Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 20.1909

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ZU JOSEPH M. OLBRICHS GEDÄCHTNIS



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J. M. Olbrich

Skizze zu einer Gartenmauer

ZU JOSEPH M. OLBRICHS GEDÄCHTNIS

EINE CHARAKTERISTIK DES MENSCHEN UND DES KÜNSTLERS

VOR ungefähr einem Jahre schrieb ich in meiner Geschichte der modernen Bewegung einige Sätze
über ihn, der einer der großen Erneuerer der Kunst war. □

Das war also zunächst die Frage: Wo blieben wichtige Städte, wie Frankfurt, Leipzig, Hamburg, im
Vergleich mit dem kleinen Darmstadt? Dieses kleine Darmstadt rückte gleich zu Anfang der Bewegung in
die vorderste Reihe der Kunststädte und mußte in einem Atem mit München, Wien und Dresden genannt
werden. Diese vier Städte galten von vorherein als die Brennpunkte des künstlerischen Lebens. Ich weiß
nicht ob die geldreichen und kulturarmen Städte, die ihren Fortschritt nur in dem Bruchstück der materiellen
Größe zeigen können, die feine Lehre begriffen haben, die in dem Beispiel liegt, das die Persönlichkeit gab.
Die moderne Gesinnung des Fürsten erhob die kleine Residenz sofort zu einer geistigen Bedeutung, die die
ungleich mächtigeren Bürgerstädte weit in den Schatten stellt. Während in den deutschen Kunst-, Handels-
und Industriestädten, wo sich Kräfte und Mittel konzentrieren, die Künstler und die auf Neuheit angelegten
neuen Werkstätten sich nur unter einer Last von Widerwärtigkeit, Feindseligkeit und materiellen Hemmungen
durchsetzten und in diesem Kampf die besten Kräfte zerrieben, bot in Darmstadt die persönliche Initiative
des Fürsten mit eigenen Mitteln einer Reihe von neuen Künstlern die Freiheit des unbelasteten Schaffens
und die Möglichkeit der Aufträge, die sich mit der Gründung der Darmstädter Künstlerkolonie einstellten.
i8qq wurde der Wiener Architekt Joseph M. Olbrich nach Darmstadt berufen und 1901 zeigte die eigen-
artige Darmstädter Ausstellung als »Dokument deutscher Kunst« die fertigen Häuser und Ateliers der Gruppe,
die auf der Mathildenhöhe eine neue künstlerische Heimat gefunden hatte. Außer Olbrich, dem Erbauer
der Künstlerhäuser und des Ausstellungs- und Atelierhausgebäudes »Ernst-Ludwig-Haus«, gehörten damals
Christiansen, Bosselt, Huber, Bärck, Habich zur Kolonie und vor allem auch Peter Behrens, der sein Heim
sowie die ganze Innenausstattung nach eigenen Entwürfen errichten ließ. Den Spießer ärgerte die großartige
Berühmung des Wortes »ein Dokument deutscher KßnsU. Die Geschichte der modernen Bewegung hat

Kunstgewerbeblatt. N. F. XX. H. 6 jö
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