Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 20.1909

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DIE AUSSTELLUNG MÜNCHEN 1908



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HALLE I (MONUMENTALE UND BÜRGERLICHE RAUMKUNST)

WILHELM BERTSCH

WAS BEDEUTET DIE AUSSTELLUNG MÜNCHEN 1908?

WIR stehen heute am Beginn eines wahrhaft bürgerlichen Kunstgewerbes, an derselben Stelle, von der
wir schon vor 50 Jahren unter günstigeren politischen Umständen hätten ausgehen können. Heute
erst erkennen wir, weshalb es jener Zeit nicht möglich gewesen ist, die allgemein erwartete bürger-
liche Kunst zu gebären. — Nach dem Vorübersturm der großen französischen Revolution und nach der glück-
lichen Beendigung der Freiheitskriege war die Sehnsucht des deutschen Volkes nach friedlichen Verhältnissen
und nach bürgerlicher, beschaulicher Ruhe übermächtig geworden und fand in dem sogenannten Bieder-
meierstil einen starken, individuellen Ausdruck. Wenn wir heute diese rührend bescheidenen Möbel und
diese trauten Häuser betrachten, so müssen wir gestehen, daß nur ganz selten eine Nation vermocht hat,
ihr Gefühl und ihre Sehnsucht so sehr den Gegenständen der Umgebung mitzuteilen, wie das deutsche
Volk in der Zeit von 1820 bis 1850. Aber gerade in diesem Überschwange des Gefühles, in dem »Ver-
wechseln des Organischen mit seinem Ausdruck« lag schon die logische Hemmung, die jene künstlerischen
Versuche nicht zu einem wirklich dauerhaften Stile gelangen ließ. Der gleiche Mangel an persönlichem Maß-
halten, an der Beherrschung der Leidenschaften wurde dem keimenden bürgerlichen Geiste auch in poli-
tischer Hinsicht zum Verhängnis! Das treibende Verlangen unserer Väter nach einem friedlichen Zusammen-
schlüsse der deutschen Völker führte weit über das nächste Ziel hinaus und ließ die naheliegenden poli-
tischen Notwendigkeiten unbeachtet. Die Folge davon war, daß die Reaktion von oben, die der Situation
bedeutend kühler gegenüber stand, diesen schönen sehnsüchtigen Bestrebungen, wenn auch nicht für immer
so doch für lange Zeit, den Boden entziehen konnte. An die Stelle der freiwilligen Sehnsucht nach Frieden
und Ruhe trat das ertötende polizeiliche Kommando »Ruhe ist die erste Bürgerpflicht«. Die erzwungene
äußerliche Ruhe hat den sogenannten »Biedermeierstil« mit einer unheimlichen Geschwindigkeit vollkommen
vom Boden fortgeblasen, ein Ergebnis, das sich nicht denken ließe, wenn der »Stil« wirklich in den Objekten
und nicht erst in den Subjekten begründet gewesen wäre. Es trat eine erschreckende Leere ein. Die Zeit
um 1850 fand das deutsche Volk vor einem vollkommenen künstlerischen Bankerott. Die Architektur, die
Führerin aller Künste, begann in der ödesten Gleichmacherei und in dem Wüste bürokratischer Verordnungen
zu ersticken und der'Rückschlag machte sich bald auch an den Gegenständen des täglichen Lebens bemerk-
bar: die nährende Kraft des architektonischen Gefühles versiegte schnell und ganz. — Doch als der Quell
der schöpferischen Gegenwart gewaltsam verschüttet war, da öffnete die Erde sich und gab den reichen
Schatz der Vergangenheit heraus, mit dem die deutsche Kunst so lange Zeit künstlich am Leben erhalten
worden ist. Wenn wir heute auf diese Zeit der Stilnachahmung mit gewisser Verachtung zurückzublicken
uns gewöhnt haben, so vergessen wir immer, mit welchem ungeheuren Enthusiasmus die Wiederentdeckung
vergangener Künste begrüßt worden ist, und wie sicher man geglaubt hat, den Anschluß wieder gefunden

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