Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 20.1909

Page: 136
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstgewerbeblatt1909/0143
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
136

TECHNOLOGISCHE SAMMLUNGEN KUNSTGEWERBLICHER RICHTUNG

pflegt wird, immer mehr in Verfall gerät. Ganze Kara-
wanen, Tiere, Landschaften, Menschen, sogar nackte
Menschen sind uns in den letzten Jahren vorgeführt worden.
Auf Reformkleidern und Kissen präsentieren sich Eisen-
ornamente in Kurbelstickerei. Überall spürt man den
Zeichner, der ohne sachliches Verständnis am grünen Tisch
seine Muster formt. □

n Vom Buchgewerbe braucht man nicht zu reden. Es
ist der eigentliche Tummelplatz für alle Elemente, die mit
ihren Versuchen nirgends ein Unterkommen fanden. Schein-
bar sind hier ja die geringsten technischen Klippen. Alles,
was nur eine viereckige Fläche ausfüllt, soll als Buchdeckel,
Titelbild, Illustration, Vignette, Plakat, Emballage, Kalender,
Menü oder Geschäftskarte verwertet werden. Daher ist auch
hier die Opposition der Fachleute, die sich leider ein bißchen
zünftlerisch gebärden, so stark. Sie wehren sich — und
zwar vergeblich — gegen eine Sündflut von verpinseltem
Zeichenpapier. Sie wehren sich gegen die mitunter gro-
tesken Anforderungen, die an unsere gewiß hoch ent-
wickelten cheinigraphischen Verfahren gestellt werden.

Dabei wird heute gerade auf diesen Gebieten von be-
währten Künstlern viel Gutes geleistet; allein diese Arbeiten
machen nur einen winzigen Bruchteil von dem aus, was
von jenem gewerblichen Proletariat gefertigt wird. o

n Dagegen gibt es nur ein Mittel: eine stärkere technische
und gewerbliche Ausbildung der jungen Zeichner. Die Schul-
werkstätten könnten hier sehr segensreich wirken. Alle
unsere bedeutenden Kunstgewerbler haben sich in die
Werkstatt begeben, haben sich von dem Fachmann unter-
weisen lassen und haben sich vertraut gemacht mit den
Bedingungen, die den Herstellungsprozeß und das Material
stellen. Es ist keineswegs notwendig, daß sie jeden Fach-
griff und jeden Fachkuiff keimen lernen, daß sie selbst
jeden Entwurf auszuführen vermögen. Nur über das
Wesentliche und die Wesenszüge der Herstellung müssen
sie sich klar geworden sein. Dann wird ein Zusammen-
arbeiten mit dem Fachmann möglich und ersprießlich. Dann
ergeben sich ihnen aus Material und Technik formale
Werte, zu denen der Platoniker niemals vordringen kann.

Paul Westheim.

TECHNOLOG. SAMMLUNGEN KUNSTGEWERBLICHER RICHTUNG

B. GRUPPE HOLZ

Abbildung 10. Gewundene Säulchen in Dreh- und Fräs-
arbeit. Die Windungsdreherei spielt zwar augenblicklich
im kunstgewerblichen Schaffen nahezu keine Rolle mehr,

.sie ist aber technisch sehr interessant. R. Stübling hat
eine Einrichtung erfunden, mittelst welcher auch verjüngte
Windungen auf der Drehbank auszuführen sind.

Abbildung n. Säulchen, durch Passig- und Kantig-
dreherei hergestellt. Wird beim Holzdrehen das Werkzeug
wie beim Runddrehen bewegt, sein Abstand von dem
Arbeitsstück während des Umlaufs des letzteren aber ge-
ändert oder das Arbeitsstück selbst verschoben, so ent-
stehen höchst eigenartige Dreharbeiten, deren Querschnitte
auch sphärische Drei-, Vier- oder Vielecke sein können.
Solche Beispiele veranschaulicht die Abbildung.

_
loading ...