Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 20.1909

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MEURERS PFLANZENSTUDIEN



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ÜBER EIN MONUMENTALWERK
DES SCHULMANNES MEURER

WER IST MEURER?
Zumeist ist bekannt, daß er ein technischer Schul-
mann ist, der lange in Rom lebte. Was er dort
trieb, ist vielen nicht bekannt. °

d In den Lehrplänen unserer Kunstgewerbeschiilen findet
sich wohl bisweilen eine Klasse Naturstudien oder spe-
ziell Pflanzenstudien im Sinne Meurers . Was ist es mit
seiner Art des Studiums? Natur- und Pflanzenstudien
wurden auch längst von anderen gepflegt. Meurer hat hier-
bei aber ein Verfahren geschaffen, das sich von anderen
sehr unterscheidet. Kurz gesagt durch mehr Gründlichkeit
und die, aus großem Wissen und der Gewissenhaftigkeit
eines Lehrgenies sich ergebenden vielen und hohen Gesichts-
punkte. Schon seine früheren Werke Pflanzenformen
und später Pflanzenbilder , beide bei Kühtmann in Dresden
erschienen, wurden in Fachkreisen sehr beachtet und auch
im Auslände geschätzt und verbreitet. □

□ Die Vorworte beider Werke bringen unter anderen ein-
gehenden Betrachtungen über das Pflanzenstudium an den
Schulen und seinen Beziehungen zur Kunst, ausführliche
Erläuterungen über die einzelnen Gruppen der telefonischen
Formenelemente, über ihre Beziehungen und ihren Ursprung.
Diese lehrreichen Erläuterungen über das Wesen der Kunst-
formen, über die Einflüsse der Technik, der Umgebung,
der Bestimmung und anderer die Formung des Kunstwerkes
beeinflussender Gründe, haben unsere modernen Grundsätze
beim kunstgewerblichen Schaffen klären und gewinnen
lullen. So ist Meiner, und auch dadurch, daß er sehr
früh die Notwendigkeit vermehrten und verbesserten Natur-
stiidiiinis bewies, und dabei einen guten Weg zeigte, als
einer der stärksten Pioniere des neuen Kunstgewerbes an-
zusehen. Während er direkt die Schaffenden aufklärte und
beeinflußte, wurden seine Gedanken von der Kritik allge-
mein verständlieh verbreitet und vervollständigt —, bei einem
Teil der letzteren und dem Publikum allerdings sehr bald
ohne Kenntnis der Quelle, aus der sie flössen. °

o Meurers Art der Betrachtung der Pflanzenwelt ist das
Ergebnis eines Geistes, der ein großes natur- und kunst-
wissenschaftliches Rüstzeug besitzt. a
d Selber Maler, und nach dem siebziger Kriege Lehrer
an der Schule des Kunstgewerbemuseums In Berlin, in
einer Klasse für dekorative Malerei (heute würde man viel-
leicht sagen Raumfärbung oder farbige Raumkunst), mußte
er sich des Formenschal/es der Natur und der geschichtlichen
Kunst bedienen. Schon hierbei ist es bezeichnend, wie er
die vorbildliche Kunst der Vergangenheit studierte, wie er
zu den Quellen drang. Er ging mit seinen Schülern nach
Italien und kopierte am Orte die besten Vorbilder einer
großen Zeit farbiger Raumkunst. Diese Kopien wurden
der Grundstock einer mustergültigen Lehrsammlung In
Berlin und anderen preußischen Städten.
d Damals mag er aber wohl schon erkannt haben, daß
man von dem fertigen Kunstbesitz der Väter nicht allein
und nicht lange zehren könne, — daß man die große
Naturwahrheit und -kenntnis der Alten aus ihren über-
setzten Werken nicht erlangen könnte, sondern daß man
auch wieder an die Quelle, an die Natur, gehen müsse. So
kam er dazu, auch die vegetabile Natur (neben dem längst
üblichen Studium des Menschen) in selbständiger Weise
zu erforschen. Aber da er wiederum als Künstler und
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Schulmann die Anwendung der Naturbeobachtung auf Schritt
und Tritt in der Kunst sah, so suchte er einen Weg, der
beide, Natur und Kunst, verband. Durch dieses Doppelziel
verlor jedes Studium keineswegs an Gründlichkeit. □

o Weil Meurer der mannigfachsten Anwendung und Um-
formung von Naturbildern in der Kunst aller Zeiten begegnete,
wurde sein Naturstudium mit vielseitigerem Blicke und mit
der Berücksichtigung des Verhältnisses zu den Kunstformen
vorgenommen. Das war bisher weder im allgemeinen,
noch für einzelne Spezialberufe des Kunstgewerbes üblich!
Meurer verglich die Natur- und Kunstformen, erklärte und
ergründete sich so tief als möglich ihre Wesenszüge, prüfte
sie auf Zweck, Ursache, Technik, Anwendung, Verände-
rung, Verwandlung usw. und kam zu einer Fülle wertvoller
Entdeckungen. d

d Es ist ein Unterschied und hat einen erhebliehen Ein-
fluß auf das Ergebnis, ob man eine Sache nur einseitig
oder von vielen wechselnden und höheren Standpunkten

CHARAKTERISTISCHE NATURSTUDIF. NACH MEURER

Einfacher Quirlstand. Oekreuzte Verzweigung. Oberschaft und Bluten-
stand des Salbei (Salvia)

1. Schaft, 2. Schaftquerschnitt. 6. Querschnitt unter dem Blatte von
Figur 3 durch den Knoten. 8. Querschnitt durch den obersten Stengel,
5. 7. 8. Reihenfolge von Querschnitten durch den Stengel unten, die
die wachsende Verstärkung der Kanten zeigen. I, 2. i. Verzweigungen

entspringend ans der Achsel des Blattes. Die Aste mit Ihrem Blutenstand
stehen in Scheiden von Laubblättern (Flg. 1), die Einzelblüten in Brak-
teen (Fig. 1). 9, Skala der nuten zu-, oben abnehmenden Proportion der
Zwischenräume der Fiederrippen des Blattes. (Bei 1 die Skala zeigt
die Verhältnisse der Zwischenräume der [nternodlen des Schaftes.)
9, lü. 11.12. Blätter, die sich von der Wurzel nach oben ZU vereinfachen.

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