Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 20.1909

Page: 215
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstgewerbeblatt1909/0222
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
RICH.GRIMM-SftCHSENBERG

■ ■■■■■■■^---^■■■■■■■_M ■_■ ■ ■■■■^»---■■■■M

CT? HPHIK'T JND
BUCHGEWERBE

Von Dr. Hans Vollmer

□ Mit der künstlerischen Kultur, die angefangen hat, uns
auch bei der Ausstattung der unscheinbarsten Gegenstände
des alltäglichen Gebrauches wieder ein Bedürfnis zu werden,
ist auch die künstlerische Buchausstattung wieder das all-
gemeine Postulat der Leute von Geschmack geworden.
Nach einer langen Zeit der absoluten Gleichgültigkeit in
diesen Dingen hat man sich wieder daran gewöhnt, ein
Buch auf seine äußere Form, auf die Aufmachung« hin
kritisch zu betrachten, nicht ohne gleichzeitig sein Urteil
über so fundamentale Fragen wie Verhältnis der Illustration
zum Satzbild u. dergl. gründlichst revidiert zu haben. Die
Unkultur der älteren Buchausstattung lag darin, daß diese
jedes ästhetischen Zusammenhanges entbehrte. Vor allem:
Illustration und Text standen in keinem sinnlich-optischen,
sondern nur in inhaltlichem Verhältnis zueinander. Daß
ein Schriftbild als solches schön sein konnte, daß in dem
Verhältnis von Druckspiegel und Blattgröße eine künst-
lerische Harmonie walten konnte, waren Dinge, die man
ein halbes Jahrhundert lang vollständig vergessen zu haben
schien. Die Illustration wurde durchaus für sich isoliert
entworfen. Erst heute kann man wieder von universalen
Buchkünstlern sprechen, die die vollständige Ausstattung
eines Buches, inbegriffen Einband, Vorsatzpapier, Druck-
type, Zierleiste und Illustration besorgen, die — kurz ge-
sagt — das Buch wieder als künstlerischen Organismus
empfinden und ihr Empfinden in die Tat umsetzen. n

□ Mit in die Reihe dieser mo-
dernen Buchkünstler gehört auch
Richard Grimm-Sachsenberg; kein
Homo novus, der dem Publikum
erst vorgestellt werden müßte,
sondern ein Name, dem man
auf allen Gebieten der typogra-
phischen Kunst und im Zusam-
menhang mit den angesehensten
deutschen Verlagsfirmen begeg-
nen kann, die den jungen Künst-
ler schon seit Jahren mit buch-
gewerblichen Aufgaben aller Art
betrauen. Grimm beherrschtseine
eigentliche Domäne, die Aus-
stattung des Buch-Innern und
-Äußern, ihrer ganzen Weite
nach vom Entwurf der einzelnen
Drucktype an. Bücher, wie die
von ihm illustrierte, bei R. Voigt-
länder in Leipzig erschienene
Anthologie: Frühling und Liebe«
haben schnell ihr Publikum ge-
funden. Und zwar ist es nicht
der Reiz des einzelnen Bildes,
nicht die mit bescheidensten
Mitteln erreichte poetische Stim-

mung, die aus den blattgroßen Illustrationen weht, sondern
in erster Linie die feine Harmonie zwischen Ornamentik und
Schriftsatz, zwischen Bild und rahmender Ranke, die uns
diese Dinge so lieb und wert macht. Grimms Ornamentik
entlehnt ihre Motive mit Vorliebe naturalistischen Vorbildern,
die er durch originelle Stilisierung dem jeweiligen Cha-
rakter des Letternbildes anzupassen versteht. Er opfert
dabei nicht die organische Form dem kalligraphischen
Schnörkel auf; davor schützt ihn sein starkes Naturgefühl,
das in einigen seiner Studien, meist Federzeichnungen,
zum stärksten Ausdruck kommt. Dem subtilen Geäste
einer Weidenkrone, dem ruinösen Innern eines morschen
Eichenstammes, den kapriziösen Formen eines Distelzweiges
geht Grimms Zeichenstift mit einer Liebe und einem Ver-
ständnis für das organische Gewachsene nach, das alle
Bewunderung verdient. Und oftmals kann man bei seinen
typographischen Zierstücken, von denen die Zeitschrift
»Pan« manche hübsche Probe bringt, beobachten, wie
die kalligraphische Linie - - scheinbar unabsichtlich
sich zu organischen Gebilden wieder verdichtet, im Pro-
zeß des Entstehens bereits begriffen, unvermerkt plötz-
lich die charakteristischen Konturen etwa eines Vogels
umzirkelt hat. n

o Die Januar-Kollektivausstellung im Museum des Leipziger
Buchgewerbehauses zeigte die Vielseitigkeit des Schaffens
Grimms auf graphischem und kunstgewerblichem Gebiet.
Neben seiner speziell buch-
gewerblichen Tätigkeit fertigt
Grimm Exlibris, Verlags- und
Firmensignete, Vignetten, Aus-
schmückungen von Einladungs-,
Empfehlungs-, Geschäfts- und
Visitenkarten, Plakatentwürfe,
Vorsatzmuster usw. Alle seine
Arbeiten zeichnet ein sicheres
Stilgefühl, ein gesunder Drang
nach Klärung der Bildform und
zugleich ein starkes Bedürfnis
nach tektonischer Wirkung gleich-
mäßig aus, mag es sich nun
um den Entwurf zu einem Me-
tallbeschlag, einem Bucheinband,
einer Druckletter oder um eine
figürliche Komposition handeln.
Damit ist bereits angedeutet,
daß Grimm eine natürliche Be-
gabung für das Plakat mitbringt,
da er den Sinn für dekorative
Bildwirkung hat. Plakatmäßig
in ihrer Wirkung, möchte man
sagen, sind auch die von ihm
entworfenen beiden neuen Schrift-
arten: die Saxonia und die
loading ...