Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 20.1909

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AUSSTELLUNG DARMSTADT 1908



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EIN RÜCKBLICK AUF DAS KUNSTGEWERBE DER
HESSISCHEN LANDESAUSSTELLUNG DARMSTADT 1908

Ein kurzer Überblick bei Eröffnung der Ausstellung,
den die »Kunstchronik« vom 12. Juni brachte, mag als Ein-
leitung zu diesen Zeilen mitgelten. Inwischen hat es der
Berichte über das Allgemeine schon so reichlich gegeben,
daß es angebracht erscheint, sich hier auf Einzelnes zu
begrenzen. °

n Zweifellos lag der Schwerpunkt der Ausstellung dies-
mal in der angewandten Kunst, nachdem wir nachgerade
der »freien« ein wenig müde und überfüttert sind. □

„ Ungeheure Lebenskraft bleibt unausgelöst, die jährlich
im veredelten Handwerk Tausenden Ansporn und Glücks-
gefühl sichern könnte. F.s ist nicht genug, sagt Ruskin,
wenn wir den Menschen bloße Existenzbedingungen
schaffen. Wir sollten an seinen Lebensinhalt denken,
indem wir durch unsere höheren Bedürfnisse dazu bei-
tragen, Andere nicht nur zu ernähren, sondern zu erheben
durch die Arbeit. Es ist besser, von den Leuten höhere
Leistungen in der Qualität der Arbeit zu verlangen, als
ihnen eine höhere- Erziehung zu geben, die viele aber
ihre Arbeit emporhebt. Die Arbeit müßte über ihnen stehen!
n Der Zug zum Unpersönlichen wird jetzt deutlich fühl-
bar im Kunstgewerbe. Nicht mehr wie bei der Ausstellung
1901, baut und bosselt und bebaut man alles »individuell«.
Allzu persönlich ging's dazumal her. Jeder Qiebelknopf
und jeder Griff am Gartentor sollte die »Signatur« des
Künstlers, des Entdeckers tragen. — Heute verlangt man
nicht jedem Dinge auf zehn Schritt schon anzusehen, ob
es von Behrens, Olbrich oder Riemerschmid ist. Wenn
ein Bücherbord nur gut und brauchbar ist, — wer es
erdacht und gemacht hat, danach fragen wir später.
Dem jugendlichen Spieltrieb von 1898 und 1901 folgt der
um ein Jahrzehnt reifere Zwecktrieb. Im ganzen ist dies
das Hauptmerkmal der Darmstädter Ausstellung von 1908.
Das Persönliche wird dadurch nicht gehemmt, aber es
sind stärkere Persönlichkeiten erforderlich, um im Sach-
lichen ganz Einfaches, Selbstverständliches zu bilden. Der
Übergang zum Stil ist dies. Nicht schon der Stil selber.
„ Für Erweiterung der Anwendungsmöglichkeit in der
Keramik hat die Großh. Keramische Manufaktur unter Lei-
tung Scharvogels bereits Bedeutendes in der kurzen Zeit
ihres Bestehens hervorgebracht. Hier handelt sich's haupt-
sächlich um die Verwendung der Terrakotta im kerami-
schen Schmuckhof und in der daran anschließenden Warte-
halle für Nauheim. Beide Räume sind für die neue Bad-
hauseinrichtung des seiner Fertigstellung entgegengehenden
großen Gebäudekomplexes bestimmt, welchen die Kurver-
wallung in Verbindung mit der Baubehörde für die Neu-
bauten in Bad Nauheim errichten läßt.
D Der offene Hof, architektonisch entworfen von Bau-
inspektor Jos! (Nauheim) zeigt die ausgiebigste Terrakotta-
verkleidung aller konstruktiven und dekorativen Bauteile,
der Pfeiler Friese und Kapitale, sowie durch Einlegen in
die verputzten Wandflächen. Das helle sattgelbe Material
der »gebrannten Erde« in solchem Umfang zur Geltung zu
bringen, erscheint als eine Neuheil, weil wir meist be.
dem Ausdruck Terrakotta nur an die bekannten Figurchen
zu denken gewohnt sind. Anerkennenswert als technische
Leistung, scheint sie mir stilistisch nicht das Richtige zu
sein Das Figürliche und Dekorative bleibt noch im Na-
turalismus stecken. Mit Flachornamenten oder selbst Hoch-
reliefs aber streng stilisiert, wäre künstlerisch mehr ge-
gewonnen. Eine plastische, dekorative Form steht künst-
lerisch um so höher, je flächiger, synthetischer und abstrakter
sie gedacht ist! Hier kommt es nicht auf Haare und kleine,

krause Linien an. Der Bildhauer Jobst, der die schöne
Geschlossenheit des Hofentwurfes (von Bauinspektor Jost)
seiner Plastik zuliebe durchbrach, hat diese Zerstückelung
nicht durch etwas Ebenbürtiges gutgemacht. Im Stil ver-
sagte ihm die Kraft. Hübsch, wenn auch mit deutlichen
Reminiszenzen an Norditalien, ist sein Brunnen. Seine
vielen Schnecken, Hummer und Seepferdchen aber auf den
Terrakottapfeilern wirken wie Gipsabgüsse nach der Natur.
Auch die Frösche auf der Sitzbank, die einem sich Aus-
ruhenden geradezu ins Gesäß beißen, sind an der Stelle
überflüssig. So hübsch die Tierchen an sich sein mögen,
mit einem Abguß nach der Natur schafft man noch kein
Ornament. □

o Anders im Material und Stil wirkt die Wartehalle für
Nauheim. Alles Plastische wurde hier vom Bildhauer
Huber in Offenbach geschaffen und ist an sich gut. Leider
auch hier des Guten viel zu viel! Anfangs wirkte der
Raum kahl, bis die Wandgemälde Ludwig von Hofmanns
hinein kamen. Dann füllte sich der Raum nach und nach,
und je mehr hinein kam, desto schlimmer wurde er!
Wozu noch die Masken dicht unter den schönen, starkaus-
ladenden und abschließenden Kinderkapitälen? Die Pfeiler
ringsum bauen sich so ruhig tragend auf mit ihrer kräf-
tigen Bekrönung. Sobald die grinsenden Masken daran
geklebt wurden, sah man nur diese und die schlichte
Schönheit war verloren. □

d Über die technischen und »stofflichen« Vorzüge dieser
Scharffeuer-Fliesen und Email-Glasuren sei noch folgendes
hervorgehoben: a

□ Es gibt keramische Materialien, die sich für Bauten
eignen und dabei kein Wasser mehr aufnehmen, weil ihr
Scherben gesintert, d. h. verglast ist. Terrakotta zeigt zum
Unterschied von Ziegelmaterial eine Ofenhaut, d. h. der
eigentlich ganz poröse Scherben sintert auf der Oberfläche,
während das Innere saugend bleibt. Solch ein an die
Fassade eines Hauses versetztes Terrakottarelief hält jede
Witterung aus, vorausgesetzt, daß in dem Relief nicht
Stellen sind, in denen das Wasser stehen bleibt, wodurch
dessen schnelle Verdunstung hintangehalten wird. Will
man ein Terrakottagefäß über Winter im Freien stehen
lassen, darf man das getrost tun, wenn nur dafür gesorgt
ist, daß unter dem Boden das Wasser ablaufen kann. Da-
gegen zeigt ein mit Erde gefülltes, im Freien stehen ge-
bliebenes Gefäß fast stets, daß das in die Erde eindringende
Wasser das Gefäß beim Gefrieren auseinandertreibt. Im
Ziegelrohbau Terrakotta zu verwenden (wie es manche
ältere Bahnhöfe zeigen), ist verkehrt; man darf ihr auch
kein hohes Relief, keine Unterschnei düngen geben, denn
es gefriert leicht das Wasser darin und treibt das Relief
auseinander. Man sollte aber die Terrakotta mehr ver-
wenden als heute, wo man in allerlei Zementputz eine
atwas kleinliche Zierkunst betreibt. In die verputzte Wand-
fläche eingelegte Versatzstücke aus Terrakotta geben eine
vorzügliche Wirkung, wofür aus den besten Zeiten der
Baukunst zahlreiche Beispiele erhalten sind. a

a Die Anlage der Kleinwohnungskolonie nach den Plänen
von Wienkoop spricht sofort günstig an und ist ein dankens-
wertes Unternehmen des Ernst-Ludwig-Vereins, hessischen
Zentralvereins für die Errichtung billiger Wohnungen. Ich
habe anderweitig so eingehend darüber geschrieben, daß
hier nichts mehr zu sagen übrig bleibt. D

o Die im ganzen geschlossene Außenwirkung und Raum-
verteilung beim Bau für angewandte Kunst weist an einer
Stelle eine Lücke auf, nämlich beim Einbau der »Halle«

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