Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 20.1909

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1IANDWERK UND MASCHINENARBEIT



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HANDWERK UND MASCHINENARBEIT.

Der materielle Gewinn, den uns die Maschine ge-
bracht hat, ist mit dem Opfer einer künstlerischen
Kultur erkauft worden, die mit dem alten Hand-
werk unzertrennlich verbunden war. Seit man angetan-
gen hat, die Bedeutung dieses Verlustes zu begreifen,
sind auch Mittel und Wege versucht worden, um das
Verlorene wiederzugewinnen. Der nächste Weg war
der, daß man sich bemüht hat, die alte Handwerkskunst
selbst wieder ins Leben zu rufen.

Dieser Gedanke ist zum erstenmal in England in die
Tat umgesetzt worden. Auf ihn hat vor etwa einem
halben Jahrhundert William Morris seine Werkstätten ge-
gründet. Es war eine radikale Absage von der Maschinen-
arbeit. Entwürfe, von Künstlern gezeichnet, wurden in
den handwerklichen Verfahren der alten Zeit ausgeführt;
alles auf dem Weg der reinen Handarbeit: handgewirkte
Teppiche, handgedruckte Tapeten usw.

Die Verbreitung des von Morris verwirklichten Ge-
dankens ist inzwischen zu einer großen Bewegung an-
gewachsen. In jeder Stadt mit modernem Kunstlcben
sind Künstlerwerkstätten entstanden, in denen Archi-
tekten, Bildhauer und Maler ihre Kraft in den Dienst
des Handwerks stellen. Alte Bauerntechniken, wie die
Töpferei, die Handweberei, sind aus der Verschollenheit

hervorgeholt und mit neuem, künstlerischem Leben be-
fruchtet worden. Ganz- oder halbverlorene und ver-
kannte Zweige handwerklicher Kunstfertigkeit früherer
Jahrhunderte, wie die Glasmalerei, die Schmiedekunst,
sind wieder neu entdeckt oder neu zu Ehren gebracht
worden. Die »Kunst im Handwerk« ist Losung der Zeit
geworden.

Wirtschaftliche und künstlerische Gründe treffen zu-
sammen. Sucht man dem von Kapitalismus und Groß-

betrieb bedrohten Handwerk im Interesse unserer wirt-
schaftlichen Gesundheit materiell wieder aufzuhelfen, so
spricht beim Kunsthandwerk im besonderen der künst-
lerische Gesichtspunkt naturgemäß das wichtigere Wort.
Es gilt die Hebung des künstlerischen Geschmacks, die
künstlerische Veredelung der durch die fabrikmäßige
Massenproduktion verrohten Arbeit.

Freilich hat diese Propaganda für das Handwerk nicht
in allen Stücken recht behalten. Sic war zu einseitig.
Sic hat den Irrtum begangen, in den junge Bewegungen
so leicht verfallen, zumal wenn sie von idealen Motiven
eingegeben sind: sie hat nicht mehr mit den Grenzen
des praktisch Erreichbaren gerechnet. Man hat so getan,
als ob man im Ernst daran denken dürfe, daß die Ma-
schine dem Handwerk je wieder das Feld räumen werde.
Die Masdiine wurde als die prinzipielle Verneinung des
guten Geschmacks schlechtweg verworfen. Einer redete
dem anderen nach, dall die Maschinenarbeit unbedingt
häßlich sei; daß die Rückkehr zum Handwerk der einzige
Weg sei, um von der Unkultur unserer Zeit wieder zu
einer künstlerischen Kultur zu gelangen.

Es stünde aber schlimm um die Aussichten auf die
Erreichung dieses Ziels, wenn die Maschinenfeinde recht
hätten; wenn das Heil einzig und allein vom Handwerk
kommen könnte.

Die wirtschaftlichen Bedingungen für die Existenz des
Handwerks liegen heute nun einmal von Grund aus
anders als in den Zeiten, wo das Handwerk die wesent-
lichste Form der Arbeit gewesen war. Die Masdiine
arbeitet zu billig. Die Kostbarkeit der handwerkliehen
Ausführung steht in keinem Verhältnis mehr zu dem, was
dem Bedürfnis des Durchschnittsgcbrauchs entspricht.
Es muß einer schon seine besonderen Gründe haben,

Decken-Ventilator der Allgemeinen Eleetricitats-Oeiellschaft gestaltet von Peter Behrens.
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