Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 20.1909

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GRAPHISCHE ARBEITEN VON R. GRIMM-SACHSENBERG







gunsten des Handwerks, ob als Werkbund, ob als fach-
liche Fortbildungsschulen und Lehrwerkstätten, ob in Ge-
stalt großer kunstgewerblicher Ausstellungen — wenn das
alles unser ernstlicher Wille ist — und wer sollte daran
zweifeln? — so müssen wir die auf dem Wege dieser
Ausstellung sich kundgebenden Regungen willkommen
heißen und mit Offenheit das Gute der dargebotenen Ar-
beit anerkennen. Das erfordert die Ehrlichkeit und die
Konsequenz. n

o So wurde denn die Ausstellung auf Grund der mäch-
tigen Anstrengungen, welche man erhob, eine sehr um-
fangreiche und eindrucksvolle. Sie umfaßt, und zwar voll-
ständig wohnfertig eingerichtet und in einem staatlichen
Gebäude in Räumen des täglichen Gebrauchs unterge-
bracht, erstens eine herrschaftliche, zweitens eine bürger-
liche Wohnung und drittens Repräsentationsräume, in zu-
sammen fünfundzwanzig einzelnen Zimmern. Die beste
Übersicht des Planes der Ausstellung gewinnt man durch
eine einfache Aufzählung dieser Räume. Die herrschaft-
liche Wohnung besteht aus Rauchzimmer, Speisezimmer,
Küche, Fremdenzimmer, Zunft-
stube, Kinderzimmer, Damen-
zimmer, Salon, Vorzimmer,
Wohnzimmer, Bade- und An-
kleidezimmer, Schlafzimmer
und Zwischengang. Die bürger-
liche Wohnung umfaßt zwei
Vorplätze, Küche, Wohnzim-
mer, Badezimmer, Schlafzim-
mer, Salon und Bauernstube.
Ein großer Kreuzgang, gleich-
falls vollständig ausgestattet,
verbindet diese Wohnungen
mit den Repräsentationsräu-
men, die aus einem Musik-
zimmer, einem Foyer und dem
Arbeitszimmer eines hohen
Staatsbeamten bestehen. □
o Eine genaue Kritik wird
nun freilich an den darge-
botenen Raumbildern eine
Reihe von Einwendungen zu
erheben haben, namentlich
was denschwierigstenTeil der
Aufgabe, die Repräsentations-
räume, anbetrifft, indessen der
Beweis wurde erbracht, daß
gegenüber einer sinn-, einer
sach- und fachgemäßen An-
wendung der Farbe im Räume,
der feinen Verzierung der Flä-
che durch zurückhaltende Und R. Grimm-Sachsenberg

wohlabgewogene Malereien gegenüber, die sogenannte
Weißmalerei den Rückzug antreten muß. Es kommt eben
nur darauf an, daß die dekorative Zimtnermalerei heraus-
findet, welche Rolle ihr bei einem modernen Schmucke
des Raumes zukomme, nämlich, daß sie keineswegs die
Haupt- und Staatsperson sei, welche allein zu befehlen
habe. Das aber haben die Veranstalter der Ausstellung
richtig erkannt, und danach haben sie gehandelt. Dabei
zeigten sich diese Veranstalter keineswegs als Fanatiker
z. B. der bemalten Decke um jeden Preis, sondern sie
ließen auch dem glatten, weißen Plafond sein Recht, wo
es ihm, nach Lage der gewählten Umstände in der De-
koration des Raumes, gebührte. Was gleichfalls die dar-
gebotenen Arbeiten in besonderer Weise charakterisiert,
das ist die Art und Weise, wie man es verstand, das Ge-
samtbild der Räume harmonisch abzustimmen, also die
farbigen Flächen oder Malereien im Verein mit den Möbeln,
Teppichen, Vorhängen und den sonstigen zahlreichen Aus-
stattungsgegenständen der Zimmer. In dieser Beziehung
versah sich der Beobachtende am meisten eines Straucheins

— es kam auch hier nicht
dazu. Es ist ferner im Auge
zu behalten, daß, wie die
Ausführung der dekorativen
Malereien, auch ihr gesamter
Entwurf, sowie die übrige
Komposition der Raumbilder,
in den Händen der beteiligten
Werkstätten selbst lagen.
Insgesamt 78 an der Zahl,
welche der Münchener Orts-
gruppe des Verbandes der
Süddeutschen Dekorations-
malerei angehören,vereinigten
sich zu der gemeinsamen Ar-
beit und der Erfolg lohnte
denn auch diese ehrlichen
Anstrengungen. Zum ersten-
mal unternahm es mit ihnen
die Dekorationsmalerei in
Deutschland, eine derartig
umfassende Veranstaltung
durchzuführen, die sich ganz
und gar auf den modernen
Ausstellungsprinzipien auf-
baut — ein gewaltig weiter
Weg, der damit bis hierher
von den früher üblichen, heil-
losen Fachausstellungen zu-
rückgelegt wurde. o

Exlibris

HEINRICH STEINBACH.

BUCHKUNST UND IHRE KULTURENTWICKELUNG

n Im Anschluß an die gleichfalls erweiterte graphische
Abteilung hat das Kaiser-Friedrich-Museum in Magdeburg
einen Raum mit der Darstellung der Buchkunst und ihrer
Kulturentwicklung neu eröffnet. Die Geschichte des Buches,
seiner gesamten Ausstattung und seines Zusammenhanges
mit dem Charakter der jeweiligen Epoche wurde in ähn-
licher Weise vorgeführt und mit Erklärungen versehen, wie
die Geschichte des Innenraums in der Zimmerfolge des
Erdgeschosses. Der Besucher gewinnt dergestalt den Ein-
druck einer logischen und augenfälligen Entwicklung bei

einem wichtigen Zweige des Kunstgewerbes und kann an
der Art und Dekorierung der Bücher den Geist der Zeiten
oft lebendiger spüren als aus dem Inhalt der Werke. Von
den Pergamenthandschriften des 13. bis 15. Jahrhunderts
mit ihrer sorgfältigen Ausstattung, mit den farbigen Initialen
und Miniaturen gibt es einige ausgezeichnete Beispiele,
vor allem die Ordo consecrationis crismatis, geschrieben
von Henricus de Jericho, mit einer Darstellung der Kreu-
zigung Christi, 1214 datiert. Sodann ein kostbares Bruch-
stück des Lateinischen Psalters von 1457, von Fust und
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