstlers Werke sind mehr der Spiegel
seiner Zeit, dessen Geist er widerspiegelt, als die Bilder
David's, dessen strenge Kunstherrschaft nur mit dem ana-
logen politischen Tyrannis seines Freundes Robespierre ver-
glichen werden kann. Dass unter solcher Zuchtrute Frei-
heit und Individualität verbannt waren, leuchtet ein. Keiner
schmachtete mehr darunter als Proudhon, aber dennoch hängt
hie und da von ihm „im Salon zwischen den Schildereien
blutiger Thaten und stürmischer Vorgänge ein wunderlich
abstechendes tldilliov, eine anakreontische Studie, der
Künstlertraum einer jonischen Sommernacht!" Nur die po-
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