Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 20.1909

Seite: 81
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DIE PFORZHEIMER SCHMUCK-INDUSTRIE



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Carl Böhringer

Tafelaufsatz

DIE PFORZHEIMER SCHMUCK-INDUSTRIE

VOR einiger Zeit zerbrach man sich in der Berliner Reichsbank die Köpfe, wohin wohl die Vorräte an
gemünztem Golde verschwänden. Schließlich erinnerte man sich der Pforzheimer Ooldwarenindustrie,
die jetzt jährlich für über 60 Millionen Mark Zehn- und Zwanzigmarkstücke einschmilzt, mehr als die Hälfte
dessen was im ganzen Deutschen Reiche jährlich von den Goldschmieden verarbeitet wird. Man bedient
sich mit Vorliebe des gemünzten Goldes, weil man sich auf dessen bekannte Legierung unbedingt verlassen
kann was bei dem Bezüge in anderer Form nicht immer der Fall ist. Als im Jahre 1907 die große Geld-
krisis und Goldknappheit eintrat, wurde der Edelmetallindustrie in Pforzheim dieser Bezug ihres Roh-
materials erheblich erschwert, denn die Reichsbank ergriff besondere Maßregeln, um ihren Goldbestand zu
schützen- sie wies die Reichsbank-Nebenstellen an, die Reichsbanknoten nicht mehr mit Gold einzulösen,
wozu laut Aufdruck auf den Scheinen nur die Hauptstelle in Berlin verpflichtet ist. Nun hätten die Pforz-
heimer Goldwarenfabrikanten ihre 60 Millionen in Gold aus Berlin beziehen müssen; damit wären ihnen
ungeheuere Kosten für Fracht, Versicherung, Zinsen usw. entstanden, und einige Zweige der Pforzheimer
Industrie die Gegenstände von hohem Materialwert mit geringstem Verdienstaufschlag hervorbringen, hätten
sehr leicht damit ganz zugrunde gerichtet werden können. Die Handelskammer von Pforzheim legte sich
ins Mittel bat aber die Reichsbank vergeblich um die Lieferung von Zainengold im Feingehalt des Münz-
goldes — die Not war groß. Aber trotzdem wußten die Pforzheimer sich zu helfen, wie -- das muß ihr
Geheimnis bleiben. °

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