Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 20.1909

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WETTBEWERBE DER LEIPZIGER GEWERBEKOMMISSION

Stuhl, Tisch und Klubsessel von Rudolf und Fia Wille-Berlin

DIE AUSSTELLUNG VON NEUARTIGEN ENTWÜRFEN FÜR INNEN-
DEKORATION IN DEM LEIPZIGER KUNSTGEWERBE-MUSEUM

o Bereits Ende 1907 hatte die von der Gewerbekammer
zu Leipzig berufene Gewerbekomniission beschlossen, für
das Frühjahr 1908 Gewerbetreibende und Künstler zu
einer Ausstellung von Entwürfen für Innendekoration auf-
zufordern, die den von der neuen kunstgewerblichen Rich-
tung weniger bevorzugten Gewerben der Tapeziere, Posa-
mentiere, Stukkateure, Drechsler und Holzbildhauer Ge-
legenheit geben sollte, durch Einsendung von Entwürfen
oder ausgeführten Arbeiten die Möglichkeit einer aus-
gedehnteren Verwendung ihrer Leistungen in der modernen
Innendekoration darzutun. Die Einsendungen, die auf das
Ausschreiben der Leipziger Oewerbekammer aus dem Kammer-
bezirk eingingen, waren indessen quantitativ zu gering und
qualitativ zu einem großen Teile dem zu fordernden Niveau
nicht entsprechend, so daß von einer öffentlichen Ausstellung
abgesehen werden mußte, da die mit einigen beachtens-
werten Arbeiten vertretenen namentlich aufgeforderten aus-
wärtigen Künstler mit Rücksicht auf die im Kammerbezirk
ansässigen Gewerbetreibenden und Künstler der Zahl nach
zu gering erschienen, um durch ihre Einsendungen wesent-
lich nachhaltige Anregungen geben zu können. o
o Auf die Klagen einer Anzahl Gewerbetreibender und
Künstler, daß die Herstellungsfrist von der Kommission
zu kurz bemessen sei, entschloß man sich, um allen der-
artigen Einwendungen die Spitze abzubrechen, ein erneutes
Ausschreiben hinausgehen zu lassen, in dem als Termin
für die Einlieferung der Arbeiten der 30. September 1908
festgesetzt wurde. o
o Daraufhin erfolgte eine etwas regere Beteiligung von
Seiten der in Betracht kommenden Gewerbe. Von den
aufgeforderten Künstlern fanden sich erneut ein: Erich
Klelnhempel und Karl Groß in Dresden, Horst Schulze in
Leipzig, Heinrich Vogeler in Worpswede und Rudolf und
Fia Wille in Berlin. o
o Um einen Standpunkt für die Beurteilung der ein-

gesandten Arbeiten ihrer Anzahl und ihrem Werte nach
zu finden, ist es nötig, sich über die Begründung der von
den genannten Gewerben vorgebrachten Klagen über ihre
Zurücksetzung durch die moderne Geschmacksrichtung zu
orientieren. Einen zusammenfassenden Überblick gewährt
das Gutachten, das die Gewerbekaminer zu Dresden auf
eine Verordnung des sächsischen Ministeriums des Innern
vom 24. Oktober 1906 im Laufe des folgenden Jahres
abgab1). □

n Es wird sich empfehlen, die einzelnen Oewerbe, so-
weit sie nicht direkt miteinander arbeiten, gesondert zu
betrachten. Zunächst die verwandten Zweige der Tape-
ziere, Dekorateure und Posamentiere. In dem steno-
graphischen Bericht über die Sitzung des Geweibeaus-
schusses für den Kamnierbezirk Leipzig vom 15. Novem-
ber 1906 wurde von einer Seite die Dresdener Ausstellung
1906 als die Ursache dafür bezeichnet, daß das Posa-
mentiergewerbe an die Wand gedrückt worden sei. Man
sollte nun meinen, daß gerade in Dresden und dem zu-
gehörigen Bezirk sich die Folgen dieser angebliehen Nicht-
achtung des Posamentiergewerbes besonders auffallend
bemerkbar gemacht haben müßten. Dieser Annahme
widerspricht aber das angezogene Outachten ausdrücklich,
indem es hervorhebt, »daß in verschiedenen Orten unseres
Kammerbezirks von einer Schädigung des Handwerks
durch die neue Kunstrichtung nichts bemerkt worden ist,
teils, weil sich dieselbe dort nicht eingebürgert hat, teils,
weil dort bessere Einrichtungen, an denen z. B. Posa-
menten in Anwendung kommen könnten, nicht hergestellt
werden, teils auch, weil dort bei der Anfertigung besserer
Einrichtungen die Oewerbe meist Hand ,n Hand gehen, wie
es auch von den Auftraggebern gewünscht wird.. n

1) Abgedruckt im »Bericht der Gewerbekammer zu
Dresden über das Jahr 1907«. Teil I, S. 84—89.
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